Zur Diskussion um die Beschneidung
Die wissenschaftliche Evidenz, dass die männliche Beschneidung (Zirkumzision) die Transmission sexuell übertragbarer Krankheiten reduziert, ist gross und aufgrund neuerer Studien unbestritten. Mehrere grosse Studien mit Kontrollgruppen zeigten eine Risikoreduktion einer HIV-Übertragung für Männer, die beschnitten waren, um mehr als 50 Prozent (teils bis zu über 70 Prozent).
Im Rahmen von medizinischen Studien gilt ein solcher Effekt als hervorragend. Ebenfalls zeigten Studien, dass keine «Risikokompensation» stattfindet, das heisst, dass beschnittene Männer sich nicht häufiger sexuell «riskant» betätigen. Entsprechend propagiert die WHO/UNAIDS seit März 2007 nach Analyse dieser Resultate die männliche Zirkumzision nebst Enthaltsamkeit, Treue und Kondomgebrauch unter Berücksichtigung soziokultureller Unterschiede als eine wichtige Präventionsmassnahme. Wissenschaftlich erhärtet ist zusätzlich, dass Männer, die zirkumzidiert sind, ein tieferes Risiko für weitere sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis aufweisen. Notabene gilt das Geschriebene nur für die Übertragbarkeit von Krankheiten auf den Mann und nicht umgekehrt. Biologisch sind diese Resultate plausibel, da die Vorhaut des Mannes Zielzellen für HIV und andere Infektion besitzt, die zum Beispiel für HIV empfänglicher sind.
Aus psychologischer Sicht wäre eine Zirkumzision im oder unmittelbar nach dem Pubertätsalter wohl deutlich traumatisierender, als die nur sehr kurz dauernde und kurz schmerzhafte Brit Mila am achten Tag nach der Geburt. In diesem Sinn berücksichtigen Diskussionen um die männliche Beschneidung wie in Dänemark weder religöse noch medizinische Evidenz.
Manuel Battegay ist Professor am Universitätsspital Basel, Chefarzt der Klinik Infektiologie und Spitalhygiene, Vizepräsident der Europäischen Aids-Gesellschaft und Leiter des alle europäischen Staaten umfassenden EU-Framework-Teilprogramms HIV Education and
Training, das bis Ende 2011 andauert.