Zurück zu Mensch und Natur
Jetzt. Das weltweite Armutsbarometer hat sich in kurzer Zeit von 850000 Millionen auf zwei Milliarden Menschen erhöht. Rohstoffbörsen, Spekulationen, Hedgefonds, selbstsüchtige Staatsregime, Anbau von Agrartreibstoffen anstatt Nahrung, virtuelle Spielereien. In der Konsequenz steigende Öl- und damit Konsumpreise sowie eine aggressive Agroindustrie haben für viele Menschen auf dieser Erde einen radikalen Einschnitt, die Bedrohung von Existenzen, Leid und Angst bewirkt. Die Menschheit steht mit dem Klimawandel und bedrohten Sozialwerken vor einer massiven Herausforderung. In Zeiten, in welchen der Markt letztlich den kategorischen Imperativ darstellt, politische Lösungen sich den Mechanismen von Angebot und Nachfrage zu unterwerfen haben und soziale Marktwirtschaften nur einen kleinen privilegierten Teil der Menschen erfassen, wird die Spaltung zwischen ganz arm und enorm reich zur Bedrohung für den Weltfrieden.
Gestern. Das mythische Denken wird den modernen Menschen vor sich selbst und einer entmystifizierten Welt retten, wenn er sich an Geschichten orientiert, die aus dem komplexen Wesen menschlicher Natur über Jahrtausende hervorgegangen sind. Die Geschichte von Schawuot, die auf das Schmitta-Jahr (das siebte Jahr) fällt, in dem etwa die Felder ruhen sollen, formuliert ethische, universelle Prinzipien, die die Marktgesellschaft verinnerlichen und die willkürliche Eigendynamik des Marktes durchbrechen sollten. Schawuot, das zweite Wallfahrtsfest im Naturzyklus des jüdischen Jahres, lehrt in Leviticus 19:10, dass die Ecke jedes Feldes nicht abgeerntet und dass heruntergefallene Ernte für die Armen sowie explizit für «Fremde» liegen gelassen werden solle. Damit wird eine Ethik der institutionalisierten Wohltätigkeit etabliert. Das Gebot von Schmitta begründet mit allen Ge- und Verboten bezüglich Landwirtschaft eine im Nomaden- und Naturvolk erwachsene Haltung im Umgang mit Natur. Das Buch «Ruth», das zu Schawuot gelesen wird, erzählt von der Lehre der Nächstenliebe und dem Respekt vor der Schöpfung. Ruth, Schwiegermutter der soeben verwitweten Noemi, begleitet diese auf dem Weg in ihre Heimat und erfährt auf dem Felde und im Verlauf des Buches das Prinzip der Güte, den integrativen Umgang mit dem Fremden und letztlich den Umgang mit Grundbesitz: die Lehre von Schawuot als Lehre für die Menschheit, die keine Selbst-, sondern Gerechtigkeit durch Nächstenliebe, Respekt und Wohltätigkeit als Gesetzeswerk erschafft.
Morgen. Der Markt muss dem Prinzip einer ethischen Gerechtigkeit unterstellt werden – und nicht umgekehrt –, wenn er nicht zerstörerisch, sondern schöpferisch sein soll. Gesellschaften können nicht Resultat des Marktes, sondern ausschliesslich der Markt Werkzeug funktionierender Gesellschaften aufgrund ihrer verbrieften Prinzipien sein. Liberalität darf nur sein, wenn sie sich am Individuum und nie an der Wirtschaftlichkeit orientiert. Nicht das Prinzip des Stärkeren, die Radikalität des Kapitals, der Kampf um Ressourcen, sondern in erster Linie das Prinzip von Würde, Ent-Radikalisierung und Existenzsicherung im Sinne der Menschenrechtskonventionen wird den Menschenfrieden in einer zuweilen perversen Wirtschaftswelt sichern. Das Buch «Ruth» als Lektüre gegen den Grössenwahn: hin zum Sinn, zur Rettung der Menschheit vor sich selbst und ihren Trieben.