Zwei unbequeme Berichte für Israel

von Jacques Ungar, September 10, 2009
Das durch interne Kritik bereits ziemlich angeschlagene Image des israelischen Bildungswesens erhielt dieser Tage durch die Veröffentlichung eines Berichts der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD auch einen internationalen Anstrich.
SCHÜLER IN ISRAEL Israelische Mittelschulen haben durchschnittlich 33 Kinder pro Klasse

Laut OECD liegen die israelischen Bildungsinvestitionen pro Kind deutlich unter dem für die Mitgliedsländer der Organisation geltenden Durchschnitt – Israel selber strebt die OECD-Mitgliedschaft noch an. Auf Kindergartenniveau werden in Israel pro Kind 3803 Dollar (OECD-Durchschnitt: 5260 Dollar) investiert, in den Primarschulen 4923 (gegenüber 6437) Dollar, und in Mittelschulen 5858 (gegenüber 8006) Dollar. Nach Korea und Japan sind die Klassenzimmer in Israel zudem am dichtesten belegt. Sitzen in den Klassen israelischer Mittelschulen je rund 33 Kinder, sind es im Durchschnitt der untersuchten 32 Staaten nur deren 24, und was die Saläre der Lehrer betrifft, figuriert Israel auf Rang 29. Laut OECD-Bericht beträgt der Unterschied des Jahreslohnes zwischen langjährigen Lehrern und Anfängern in Israel nur gerade 1000 Dollar, was logischerweise keinen finanziellen Anreiz darstellt, um im Beruf eine Karriere aufzubauen. Der OECD-Bericht veranlasste den israelischen Erziehungsminister Gideon Saar (Likud) zur eher vagen Bemerkung, die Daten machten eine «nationale Strategie der Bildungsinvestitionen» erforderlich.

Eine neue Opferbilanz

Ganz anderer Art, deswegen aber aus Jerusalemer Sicht nicht weniger negativ, ist der diese Woche von der israelischen Menschenrechtsorganisation Betzelem veröffentlichte Berichtüber die Opferbilanz des Gazafeldzugs «Gegossenes Blei» Anfang dieses Jahres. Laut Betzelem haben nämlich 774 der von der Armee getöteten Palästinenser gar nicht am Kampfgeschehen teilgenommen. Das sind über die Hälfte der total knapp 1400 palästinensischen Opfer. Deutlich andere Zahlen hatte die IDF vor einiger Zeit publiziert. Von den total 1166 palästinensischen Toten hatten demnach rund 700 der Hamas oder anderen Organisationen angehört. Nur 295 seien unbeteiligte Zivilisten gewesen. Betzelem fordert angesichts seiner Daten eine «unabhängige und glaubwürdige Untersuchung», die sich nicht mit Erklärungen des Militärs begnügen dürfe.

Reise nach Moskau

Grössere Schlagzeilen als die beiden genannten Berichte verursachten diese Woche allerdings die Gerüchte um die geheime Blitzreise von Premier Binyamin 
Netanyahu vom Montag nach Russland. Zuerst hatte es geheissen, er besuche eine Sicherheitsinstallation in Israel, dann wurden in der Gerüchteküche verschiedene arabische Länder als Zielort des Regierungschefs genannt, doch am Mittwoch sickerte es dann durch: Netanyahu hatte in Russland mit seinen Gastgebern dringende Gespräche über wirkliche oder angebliche Moskauer Waffenlieferungen an Teheran und Damaskus geführt. Tags zuvor hatte der Moskauer Aussenminister Lavrov Spekulationen als «reine Lüge» in Abrede gestellt, der Mossad-Geheimdienst habe im Juli im Baltischen Meer den Frachter «Arctic Sea» aufgebracht und bis zu den kapverdischen Inseln entführt, weil das Schiff, das von Finnland nach Algerien unterwegs war, möglicherweise für Iran bestimmt gewesene Luftabwehrraketen vom Typ S-300 transportiert habe. Die Wahrheit über die mysteriöse Angelegenheit wird man vielleicht dereinst in Geschichtsbüchern nachlesen können.

Gespräche in Ägypten

Und wenn wir schon bei der nahöstlichen Reisetätigkeit sind: Netanyahu besucht am Sonntag Präsident Hosni Mubarak in Ägypten, wo laut Kairoer Quellen aber nicht über Gilad Shalits Schicksal geredet werden soll, sondern nur über die Verhandlungen mit den Palästinensern, deren sofortige Wiederaufnahme auch Jordanien dringend fordert. Seinen Besuch in Israel abgesagt hat sodann der türkische Aussenminister Ahmet Davutoglu, als bekannt wurde, Israel werde ihm bei der Passage in den Gazastreifen nicht behilflich sein. Aussenminister Lieberman schliesslich bereiste dieser Tage diverse afrikanische Staaten, offenbar in der Hoffnung, wenigstens dort so gebührend empfangen zu werden, wie es ihm seiner Meinung nach gebührt.