Zeit für schlaflose Nächte
Die Situation ist so komisch, dass ich am liebsten weinen möchte. Premierminister Binyamin Netanyahu hat etwas an sich, das ihn trotz seines Anspruchs auf Ruhm und auf die unangefochtene Position des Führers der Nation, und trotz seiner sonoren Stimme, die ihn als Mann von Autorität und als den Retter der Nation hinstellt, eher wie die Karikatur einer Führungsperson erscheinen lässt.
Während seiner ersten Kadenz war er der Star in der satirischen TV-Puppenschau «Chartzufim». Jede Folge endete mit der Melodie seines Wahl-Jingles von einem «sicheren Frieden». Irgendetwas an diesem Bibi war amüsant und liess das Publikum lachen. Vielleicht lag es daran, dass er weder für Frieden noch für Sicherheit sorgte. Das gilt übrigens bis zum heutigen Tag.
Während seiner zweiten Kadenz kann Netanyahu auf humorvolle Parodien verzichten, in denen er auftritt. Inzwischen ist das ganze Land zur Bühne geworden, und all seine Assistenten und Berater sind die Komödianten. David Ben-Gurion, der erste Premierminister, hatte ein Büro mit nur vier Assistenten. Bibis Büro mit seiner Masse von Offiziellen und Beratern ähnelt dagegen dem Zustand hinter den Kulissen einer grossen Konzerthalle.
Ben-Gurion hatte keine Sprecher. Er war sein eigener Sprecher und erklärte seine Politik selber. Bibis Welt ist, wie der Medienexperte Nachman Shai es formuliert hat, so eng wie die einer Ameise. Das erklärt auch seine Obsession mit den Medien und mit PR-Beratern. Anfänglich hatte Netanyahu nicht vor, an dem Gedenkanlass für die 44 Leute teilzunehmen, die vor einem Jahr beim grossen Waldbrand auf dem Carmel starben. Er hatte Angst, dass der Staatskontrolleur am gleichen Tag einen Bericht veröffentlichen würde, der ihn nicht als den Mann porträtieren würde, der damals die Lage gerettet hatte. Schliesslich beschloss er, doch an die Zeremonie zu kommen, aber erst, nachdem die Horde seiner Berater ihm eine Rede geschrieben hatte, in der er sich auf eine Art selber über allen Klee loben würde, die dem verstorbenen nordkoreanischen Präsidenten Kim Jong-il gut angestanden hätte.
Bibi, der noch nie mit einem speziellen Sinn für Humor gesegnet war, wurde in den letzten Tagen zur Zielscheibe für Witze und Sticheleien. Man nannte ihn die «Sonne der Nationen» und sagte ihm, er sei ein Held, er sei gross, er sei stark, würde schneller dribbeln als der Fussballstar Leo Messi, er sei der Gründer des Staates, der in seiner Jugend gegen die «poppies» (die Soldaten des britischen Mandats) gekämpft habe. Seine Führungsqualität sei die Kraft gewesen, welche die Hasmonäer motiviert habe, die die Revolte gegen die Griechen angeführt hatten.
Ich weiss nicht, ob der israelische Radioreporter Dan Kaner, der Bibis Ego an der Carmel-Zeremonie aufzuputschen hatte, sich zurückhalten musste, um nicht laut herauszulachen. Kaner ist aber ein professioneller Präsentator, der den Text für die Zeremonie vom Büro des Premierministers erhalten hatte. Und als ob das nicht genug gewesen wäre: Sie machten Bibi sogar noch Komplimente für die Bekämpfung des Feuers und dafür, die treibende Kraft hinter der Errichtung des Mahnmals zu sein. Nicht nur hatte er die Ausmasse des Feuers begriffen, er mobilisierte auch all jene Leute in Israel und im Ausland, beim Löschen des Brandes zu helfen. Darüber hinaus errichtete er auch das Monument, und all das mit so kurzer Vorwarnzeit und mit einem derart belasteten Terminkalender. Ein wahrer Supermann.
«Nur jemand, der den Schmerz der Trauer erlebt hat, kennt die Tiefe eures Leidens», sagte Bibi den Familien der Hinterbliebenen. Das war nicht das erste Mal, dass er den Tod seines Bruders 1976 bei der Rettungsaktion für die Geiseln von Entebbe ausgenutzt hat – als ob er der einzige Mensch im Lande wäre, der einen Bruder verloren hat.
Netanyahu leidet unter einem schlechten Urteilsvermögen, wenn es darum geht, die Leute auszuwählen, die mit ihm arbeiten. Er hat keine verantwortungsbewusste Person neben sich, die ihm staatsmännischen Rat erteilen und ihn davon abhalten würde, närrische Dinge zu tun. Nehmen wir beispielsweise Rahm Emanuel, der aus dem Kongress ausschied, um in Barack Obamas Wahlkampagne mitzumachen. Oder Henry Kissinger, der als nationaler Sicherheitsberater unter Richard Nixon diente, obwohl dieser kein grosser Fan der Juden war. Nixon stellte die diplomatischen Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und den USA her, und er half Israel im Jom-Kippur-Krieg.
Der Berater eines Staatsoberhauptes muss eine seriöse Person sein, dem nicht in erster Linie daran gelegen sein darf, sein eigenes Brot mit Butter zu bestreichen. Der Anwalt Dov Weissglas ist ein gutes Beispiel für einen Berater, der sich nicht vor allem um seine
Familie und seine Zukunft gesorgt hatte, sondern sich darauf konzentrierte, Premier Ariel Sharon weisen Rat zu erteilen.
In Bibis Büro befassen sich mindestens fünf Personen mit Public Relations (Öffentlichkeitsarbeit). Diesem Kommando von Sprechern gelang es aber trotzdem nicht, US-Aussenministerin Hillary Clinton daran zu hindern, in aller Öffentlichkeit zu sagen, Bibi würde den
israelisch-amerikanischen Beziehungen schaden. Bibi setzt seine Hoffnungen darauf, dass Verteidigungsminister Ehud Barak im Rahmen seiner vielen Besuche in den USA die Beziehungen zur Washingtoner Administration wieder einzurenken vermag.
All dies geschieht zu einer Zeit, da Bibi in der Knesset über eine Mehrheit verfügt, die solider ist als die Mehrheiten, auf die seine Vorgänger sich seit Jahren abstützen konnten, wobei keine Opposition diese Herrschaft bedroht. Heute gibt es keine einzige Partei, die von vorgezogenen Wahlen auch nur träumen würde. Noch nie hat Israel über einen Premierminister verfügt, der derart konsequent wie Netanyahu jede Diskussion über permanente Grenzen ablehnt.
Aus diesem Grund bereitet Bibis Urteil bei der Auswahl seiner Berater Sorgen. Wenn sie diejenigen sind, die den Mann mit dem Finger am Druckknopf beeinflussen, dann haben wir allen Anlass, in den Nächten den Schlaf zu verlieren.
Yoel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».