Zukunft in der Wüste
In den Regalen der israelischen Buchhandlungen stehen Bände, die sich nicht so sehr mit dem gerade zu Ende gegangenen Millennium als mit dem letzten Jahrhundert beschäftigen: das Jahrhundert des Zionismus. Die Helden auf den Titelseiten sind Theodor Herzl und David Ben Gurion. Der Traum Herzls, einen jüdischen Staat zu gründen, ist längst Realität geworden. Die Vision Ben Gurions lebt jetzt zum Jahrtausendwechsel wieder auf. Der Erfolg oder das Scheitern Israels werde im Negev entschieden, glaubte der erste Regierungschef, dessen Grab sich im Kibbutz Sde Boker in der Wüste befindet.
Der Präsident der Universität Ben Gurion, die im Frühjahr ihr 30jähriges Bestehen feiert, kleidet diesen Gedanken in das Vokabular und die Realität des dritten Millenniums. Die Zukunft Israels liege in Beer Shewa oder es werde keine haben, sagt Avishai Braverman, der selbst genau so alt ist wie der Staat. Zum Beweis rechnet er die erwartete demographische Entwicklung in der Region vor: Nur zehn Länder der Welt sind dichter bevölkert als Israel. Heute gibt es bereits sechs Millionen Israelis plus drei Millionen Palästinenser in Westjordanland und Gazastreifen. Sechzig Prozent des Staatsgebiets bildet der Negev, wo bisher aber nur sieben Prozent der Bevölkerung residieren. Im Jahr 2040 werden neunzehn Millionen Menschen westlich des Jordan leben, «zwölf Millionen in Israel und sieben Millionen in einem künftigen Palästinenserstaat. Das bedeutet eine grössere Dichte als in Singapur und Japan. Wenn der Negev nicht entwickelt werde, so wie sich das einst schon David Ben Gurion erträumt hatte, dann werde «Israel eines Tages zu einem Carthago namens Tel Aviv», glaubt Braverman. Beer Shewa sei die Lösung, die das Gesicht des Landes verändern könne. Jetzt hat die Wüstenstadt noch 180 000 Einwohner, im Jahr 2040 könnten es drei Millionen sein, wenn man die Entwicklung ernst nehme. Braverman spricht von einer neuen nationalen Mission, einer anderen Form von Zionismus. Seine Vision ist ein Israel im Frieden mit seinen Nachbarn und mit einem höheren Lebensstandard für alle. Wenn man richtig in die Forschung und die Ausbildung investiere, sagt der Professor für Entwicklungsökonomie, dann könne das Pro-Kopf-Einkommen von heute 16 000 Dollar auf bis zu 25 000 Dollar ansteigen. Weil die Globalisierung aber bekannterweise zu Wohlstandsgefälle und Ungleichheit führt, die immer mehr zunimmt, braucht es auch ein soziales Engagement. Denn wenn es nur brutalen Kapitalismus gibt, dann werden wir nicht überleben.
Noch ist die Realität in Beer Shewa anders. Alteingesessene Einwohner erinnern sich an das einstige Versprechen, «dass es hier im Jahr 2000 bloss mehr Villas geben soll». Die hässlichen Plattenbauten an der Hauptstrasse beweisen das Gegenteil; das Wohnviertel «Schchuna Daled» gleich gegenüber der Universität gehört zu den ärmsten im ganzen Land. Einwanderer aus Nordafrika, aus der ehemaligen Sowjetunion und Beduinen prägen das Strassenbild. Das wird sich so schnell auch nicht verändern, wohl aber die abgeschiedene Lage.Im kommenden Jahr soll die neue Eisenbahnstrecke eröffnen, damit rückt Beer Schewa näher an Tel Aviv. Genau fünfzig Minuten wird die Fahrzeit betragen, eine Haltestelle direkt an der «Ben Gurion Universität im Negev» ist geplant. Ausserdem soll hier demnächst auch ein riesiger High-Tech-Park und ein Kongresszentrum entstehen. Die Ökonomie der Information verändere das Universum. «Und die Studenten können sich daneben auf Sandhügeln niederlassen, da braucht niemand mehr als Pionier in die besetzten Gebiete zu gehen», sagt Braverman. Jerusalem brauche eine spirituelle Transformation, um weiterzuexistieren. Aber die echte Transformation des Landes sei hier.
Die Autorin ist Israel-Korrespondentin von «Die Zeit» und des «Tages-Anzeigers».