Zeit für einen Führungswechsel
Vor Kurzem trat sie noch in Basel auf, und vor einem Jahr präsentierte sie zusammen mit ihren Kollegen Herbert Winter und Ariel Muzicant eine neue Strategie der Zusammenarbeit jüdischer Dachverbände. Nun kündigt Charlotte Knobloch an, kein zweites Mal für das Amt des Präsidiums im Zentralrat der Juden zu kandidieren. Damit könnte der offiziellen Vertretung der Juden in Deutschland eine bedeutende Zäsur bevorstehen. So ist die 77-jährige Knobloch innerhalb des Präsidiums die letzte Überlebende des Holocaust. Als ihr Nachfolger wird bereits kurz nach Bekanntgabe ihres Amtsverzichts laut «Handelsblatt online» unter Berufung auf die Zentralratskreise Dieter Graumann genannt, der zurzeit neben Salomon Korn einer der beiden Vizepräsidenten des Zentralrats ist. Graumann wurde 1950 in Israel geboren, kam mit eineinhalb Jahren nach Deutschland und lebt seither in Frankfurt a. M. Sollte Graumann den Vorsitz übernehmen, so könnte dies einen Wechsel in der Politik der Juden in Deutschland bedeuten. Aus Zentralratskreisen hiess es laut «Handelsblatt online», es werde zum Ausdruck gebracht, dass sich die Juden in Deutschland nicht mehr nur auf das Thema Holocaust konzentrieren wollten, sondern vor allem auch auf die spezifischen Probleme der in Deutschland lebenden Juden.
Kritik an Amtsführung
Charlotte Knobloch selbst liess erklären, dass sie sich an den derzeitigen Spekulationen nicht beteiligen, aber in Kürze Gespräche mit den zuständigen Gremien im Zentralrat führen werde – diese sind offenbar für Sonntag vorgesehen. Spekuliert wird nicht nur über den Nachfolger für das Amt des Vorsitzenden, sondern auch über die Gründe, die Knobloch dazu bewegten, auf eine weitere Amtszeit zu verzichten. Sie hat das Amt im Jahr 2006 nach dem Tod von Paul Spiegel übernommen, und während ihrer Amtszeit wurde ihr teils vorgeworfen, nicht genügend Integrationskraft für die verschiedenen Strömungen jüdischen Lebens in Deutschland zu haben. Kritik an ihrer Amtsführung soll selbst aus dem engeren Führungskreis gekommen sein. Für einen Eklat sorgte Knobloch im Januar 2009, als sie in ihrer Funktion der Vorsitzenden erstmals einer Gedenkfeier des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus aus Protest fernbleiben wollte, da sie als Überlebende des Holocaust nicht auf der Tribüne des Bundestags begrüsst werden sollte.
Debatte entfacht
Die Debatte über die Rolle des oder der Vorsitzenden kam aber vor allem im vergangenen Oktober ins Rollen, nachdem der Publizist Henryk M. Broder mit seiner – kurz darauf wieder verworfenen – Ankündigung für Schlagzeilen sorgte, für die Nachfolge Charlotte Knoblochs kandidieren zu wollen. Der tatsächliche mögliche Nachfolger Graumann hat die Ankündigung Knoblochs ebenso wie die Israelitische Kultusgemeinde in München, deren Vorsitzende Knobloch ist, bis zum Redaktionsschluss nicht kommentiert.