Zeugenschaft in Bildern

Von Andreas Mink, July 7, 2011
Der Fotograf Adam Nadel und seine Annäherungen an menschliches Leid.
ADAM NADEL Der Fotograf wendet sich wissenschaftlichen Themen zu

Die Bilder des Fotografen Adam Nadel waren im «Stern», in «Time» oder dem britischen «Sunday Telegraph» zu sehen und wurden mit renommierten Preisen wie dem der Stiftung World Press Photo ausgezeichnet. Jüngst hat Nadel bei der Uno in New York und Genf eine Serie über die Auswirkungen und die Bekämpfung von Malaria gezeigt, die im Auftrag der internationalen Stiftungen Malaria Consortium und Roll Back Malaria entstanden. Doch im aufbau-Gespräch betrachtet der kleingewachsene, nachdenkliche Mann Ehrungen bestenfalls als Hilfen auf einem Weg, dessen Ziel er als «Annäherung» bezeichnet: Eine Annäherung an menschliches Leid, das ihn nach Palästina, Afrika und Irak geführt, aber auch mit den Mechanismen der Medienindustrie konfrontiert hat. Nadel sieht sich einer Zeugenschaft verpflichtet, die den von ihm abgebildeten Menschen das Recht an ihrer eigenen Geschichte belässt. Er hat allzu oft erlebt, wie Redaktoren oder Medienhäuser seine Bilder zur Illustration politischer Positionen oder zur Effekthascherei verwenden. Nadel ist daher zur Entwicklung thematischer Serien übergegangen, mit denen er Betrachtern solide Information über bestimmte Fragen geben will. Derzeit arbeitet er an einem Projekt über Ansteckungskrankheiten.
Zu Beginn seiner Karriere stand ein Drang, über das Sterben nachzudenken, den Nadel beschreiben, aber nicht restlos ergründen mag: «Der Tod war von klein auf ein grosses Thema für mich. Ich habe viel über den Holocaust nachgedacht und was es bedeutet, jüdisch zu sein. Zudem haben wir in Chester, Connecticut, zwischen zwei Friedhöfen gewohnt und mein Vater war als Medizinprofessor auf Pathologie spezialisiert.» Sein Beruf hat Nadels Vater jedoch nicht nur mit Krankheit und Tod zusammengebracht. Der Fotograf erklärt, beide Eltern hätten ihren Lebensunterhalt durch den kreativen Einsatz ihrer Augen verdient: Sein Vater mit der Diagnose von Bildern, seine Mutter als Künstlerin. Den Umgang mit Kameras habe er sich jedoch bei seinem Grossvater abgeschaut, einem Hobbyfotografen. Seine Vorfahren kamen um 1880 in die USA. Nadel hat daher keine persönliche Verbindung zu der Vernichtung der europäischen Juden. Aber er wuchs «als Ausnahme» in der nicht jüdischen Umgebung in Chester auf und empfand mitunter ein Gefühl der Isolierung. Heute lebt Nadel in Jackson Heights, einem Quartier des New Yorker Stadtteils Queens. Hier reihen sich mehrstöckige Backsteinhäuser aus den vierziger Jahren an ruhigen Strassen. Diese führen zu Avenuen, an denen sich Immigranten aus aller Welt vor zahllosen Geschäften drängen.

