Zeit für die Wahrheit

September 24, 2009
Rachel Azaria zur Lage in Israel

Es ist an der Zeit für uns, den in Israel lebenden Ultraorthodoxen direkt in die Augen zu schauen und ihnen zu sagen: «So, liebe Brüder und Schwestern, geht es nicht mehr. Weder für uns noch für Euch».

Seit fast einem Jahr bin ich im Jerusalemer Stadtrat, und je mehr ich mich mit den Alltagsgeschäften der Stadtverwaltung befasse, umso mehr bin ich überzeugt von der Richtigkeit dieser Behauptung. Und die Situation wird ständig schwieriger.

Das «System», gemäss welchem 80 Prozent der charedischen (ultrareligiösen) Männer in diesem Lande nicht arbeiten, und die charedische Frau durchschnittlich acht Kinder zur Welt bringt, funktioniert nicht. Wir, die nicht charedische Bevölkerung, sind nicht länger in der Lage, unsere Mitbürger mitzutragen. Zudem gibt es auch keine moralische Begründung, die uns dazu zwingen könnte.

Ich möchte direkt sein: Wir tragen die Bürde der charedischen Bevölkerung in jedem Bereich des Alltags. Menschen leben schliesslich nicht von Luft alleine. Jemand muss sich um die acht Kinder kümmern, die im Durchschnitt in den Familien leben, und in die Bedürfnisse der landesweit 600 000 Mitglieder der ultraorthodoxen Gemeinschaft investieren - sei dies nun die Bildung, das Gesundheitswesen, die Unterkunft, Ernährung oder die ausserschulischen  Aktivitäten der Kinder. Zwar erhalten die Charedim grosszügige Spenden aus dem Ausland, doch in den meisten Fällen begleichen wir die Rechnung. Wir, der Rest der Einwohner des Staates Israel, die wir hart arbeiten und hohe Steuern zahlen. Wir sind diejenigen, die die Charedim unterstützen.

Hier ein Beispiel dafür, wie das Ganze funktioniert: In nicht-charedischen Kindergärten in Jerusalem decken die Eltern der Kinder 70 Prozent der Gebühren, während der Steuerzahler für die restlichen 30 Prozent aufkommt. Die Preisnachlässe, die in der Regel die Differenz ausmachen, gehen in der Regel an bedürftige Familien, Neueinwanderer oder Familien mit anderen Schwierigkeiten. In jeder Gesellschaft ist es nur natürlich, dass die Schwächeren auf Hilfe angewiesen sind. 30 Prozent ist zugegebenermassen viel, doch unsere Gesellschaft kann sich das immer noch leisten. Das nennt sich soziale Solidarität. Unter den Charedim hingegen werden nur 30 Prozent der Schulgelder von Eltern getragen. Der Löwenanteil, die restlichen 70 Prozent, wird – ganz richtig - vom Steuerzahler getragen.

Oder nehmen wir die Kosten fürs Wohnen, den dominierenden Teil eines jeden Familienbudgets. Israel ist dicht besiedelt, und die Wohnungen kosten verhältnismässig viel. Dieser Tage wird kaum ein Projekt für junge Familien mit begrenzten Mitteln gebaut. Die Charedim bilden allerdings die Ausnahme. Ariel Atias (Shas), unser Wohnbauminister, verkündete kürzlich ein neues Projekt, das die Errichtung von Wohnungen extra hinsichtlich der Grösse und Kosten für junge Paare vorsieht. 90 Prozent von ihnen gehören der ultraorthodoxen Gemeinschaft an. Und wer subventioniert dieses wohllöbliche Unternehmen? Nicht charedische junge Paare und die restliche Bevölkerung, welche Steuern zahlt.

Kommen wir zur Besitzsteuer («Arnona»). Aus wirtschaftlichen Gründen ist die charedische Bevölkerung fast vollständig von dieser Steuer befreit. In Jerusalem, wo die Charedim einen Drittel der jüdischen Bevölkerung ausmachen, wird sie oftmals einfach nie bezahlt. Wer zahlt denn für Strassenreinigung, den Unterhalt von Parks und Spielplätzen und andere Aspekte unseres kollektiven Alltags in der Hauptstadt? Wir, die nicht charedische Bevölkerung. Wen wundert es da noch, dass die Stadt so schmutzig ist? Und dabei habe ich noch nicht den Militärdienst erwähnt, nicht die öffentlichen Mittel, die an die Jeschiwot gehen, oder die Kinderzulage und viele andere Beispiele für eine ungleiche Verteilung der Last.

Die Zeit ist also wirklich gekommen, uns selbst und den Charedim die Wahrheit zu sagen: So kann es nicht weiter gehen. In Jerusalem ist die Situation am Ärgsten, sind doch 30 Prozent der jüdischen Einwohner ultraorthodox. Vergessen wir aber nicht, dass landesweit 25 Prozent aller Kinder, die vor wenigen Wochen in die Schulen eintraten, Charedim sind. Im Laufe der Zeit sich aber wird das, was in Jerusalem geschieht, im ganzen Land wiederholen.

Erstaunlicherweise funktioniert das System nicht einmal für die Haredim selber. In der ersten Generation der charedischen Revolution – revolutionär in dem Sinn, dass die Männer studierten anstatt zu arbeiten – in den ersten Jahrzehnten des Staates, konnten die Betroffenen auch dann immer noch von den Eltern unterstützt werden, wenn sie heirateten und Kinder hatten. In der nächsten Generation war vielleicht noch etwas Geld übrig geblieben von den Grosseltern. Heute ist davon aber nichts mehr zu sehen, und acht Kinder ohne geregeltes Einkommen grosszuziehen, ist bei allen Ermässigungen der Welt keine leichte Sache. Sogar mit der Unterstützung der Nicht-Charedim und ausländischen Spenden bleiben diese Familien arm. Aber solange sie wie ihre Rabbiner an ihrer harten politischen Linie festhalten, haben sie keinen Weg, um aus diesem Teufelskreis der Armut auszubrechen.

In diesen Tagen des In-sich-Gehens sollten die charedischen Führer vielleicht einmal nachdenken über die von ihnen geschaffene Realität, und dann sollten sie zugeben, dass sich irgendetwas ändern muss. Bei allem Respekt schlage ich vor, dass sie die Initiative ergreifen und den historischen Schritt unternehmen, ihr Publikum dazu zu ermutigen, ihre eigenen Bedürfnisse genau so selber zu unterstützen, wie das auch in der nicht charedischen Welt an der Tagesordnung ist. Ich sehe den wachsenden Ärger und die steigende Verbitterung der Nicht-Charedim gegenüber den orthodoxen Mitbrüdern. Man ist gezwungen, die Bürde eines ganzen Bevölkerungskreises mitzutragen, der seine eigenen Bedürfnisse nicht decken kann. Im Laufe der Zeit wird sich eben diese Situation landesweit abspielen, und wenn die ultraorthodoxe Bevölkerung sich nicht selbst in den vordersten Reihen um eine Veränderung der Situation bemüht, dann wird die nicht charedische Mehrheit dies tun. Wir sind nämlich alle müde, und das System funktioniert nicht mehr.   

Rachel Azaria gehört dem Jerusalemer Stadtrat als Mitglied der Jerusalem-Partei an.