Zurückhaltung als Stärke
Als die israelische Luftwaffe im Juni 1981 den sich im Bau befindlichen irakischen Atomreaktor bombardierte, gingen die Meinungen über die Aktion auseinander. Der Verfasser dieser Zeilen war der Ansicht, der damalige Premier- und Verteidigungsminister Menachem Begin befand sich auf dem Höhepunkt seines Wirkens. Andere hielten die Operation für einen Fehler, da Irak weder vergessen noch vergeben und seinerseits Israel bei der ersten sich bietenden Gelegenheit bombardieren würde. Diese «Gelegenheit» offerierte sich tatsächlich zehn Jahre später, als die irakische Invasion von Kuwait zu der von den USA und deren Alliierten geleitete «Operation Wüstensturm» führte. Bagdad schoss 39 Scud-Raketen gegen Israel.
Als der damalige Verteidigungsminister Moshe Arens der Luftwaffe grünes Licht gab, sich auf einen Angriff auf Irak vorzubereiten, fuhr Arie Deri, damals Vorsitzender der ultrareligiösen Shas-Partei, am Schabbat zu ihm, um ihn davon zu überzeugen, dass diese Intervention katastrophale Folgen für Israel nach sich ziehen würde. Es war dann aber nicht die Shas-Partei, sondern Regierungschef Yitzhak Shamir, der die Aktion abblies, als die US-Administration davor warnte, dass eine israelische Intervention den Auszug Syriens und Ägyptens aus der antiirakischen Koalition nach sich ziehen könnte.
Wozu dieser historische Rückblick? Weil im Laufe der Jahre viele Chefs der Geheimdienste Mossad und Shabak sowie der militärischen Abwehr jene waren, die die israelischen Politiker zurückgerufen und gewarnt haben. Nicht, dass ihre Auftritte und Lagebeurteilungen stets fehlerfrei gewesen wären. Denkt man etwa an den misslungenen Versuch, den Hamas-Politiker Khaled Meshal in Amman zu ermorden, der anschliessend zu einer Spitzenfigur der Hamas wurde. Ganz zu schweigen davon, dass der überwältigende Wunsch, den jordanischen König Hussein zu besänftigen, Israel zwang, Scheich Ahmad Yasin, den geistigen Führer der Hamas, aus dem Exil wieder nach Gaza zurückzulassen.
Als Meir Dagan zum Mossad-Chef ernannt wurde, fürchteten einige Leute, er könnte sich wie ein Elefant im Porzellanladen benehmen. Mit der Zeit aber erwies sich Dagan als kreativer, zurückhaltender und weiser Geheimdienstboss. Das Geschenk, das er zum Abschied zurückliess, enthüllte er in einem Treffen mit Journalisten, als er sagte, Iran werde nicht vor 2015 in den Besitz nuklearer Kapazität gelangen.
Bei einem privaten Treffen meinte der ehemalige Mossad-Chef Ephraim Halevy, Dagan sei zwar nicht «sein Fall», doch teile er seine Ansichten über Iran. Es sei wichtig, den Premierminister vor gefährlichen Schritten wie einer Bombadierung Irans zu warnen. Ein Generalstabschef, der zuvor die militärische Abwehr geleitet hatte, vertritt heute die Ansicht, Barak nähre die Furcht Netan-yahus vor einem Abkommen mit den Palästinensern mit dem Hinweis auf die «Notwendigkeit», sich zuerst mit der iranischen Bedrohung zu befassen.
Die Bombardierung des mit italienischer und französischer Hilfe entstandenen irakischen Atomreaktors war in verschiedener Hinsicht etwas anderes: Erstens hatte Israel in Irak ein einziges Zielobjekt und sehr präzise Informationen. Zweitens wurden die USA im Vorfeld in Kenntnis gesetzt, sie erteilten ihre stillschweigende Zustimmung. Die zugesagte irakische Rache erfolgte zehn Jahre später mit veralteten Scud-Raketen. Ein Israeli starb.
Iran hat die Lehren gezogen und seine Installationen so verteilt, dass eine Attacke nicht von entscheidender Natur sein kann. Zudem hat Iran ein System von Langstreckenraketen geschaffen sowie ein frontales Angriffssystem im libanesischen «Hizbollah-Land». Sollte Irak erneut zehn Jahre für eine mögliche Vergeltung gegen Israel benötigen, so dürfte die iranische Reaktion zeitgleich mit einem generellen Angriff gegen Israel erfolgen – und zwar mit Hunderten von schweren und präzisen Geschossen auf das israelische Hinterland, vielleicht auch mit Angriffen auf Nationen wie Saudi-Arabien.
Bei allem Respekt vor der Macht Israels: Das Land verfügt derzeit nicht über die Stärke für eine entscheidende Aktion in Iran. Angesichts der über die Landkarte verstreuten Ziele würde ein Schlag nicht genügen. Vielmehr würde Israel Hunderte von Flugzeugen benötigen, die sich kontinuierlich in der Luft aufhalten müssten.
Wenn es um Iran geht, handelt es sich um ein Zielobjekt, das Israel in Koordination mit den USA angreifen muss, sei es mit Sanktionen oder schliesslich mit Gewalt. Für Israel ist es wichtiger, sich auf beschleunigte Verhandlungen mit den Palästinensern zu konzentrieren als Iran gegenüber den Helden zu spielen. Was pflegte Ariel Sharon stets zu sagen? Zurückhaltung ist auch eine Stärke.
Yoel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».