Zwischen Integration und Ghettoisierung
Seit der Emanzipation streben Jüdinnen und Juden die gleichberechtigte Anerkennung durch die nicht jüdische Umwelt an und setzen sich dafür ein, dass Vernunft und Demokratie über Vorurteil und Willkür gewinnen. Dass der Abschied von den abgesonderten Lebensweisen im Stetl und die vielfältigen Ausdrucksformen der Assimilation in die bürgerliche Gesellschaft der Moderne den Antisemitismus nicht zum Verschwinden gebracht hatten, war Ende des 19. Jahrhunderts einer der Faktoren für die Verbreitung der Idee des Zionismus: Nur in einem eigenen Staat würde es möglich sein, sich sicher zu fühlen und zu entfalten.
In den letzten 50 Jahren ist die gesellschaftliche Akzeptanz in den westlichen Ländern so gestiegen, dass der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds die jüdische Gemeinschaft «als gut etablierten und integrierten Teil der Schweizer Gesellschaft» bezeichnen kann (NZZ vom 29. Oktober). Ein Ausdruck der sozialen Integration in die heutige säkularisierte Gesellschaft ist die Mischehenquote von etwa 50 Prozent, die bedeutet, dass die Hälfte der von Jüdinnen und Juden eingegangenen Ehen und Partnerschaften mit nicht jüdischen Personen erfolgt. Nicht jüdisch bedeutet hier allerdings nicht unbedingt christlich, sondern oft konfessionslos, säkular oder nicht religiös gebunden und interessiert.
Mit dem Begriff «Mischehe» wird eine Beziehung zwischen zwei Personen mit unterschiedlichen Gruppenzugehörigkeiten bezeichnet, wobei die von mindestens einer Gruppe gewünschte Abgrenzung übertreten wird. Bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden katholisch-reformierte Mischehen so bezeichnet und als Problem behandelt. Heute meldet Wikipedia politisch korrekt, das Wort sei «eine veraltete Bezeichnung für eine Ehe zwischen Personen unterschiedlicher ethnischer, kultureller, nationaler, konfessioneller oder religiöser Zugehörigkeit». Eine Gemeinschaft, die hohe Grenzzäune errichtet und zur Endogamie aufruft, um die eigene Identität zu bewahren, liegt quer in einer Gesellschaft, in der die Integration verschiedener Herkünfte und Kulturen angestrebt wird.
Die nachkriegsgeborenen Generationen mehr oder weniger traditionell aufgewachsener Schweizer Jüdinnen und Juden verfügen über ein überdurchschnittliches Bildungsniveau, sind urban, mittelständisch und kulturell vielfältig interessiert. Sie lernen am Arbeitsplatz, an der Universität oder in der Freizeit nicht jüdische Partner oder Partnerinnen kennen, mit denen sie mehr Gemeinsames als Trennendes teilen. Die Frage nach der Weitergabe des Judentums stellt sich für viele erst im Zusammenhang mit der Elternschaft. Jüdische Männer sind dabei durch die halachisch ausschliesslich matrilineare Transmission des Judentums benachteiligt, weil die orthodox geführten Einheitsgemeinden ihren Kindern den Zugang nur zusammen mit dem orthodoxen Übertritt der Mütter erlauben.
Lange war man der Meinung, dass Menschen in gemischten Beziehungen dem Judentum verloren gehen und deshalb Mischehen bekämpft werden müssen – ein Kampf, der in einer säkularisierten Gesellschaft nicht zu gewinnen ist. Die zugrunde liegende Annahme ist ausserdem unkorrekt. Die Studie im Rahmen des Nationalfondsprojekts NFP 58 «Schweizer Judentum im Wandel» zeigt deutlich: Männer und Frauen, die ihre Partner frei wählen, setzen sich intensiv mit ihrer jüdischen Identität auseinander und viele wollen ihr Jüdischsein an ihre Kinder weitergeben. Sie finden Partner, die sie dabei unterstützen, auch wenn diese aus vielfältigen Gründen nicht selbst zum Judentum übertreten wollen. Wenn die jüdischen Gemeinden es wollen, und ihren Willen mit der Wahl entsprechender Rabbiner bekunden, werden die Kinder aus diesen Beziehungen zum Reichtum der jüdischen Gemeinschaft beitragen.
Die Schwierigkeit, die mit der Verbreitung gemischter Beziehungen in der jüdischen Gemeinschaft auftaucht, ist die inhaltliche Frage nach dem, was die jüdische Identität ausmacht. Der religiöse Aspekt, zu dem sich die Zugehörigkeit beim Übertritt verengt, ist nur einer von mehreren identitätsbestimmenden Aspekten: ebenso wichtig sind die gemeinsame Geschichte, Kultur und Tradition, die ebenfalls emotionale und sinnliche Anteile der Zugehörigkeit mit einschliessen. Was ist die Botschaft des Judentums, auch eines säkularen Judentums, was macht es attraktiv, für die eigenen Leute wie für zugewandte andere? Die Diskussionen zum Inhalt des Jüdischseins sind viel schwieriger zu führen als nach Abschottung gegen aussen zu rufen. Ein universeller jüdischer Wert wie Respekt vor dem Anderen, auch dem Andersgläubigen oder Nichtgläubigen muss immer wieder erobert und erarbeitet werden, denn Integration ist immer ein Prozess in beide Richtungen, der Ängste vor den unvermeidlichen, aber noch nicht bekannten Veränderungen freisetzt. Wenn die mehr oder weniger strikte Einhaltung der Halacha das Jüdischsein nicht mehr genügend definiert, dann muss eine inhaltliche Auseinandersetzung darüber stattfinden – spätestens jetzt.
Madeleine Dreyfus ist Psychoanalytikerin in Zürich.
Sie war am erwähnten Nationalfondsprojekt NFP 58 «Schweizer Judentum im Wandel» mit einer Studie über Mischehen beteiligt.
www.nfp58.ch/d_projekte_vielfalt.cfm?projekt=51,
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