Bilder von Kriegsopfern

Schon als Junge hat Nadel die Sehnsucht verspürt, seinen idyllischen Heimatort möglichst weit hinter sich zu lassen und Kriegsfotograf zu werden. Jedoch nicht aus politischen Gründen, sondern eher aus einem Gefühl heraus, Zeugenschaft ablegen und seiner Auseinandersetzung mit dem Tod auf den Grund gehen zu müssen. Zunächst studierte er an der University of Chicago Anthropologie und trug sich mit der Absicht, Akademiker zu werden. Doch ein Aufenthalt in Guatemala Anfang der neunziger Jahre brachte ihn davon ab. Zurück in Chester fand er bei einem Lokalblatt Beschäftigung als freier Fotograf. Das Angebot einer Festanstellung in Händen, zog er zwei Jahre später nach Manhattan. Dort schlug er sich erneut mit freien Aufträgen durch. Er war aber schon drauf und dran, seinen Traum aufzugeben, als ihm die Nachrichtenagentur AP zur Probe auftrug, den Schauspieler Joe Pesci abzulichten. Als er den Star spätnachts vor einem Lokal aus einem Taxi steigen sah, verliess ihn jedoch der Mut: «Dann kam ein Obdachloser von hinten, gab mir einen gewaltigen Stoss und sagte: Wenn ich Fotograf sein wolle, dann müsste ich dichter an mein Sujet heran. So stand ich plötzlich vor Pesci und mir ist tatsächlich ein sehr gutes Bild gelungen.»
Der Schubs des Obdachlosen bescherte Nadel nicht nur eine unfreiwillige Annäherung an den Star, sondern auch eine begehrte Festanstellung bei AP. Offensichtlich war die Agentur so zufrieden mit ihm, dass sie Nadel in New York behalten wollte und seine wiederholten Bewerbungen um eine Versetzung nach Übersee ablehnte: «So habe ich schliesslich gekündigt und ging als Freier 1999 erstmals nach Hebron.» Nadel vertiefte zur selben Zeit seine Kenntnisse in einer Jeschiwa und lebte in Tel Aviv. Am Wochenende ging er für den «Sunday Telegraph» in die besetzten Gebiete: «Das war eine schizophrene Existenz.» Er hat zudem 2002 in den besetzten Gebieten gearbeitet und die zweite Intifada miterlebt.
Nadel ist mit grossen Sympathien für die Palästinenser in die besetzten Gebiete gekommen: «Doch am Ende dachte ich, dass ich mit meiner Arbeit niemandem helfe und Produkte herstelle, denen andere dann ihre Ideologie aufzwingen.» Er stiess sich an der Instrumentalisierung der Opfer durch die palästinensische Führung, die Bilder ihrer leidenden Landsleute als Propagandamittel gegen Israel einsetze: «Aber die Israeli sind ähnlich vorgegangen. Ich habe dann beschlossen, Arbeiten zu schaffen, die von Individuen handeln und diese nicht zu Beispielen für eine Agenda machen.» Seine Reaktion darauf war eine Serie von Schwarzweissbildern, die israelische Opfer von Selbstmordanschlägen ebenso zeigt wie in Jenin getötete Palästinenser: «Keiner von ihnen ist im Recht oder im Unrecht. Mir ging es um die Gemeinsamkeit zwischen beiden Seiten, nicht den Unterschied. Dieses Thema habe ich danach in verschiedenen Farben, Formaten und an anderen Orten weiter verfolgt.» Nadel hat die folgenden Arbeiten unter dem Titel «Noncombattants» (Nichtkämpfer) zusammengefasst und ausgestellt.

Arbeit im Alleingang

Der Fotograf weiss aus eigener Erfahrung, dass Kriegsberichterstattung «gut für die Karriere ist». Aber er misstraut der Idee eines «objektiven Journalismus‘», der zu einer Abstumpfung des Publikums durch Schreckensbilder führe. Gleichzeitig musste er seinen Lebensunterhalt verdienen. Er arbeitete deshalb bis 2006 als Kriegsfotograf, zuletzt für die «New York Times» in Irak während der blutigsten Periode der dortigen Kämpfe. Da er diese im Gegensatz «zu den meisten Reportern, die ungern an die Schauplätze gehen» aus nächster Nähe verfolgte, erreichte er damals die Grenzen seiner Belastbarkeit. Nadel trägt an diesen Erinnerungen: «Bis dahin hatte ich ein instinktives Gefühl für Gefahren und konnte Eindrücke abschütteln. Aber damals wurde ich nervös, diese Szenen haben sich mir tief eingegraben. Ich war damals Mitte 30 und sagte mir: Du wirst zu alt für dieses Geschäft.» Gleich¬zeitig bearbeitete er in diesen Jahren eine breite Palette an Themen und nahm unter anderem packende Portraits des Medienmoguls Rupert Murdoch oder des Romanciers Philip Roth auf. Seine Eigenprojekte geht Nadel stets im Alleingang an, also ohne Zusammenarbeit etwa mit Printjournalisten.
International bekannt wurde Nadel im Herbst 2003 durch eine Serie über ein Fussballteam in Sierra Leone, das Amputierte aus dem dortigen Bürgerkrieg formiert hatten. Der Fotograf hatte deren Geschichte drei Jahre lang verfolgt und flog dann mit seinen «Frequent Flyer»-Punkten nach Westafrika. Entgegen seiner Erwartung fanden die eindrücklichen Schwarzweissbilder jedoch zunächst keine Abnehmer: «Das änderte sich erst, nachdem ich dafür von World Press Photo ausgezeichnet worden war», erinnert er sich kopfschüttelnd. Für diese Arbeiten verwendete er eine traditionelle Hasselblad mit Film. Auf diese Weise trennt Nadel seine eigenen Projekte von Fremdaufträgen, für die er seit seiner Zeit bei AP digitale Kameras benutzt: «Das klingt etwas schizophren, aber so halte ich meine kreative Arbeit separat. Digital ist sehr schnell, die Hasselblad langsam.» Nadel benutzt seine «kreativen Projekte» überdies für formelle Experimente. So hat er die Bilder des Fussballteams zu Tryptichons zusammengestellt.
Seine nächste Station war Ruanda, wo er Ende 2003 Zeitzeugen des Völkermords an den Tutsi aufnahm. Damals liess der Fotograf erstmals seine Sujets zu Wort kommen. Für eine New Yorker Ausstellung fügte er neben die Bilder von Überlebenden, «Genocidaires», Menschenrechts-Aktivisten und Juristen deren persönliche Aussagen: «Ich hatte nur Geld für zehn Tage dort. Aber ich wollte Werke schaffen, bei denen das Individuum auf dem Bild untrennbar von dem Text wird. Darüber gibt es eine lebhafte theoretische Debatte: Wie ist das Medium Fotografie definiert, geht Text damit zusammen?» Nadel selbst empfindet diese Kombination als Durchbruch, hinter den es für ihn kein Zurück mehr gibt: Diesen Personen könne kein Redaktor mehr Worte in den Mund legen. Doch er räumt auch ein, dass er selbst die Bilder und Aussagen aussucht und zusammenstellt. Aber er hofft damit, Betrachtern einen direkteren Zugang zu den Fotografierten und ihrer Geschichte zu eröffnen.

