Zürich / Würdigung - Erinnerung an Elsie Attenhofer

von César Keiser, October 9, 2008
Elsie Attenhofer, die grosse alte Dame des Schweizer Cabarets, ist von der Bühne des Lebens abgetreten. Zum letzten Mal traf Kabaretist César Keiser sie im vergangenen Herbst, als sie von der Zürcher Regierung die Goldene Ehrenmedaille erhielt, «kurz vor meinem Ableben», wie sie damals gerührt und ironisch feststellte. Die beiden verband eine lebenslange Freundschaft. Für die JR blickt César Keiser auf diese Zeit sowie Leben und Werk der als «Cornichon»-Mitglied bekanntgewordenen Kabaretistin.

Körperlich vom Alter gezeichnet, aber geistig präsent und voller Kraft, hat Elsie Attenhofer damals in der Kriche von Bassersdorf die seltene Ehrung genossen, und ich erinnerte mich dabei, wie ich sie kennengelernt und im Lauf eines Lebens immer wieder erlebt habe:

Es muss zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gewesen sein, als meine Eltern mit mir, dem jungen Gymnasiasten, durch die neuerdings nachts verdunkelte Stadt ins «Gambrinus» pilgerten. Dort gastierte das bereits schon berühmte «Cabaret Cornichon». In der Stadt regierte die Angst. Allnächtlich hörten wir aus dem benachbarten Elsass und den grenznahen deutschen Gebieten Fliegeralarmsirenen, Flugzeugbrummen, Geschützfeuer. Unsere Rheinbrücken waren bestückt mit Panzersperren, bewacht von bewaffnetem Militär. Keinen Tag wusste man, ob nicht Basel, als sogenannt «offene Stadt», das erste Einfallstor für die Naziarmee war. In dieser höchst belasteten politischen Situation tappten wir mit unsern blau abgedunkelten Taschenlampen durch die Strassen und dann durch die Vorhangschleuse in die blendende Helligkeit des Cabaretlokals, wo das Publikum in Verschwörerstimmung das «Cornichon»-Programm erwartete. Ich spüre die nervöse Spannung in der rauchgeschwängerten Luft noch heute, höre das zustimmende Raunen, den begeisterten Applaus auf die zweideutig eindeutigen Szenen. Diese richteten sich natürlich zur Hauptsache gegen Faschismus und anpasserischen Fröntlergeist, sie bekräftigten das Bekenntnis zu Heimat und Demokratie, ein Bekenntnis, das man später mit dem Begriff der «geistigen Landesverteidigung» beschrieb.
Man kann es sich heute kaum mehr vorstellen, welche Wirkung diese teils rotzfrechen, teils hinterhältig entlarvenden Cabaretnummern auf ein Publikum ausübten, das Tag für Tag mit den grossdeutschen Siegesmeldungen konfrontiert wurde. Hier wurde schonungslos gesagt, was im Alltag nur noch gedacht werden durfte, hier wurde mit Witz und Mut gegen den Ungeist angesungen, hier wurden die aufgeblasenen Führerfiguren demontiert und mit der Waffe des Wortes von den Sockeln gestossen.

Da muss ich auch Elsie Attenhofer zum ersten Mal erlebt haben, sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter. An die einzelnen Gesichter oder Nummern mag ich mich nur noch rudimentär erinnern. Aber an den Geist, an die Wucht der Überzeugung, die aus dieser kleinen Résistance-Gruppe strömte, daran erinnere ich mich lebenslang. Und zu dieser Gruppe gehörten seit Angebinn, seit 1934, noch viele, allen voran Max Werner Lenz, begnadeter Dichter und satirischer Texter, ebenso wie Walter Lesch, und auf der Bühne Emil Hegetschweiler, Zarli Carigiet, Heiri Gretler, Peter W. Staub, Margrit Rainer, später auch Voli Geiler, Alfred Rasser, Trudi Schoop und und und...

Nach dem Krieg erfuhr man dann, dass das ganze «Cornichon»-Ensemble, das sich gegen die braune Flut stemmte und den drohenden Faschismus mit der Waffe des Wortes und des Witzes bekämpfte, und mit ihm auch Elsie Attenhofer, auf der schwarzen Liste der Gestapo gestanden hatte.

Heute ist mir klar, dass diese ersten Erlebnisse mit zeitkritischen und politischen Cabarettexten der Auslöser waren für meinen eigenen späteren Weg auf die Bühne. Und Elsie Attenhofer gehörte mit zu den Auslösern. Als ich dann selber auf der Bühne stand, lernte ich zuerst ihren Partner und Texter Max Werner Lenz kennen und durch ihn dann auch Elsie, und während meines ganzen Lebens trafen wir uns gegenseitig immer wieder einmal bei ihren oder unseren Auftritten. Und jedesmal waren meine Gattin und Partnerin Margrit Läubli und ich beeindruckt von ihrer geistigen Beweglichkeit und politischen Gradlinigkeit.

Diese geistige Haltung, dieser Mut, das Nötige unverblümt, wenn auch in elegant verschlüsselter Form öffentlich zu sagen und zu vertreten, dieses Engagement für eine zu bewahrende Freiheit, für die Würde des Individuums, für Recht und Gerechtigkeit hat ihr Leben geprägt, als Cabaretistin, als Autorin, als Künstlerin und unvergessene Kollegin. Nach ihrer «Cornichon»-Zeit und während des Krieges heiratete sie den Germanisten Karl Schmid. Sie spielte in vielen Schweizer Filmen mit, malte, modellierte und schrieb unter anderem das Mundart-Schauspiel «Wer wirft den ersten Stein?», ein mutiges Plädoyer gegen den Antisemitismus in der Schweiz. Daneben reiste die zweifache Mutter jahrzehntelang von Bühne zu Bühne, als erste übrigens ins kriegsversehrte Deutschland, teils als Solistin, teils mit ihrem Partner Max Werner Lenz. Noch vor wenigen Jahren sah ich sie in Zürich und in Baar, wo sie mit stupendem Gedächtnis und komödiantischer Lust aus ihrem Leben erzählte und die spannenden Zeiten des Cabaret «Cornichon» wieder aufleben liess.

«C’est le ridicule, qui tue», dieses Motto war ihre immer wieder erlebte Überzeugung. Und das Motto der kleinen moralischen Anstalt, der süss-sauren Essiggurke «Cornichon», das hat damals Max Werner Lenz so formuliert:

«Was wir wollen? Dieses: den Mund aufmachen! Unsere Meinung sagen. Dem Geistigen ein Ventil öffnen. Frei sein zu sagen, was wir denken. Für dieses Selbstverständlichste, das in einer dumm-beschränkenden Welt so sehr bedroht ist, dafür wollen wir unsere Ellbogen einsetzen!»

Elsie Attenhofer, eine zivilcouragierte Frau, die ein Menschenalter lang ihre Ellbogen eingesetzt hat für Menschlichkeit, die mit ernsthafter Heiterkeit und intelligenter Lust die Lächerlichkeit politischen Grössenwahns blosszustellen vermochte, eine Frau, die ein langes Leben lang die wahren Werte wahrhaft humanistischer Tradition verteidigte - ihre Kolleginnen und Kollegen wie auch ihr grosses und dankbares Publikum werden sie nicht vergessen.