Ziel war der Jude

von Jacques Ungar, October 9, 2008

Was die Motive des Messerstechers betrifft, dem in Zürich der israelische Tourist Yehuda Eli Naftali beinahe zum Opfer gefallen wäre, tappen die Behörden grösstenteils noch im Dunkeln. Immerhin hat der Mann zugegeben, es auf einen Juden abgesehen zu haben; was die Diskussion bereits einengt und in leider nur allzubekannte Bahnen lenkt. Egal, ob der Täter dem einjährigen Banken-Deal ein «würdiges» Denkmal setzen wollte oder ob er, angestachelt von Nachrichten aus Teheran, Moskau, Chicago, Los Angeles usw., das Gefühl hatte, beweisen zu müssen, dass auch ein Schweizer zu solchem fähig ist. Tatsache ist, dass ein Mann mitten in einer Schweizer Stadt niedergestochen wird, einzig und allein weil er ein Judenkäppchen auf dem Kopfe trägt.
Von nichts kommt nichts. Seit einiger Zeit hat die Schweiz eine Antirassismus-Gesetzgebung, schön und gut. Dass solche Gesetze aber das Papier nicht wert sind, auf das man sie schreibt, stellen angesehene Parteien, teilweise sogar mit Regierungsverantwortung, unter Beweis, wenn sie den Fremdenhass an ihr Banner heften, selbstverständlich intellektuell raffiniert verpackt. Wer braucht denn plumpe antisemitische Parolen, wenn Plakate mit einer auseinanderreissenden Schweizerfahne sinngemäss die gleiche Wirkung erzeugen?
Steter Tropfen höhlt den Stein. Der Messerstecher vom Niederdorf war ein erster Beweis für die erfolgreiche Wühlarbeit xenophober Wirtschaftskapitäne und Politiker. Wer das Unwesen in der Schweiz bekämpfen will, darf sich nicht auf die Jagd nach Randerscheinungen der Gesellschaft beschränken. Vielmehr muss er hochwohllöbliche Parteien und Organisationen zur Rede und, wenn nötig an den Pranger stellen.Vor bald 70 Jahren ritt ein skandinavischer Monarch mit dem gelben Stern auf der Brust durch die Strassen, als die Nazis seinen Juden diesen Schandfleck verpassten. Stellen Sie sich vor, aus Protest gegen den Mordversuch von Zürich und Solidarität mit ihren jüdischen Mitbürgern würden alle Schweizer Politiker und Staatsangestellten einen Tag lang eine Kippah tragen - (vgl. Artikel S.1).