Zeitreise der Superlative

Von Yves Kugelmann, October 22, 2009
In Amsterdam wird mit der Braginsky Collection erstmals eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Hebraica und Judaica der Öffentlichkeit präsentiert. Die Ausstellung «Reise durch jüdische Welten» setzt neue Massstäbe bei der Präsentation von hebräischen Schriften und vermittelt Einblicke in eine wenig bekannte Welt jüdischen Kunstschaffens.
SELTENE EINBLICKE Präsident der Universität Amsterdam, Karel van der Toorn, Israels Botschafter in Amsterdam, Harry Kney-Tal, René und Susanne Braginsky und der Direktor der Universitätsbibliothek Nol Verhagen (v.l.n.r.) betrachten Hebraica mit Esther-Rollen im Hintergrund

Der Eröffnungsakt an der Universität von Amsterdam ohne Pomp markierte gleich zu Beginn, wo-rum es dem Schweizer Sammler René Braginsky geht: um Qualität. Er möchte jüdische Vergangenheit, Tradition, Geschichte, Liturgie und Schriften ins Zentrum stellen, Konzentration auf den Inhalt ohne überbordende Inszenierung ermöglichen und Forschung antreiben. Braginsky knüpft an eine wichtige Sammlertätigkeit an, die der ebenfalls in Amsterdam anwesende Judaica-Experte und in New York lehrende Menahem Schmelzer so beschreibt und einordnet: «Beim Aufbau seiner Sammlung hat René Braginsky bedeutende Stücke aus dem Fundus der Kollektionen von Montefiore, Sassoon und Schocken übernommen. Dadurch hat er, dieser andere Sammler und Bibliophile, die bedeutsame Aufgabe übernommen, zu bewahren und für Kontinuität zu sorgen. Dafür schuldet ihm das Volk des Buches Respekt und Anerkennung.»

Schriften und Kunst

Die Ausstellung lässt vor allem in Sammlerkreisen aufhorchen. Erstmals wird der Kreis einer weltweit kleinen Gruppe von Kennern um eine Öffentlichkeit erweitert, die bis heute kaum Zugang zu Judaica hatte. Die meisten Stücke befinden sich in Privatsammlungen, den Markt teilen sich wenige. Mit der wissenschaftlichen und musealen Aufbereitung der Braginsky Collection, der bedeutendsten Judaica-Sammlung seit zwei Jahrzehnten, wird ein Licht auf ein weitgehend unbekanntes jüdisches Kunstschaffen geworfen, das von höchster Qualität und ebenso Dokument einer reichen Kultur- und Zeitgeschichte des Austauschs zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft ist.

René Braginsky konnte in Amsterdam Gäste wie Zürichs Ständerat und Präsident der Jerusalem Foundation Felix Gutzwiller, Israels Botschafter in der Schweiz Ilan Elgar oder Ralph Eichler, Präsident der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) begrüssen. Weiter waren auch David Gugerli vom ETH-Institut für Geschichte, der Schweizer Botschafter in Amsterdam Dominik Alder sowie Israels Botschafter in Amsterdam Harry Kney-Tal zugegen sowie die Ausstellungsmacher und Experten Sharon Mintz, Evelyn Cohen, Ardon Bar-Hama, Emile Schrijver und viele Schweizer sowie internationale Gäste. Braginsky vermittelte in seiner Ansprache Einblicke in das Zustandekommen der Sammlung, die als solche nie geplant war, rückte die Verantwortung um die Vergangenheit ins Zentrum und würdigte auch das Schaffen der oft unbekannten Künstlerinnen und Künstler, die in der Ausstellung zum Teil erstmals öffentlich gezeigt werden. Was eher ruhig und mit Zurückhaltung daherkommt, trägt viele Superlative in sich. Denn René Braginsky hat über drei Jahrzehnte vor allem Haggadot, Megilot Esther und Ketubot von einzigartiger Qualität gesammelt und präsentiert in Amsterdam nun unter Mitwirkung der weltweit renommiertesten Experten auf dem Gebiet Highlights aus seiner Sammlung in der Bibliotheca Rosenthaliana, der wichtigsten Institution für Judaica in Europa. Die ausgestellten Schriften sind in Europa entstanden, und hier wollte sie der Sammler zuerst präsentieren. Die Qualität der in drei Räumen ausgestellten Stücke ist wohl nur für Judaica-Kenner zu erfassen und macht die Präsentation zum Ereignis. Denn Ausstellung und Sammlung setzen bezüglich Qualität, Konsistenz, Exklusivität, Katalogisierung, Erforschung und Präsentation neue Massstäbe. Vor allem der Katalog zur Ausstellung – ein exquisites Prunkstück – zeigt eine kaum je gesehene hohe Qualität von Judaica-Manuskripten, zeitgemäss und hervorragend illustriert, und verweist auf Geschichten hinter jedem einzelnen Schriftstück. Die Texte zeigen auf, durch welche Hände Werke gingen und welche Bedeutung die Stücke haben. Eine regelrechte Verdichtung von Odysseen und ergreifenden Biografien, Familiensagas und historisch kontextuierten Kunst- und Schriftwerken.

Von 1288 bis zur Gegenwart

Mit der Ausstellung, dem Katalog und der detaillierten Präsentation aller Werke macht Braginsky Judaica nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Es ist ein Kosmos aus kunstvollen Handschriften, Zeichnungen und wertvollen und selten gesehenen Dokumenten der Zeitgeschichte, Hunderte exquisiter hebräischer Manuskriptseiten und gedruckter Bücher aus der Zeit von 1288 bis zur Gegenwart. Stücke, die Jahrhunderte jüdischer Schrift- und Zeichenkunst, jüdischen Lebens und der Vermengung mit dem aufzeigt, was Jüdinnen und Juden in Wien, Venedig, Prag, Berlin, Amsterdam und an vielen anderen Orten umgab. Da finden sich exklusive Stücke wie etwa die Haggada von Charlotte von Rothschild – jede Seite ein faszinierendes Kunstwerk für sich. Da ist etwa auch die Prager Haggada, die den Betrachter mit jüdischer Geschichte intensiv konfrontiert, oder die Haggada von Bacharach. Da finden sich Kalligrafien, Illustrationen, Illuminationen, Endogramme, Stukkaturen, Ornamente, Einbände, Detailzeichnungen, Dichtungen, Kunstfertigkeit, eine umfassend dargelegte jüdische Kunstgeschichte, die auch immer wieder beeindruckende Auseinandersetzungen mit dem Bilderverbot liefert und eine Zeitreise durch jüdisches Kunstschaffen bedeutet. Die Ausstellungsmacher stellen die Schriften in historische Kontexte und zeigen das Wirken und Leben der Juden in Europa auf. Ein Schaffen, dass in der jüdischen Diaspora entstanden und offensichtlich von der christlichen oder islamischen Umwelt stark beeinflusst wurde und im Herzen Amsterdams eindrücklich präsentiert wird.

Die aktuelle Ausgabe des Monatsmagazins aufbau widmet sich unter dem Titel «Universum Judaica» jüdischer Schrift- und Buchkunst und beleuchtet die Braginsky Collection. ­Bestellt werden können Exemplare unter abodienst@aufbau.eu oder auf www.aufbau.eu