Interesse an Wissenschaft

Der Fotograf wendete dieses Prinzip danach bei Reisen nach Kambodscha und Vietnam an. Dort nahm er Überlebende des Krieges und jüngere «Noncombattants» auf. Diese sind schwer von den chemischen Kampfstoffen gezeichnet, welche die amerikanische Luftwaffe in enormen Mengen zur Entlaubung der dortigen Wälder eingesetzt hat. Über die Entschädigung dieser Menschen haben die USA und Vietnam jahrelang gestritten. Nadel nimmt einen der Bildbände mit schwarzen, unbeschriebenen Deckeln aus dem Bücherregal, in denen er seine neueren Serien versammelt: «Eigentlich sollte ich die publizieren, aber dazu fehlt mir die Geduld», erklärt er lächelnd. Dann zeigt er das Bild eines 17-jährigen Vietnamesen ohne Augen: «Er wurde so geboren und hat als Einziger eine Entschädigung aus den USA erhalten. Das ist ein klassisches Beispiel für mein Ziel – Menschen zeigen, deren Leben von äusseren Einwirkungen betroffen ist. Und wir sprechen dabei nicht über Steuererhöhungen oder dergleichen, sondern Situationen von Leben und Tod. Meine Projekte sollen betroffene Individuen hervorheben.»
Danach gab Nadel der Auftrag des Malaria Consortium die Möglichkeit, ausführlichere Texte neben den Bildern zu platzieren. Er hat sich zudem formell weiter entwickelt, indem er den brasilianischen Comic-Zeichner Kako um eine Bildgeschichte über die Übertragung von Malaria bat. Überdies hat Nadel in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern mit einem Elektronenmikroskop stark vergrösserte Aufnahmen der Stechmücken hergestellt, welche die Krankheit verbreiten. Dies hat sein Interesse für Wissenschaft und Forschung verstärkt. Zudem konnte Nadel so seine eigene Auseinandersetzung mit den Effekten von Kriegen auf Zivilbevölkerungen vertiefen: «Krankheiten greifen besonders schnell in Gesellschaften um sich, die ohnehin von Konflikten geschwächt sind.» Für die Malaria-Ausstellung erstellte Nadel zudem zusätzliche, über das Internet abrufbare Informationen, die Besuchern eine intensivere Auseinandersetzung mit dieser Menschheitsplage ermöglichen.
Nadel weiss, dass die Erfüllung seiner Ambitionen «Wissen über Menschen und die Bedingungen, unter denen sie existieren, zu vermitteln» von der preisgekrönten Qualität seiner Bilder abhängt: «Natürlich bauen meine Projekte auf einer Ästhetik der Verführung. Wenn ein Bild nicht visuell interessant ist, schert sich kein Mensch darum. Das ist die Einstiegsdroge.» Aber er mag sich nicht als Künstler betrachten, «der auf Schultern grosser Meister steht, ästhetische Innovationen betreibt und hübsche Bilder produziert». Er setzt hinzu: «Ich bin dabei, mich von einem journalistischen und politischen zu einem wissenschaftlichen Ansatz zu bewegen. Die wissenschaftliche Methode ist erprobt und wirksam.» Dem Gesprächspartner drängt sich an diesem Punkt der Gedanke auf, dass Nadel damit an die Produktion von Bildern geht, aus denen sein Vater als Pathologe Gebrechen diagnostizieren konnte – Fotografien, aus denen klare Fakten sprechen. So fordert Adam Nadel den Betrachter auf, selbst helfend – und womöglich sogar heilend – tätig zu werden.    ●

Andreas Mink ist USA-Korrespondent von aufbau und der Jüdischen Medien AG.