Zeit der Selbstbestimmung
In der Pessach-Haggada wird Gott als der Einzige dargestellt, der den Hebräern die Möglichkeit gab, sich von den Ägyptern zu befreien. Im Gegensatz dazu wird am Schabbat vor Rosch chodesch Nissan innerhalb des ganzen zwölften Kapitels von Exodus eine andere Sichtweise vermittelt. Es ist deshalb kein Zufall, dass die Rabbiner festgelegt haben, dieses Kapitel zusätzlich zur Sidra des Tages zu lesen, denn es kann uns zu einer anderen Schlussfolgerung führen als zu jener, die wir aus der Haggada ziehen würden.
Exodus 12 beginnt mit den Worten «Und der Ewige sprach zu Mosche und Aaron im Lande Mizraim». Hier erinnern die meisten Kommentatoren daran, dass es eigentlich gar nicht nötig wäre, den Ort zu präzisieren, da sich das Geschehen vorher über mehrere vorhergehende Kapitel hinweg in Ägypten abgespielt hat. Raschbam beharrt auf der Tatsache, dass die anderen Gebote, die das Volk Israel erhalten hat, ihm entweder am Berg Sinai oder in der Wüste gegeben wurden, und es sich hier also offensichtlich um eine Ausnahme handle, die dem Kapitel ganz besonderes Gewicht verleiht.
Wenn Mosche und Aaron gemeinsam genannt werden, geschieht dies, um die aktive Rolle zu unterstreichen, die Aaron spielte. Vers 3 belegt diese Zusammenarbeit: Mosche und Aaron müssen sich gemeinsam an das Volk Israel wenden, denn es steht geschrieben: «daberu» – «sprecht». Und wir lesen weiter: «el-kol-adat-Israel» – an die Gesamheit Israels; «kol adat» steht dafür, dass die ganze Gemeinschaft des Volkes Israel sich dem Anspruch jedes Einzelnen bewusst ist, zu vernehmen, was Mosche und Aaron gemeinsam zu verkünden haben.
Der Meister legt den Kalender fest
Zum zweiten Vers erklärt Nachmanides, dass der Monat Nissan eine neue Epoche einweihe. Deshalb wird er zum ersten Monat des liturgischen Kalenders. Jacob Sforno ergänzt dazu: Dem Sklaven ist es unmöglich, seinen eigenen Kalender festzulegen; dieser wird von seinem Meister bestimmt. Den ersten Tag des ersten Monats des Jahres festzulegen bedeutet, über seinen eigenen Kalender bestimmen zu können. Gott bindet also die Hebräer in sein Vorhaben ein, indem er von ihnen verlangt, ihren Kalender selbst in die Hand zu nehmen – und damit auch ihr eigenes Schicksal.
Die folgenden Verse benennen die Handlungen, die den Kindern Israels erlauben werden, sich von der kulturellen und spirituellen Bevormundung Ägyptens zu befreien.
Am 10. Nissan sollen sie ein Opferlamm aussuchen. Dadurch offenbaren sie ihre wirtschaftliche wie auch religiöse Unabhängigkeit, denn das Tier wird nicht einer ägyptischen Gottheit geopfert, sondern Gott. Sforno betont, dass es hier darum geht, sich vom Götzendienst loszusagen und sich dem einen und einzigen Gott zuzuwenden. Nachmanides seinerseits unterstreicht die Wahl des Lamms als ein den Ägyptern heiliges Tier. Indem die Hebräer dieses auf ägyptischem Boden opfern, bestätigen sie ihr Vermögen, sich der ägyptischen Symbole zu bemächtigen und ihnen einen anderen Sinn zu geben. Ein neuer Schritt Richtung Freiheit ist damit getan, jener des Ablegens der religiösen Kultur Ägyptens.
Das Lamm ist «ben schana», ein Jahr alt. Wir finden dieses Charakteristikum bei zwei Momenten der Neuerung wieder: Bei der Einsetzung Aarons als Hohepriester (Leviticus 23:18) und der Weihung des Tabernakels (Numeri 7:17). Für die Hebräer handelt es sich demnach also um das Einläuten einer neuen Epoche. Damals war es nur den Priestern erlaubt, Opfer darzubringen. Indem die Hebräer dies selbst taten, begingen sie eine Handlung, die eigentlich dem Klerus vorbehalten war. Dieser Akt erhob sie auf das höchste Niveau der Verbindung mit dem Göttlichen; sie wurden zu einem Volk von Priestern.
Das Blut des Lamms muss auf die Türpfosten und Giebel der Häuser verteilt werden. Dies erinnert an die Besprengungen, die der Hohepriester an Jom Kippur vornimmt (Leviticus 16:14). Die Häuser der Hebräer wurden dadurch reine und geheiligte Orte. Mitten in Ägypten, dem Ort der Unterjochung und somit der Unvollkommenheit und Unreinheit, erlangten Männer und Frauen, Kinder und Greise den Status der «cohanim» und ihre Behausungen jenen von Gott gewidmeten Tempeln.
Den Priestern vorbehalten
Das geopferte Lamm muss ganz gebraten und von jenen verzehrt werden, die es geopfert haben. Auch dies ist sonst den Priestern vorbehalten, und es bestätigt noch einmal den neuen Status der Kinder Israels, die sich den religiösen und kulturellen Prinzipien der ägyptischen Gesellschaft widersetzen. In den Augen der Ägypter ist das Opfern eines Lammes damit gleichbedeutend, sich als Cohen einzusetzen, und seine Behausung als Tempel zu kennzeichnen, ist ein Sakrileg, das ein Gefühl des Hasses und der Ausgrenzung nach sich ziehen kann. Die Kinder Israels wissen darum. Dem Pharao, der Mosche vorgeschlagen hatte, dass die Hebräer Gott ein Opfer darbieten sollten, antwortete Mosche: «Es ziemt sich nicht, so zu tun, denn das Scheusal Mizrajms opfern wir dem Ewigen, unserem Gotte: siehe, wir opferten das Scheusal Mizraims vor ihren Augen, würden sie uns nicht steinigen?» (Exodus 8:22). Diese freiwillige Handlung ist also die Bekräftigung der Kinder Israels, dass sie bereit sind, vom ägyptischen Joch befreit zu werden.
Derjenige, in dessen Haus zu wenige für ein ganzes Lamm leben, soll sich mit seinem Nachbarn zusammentun (Vers 4). Indem sie sich nach ihrem freien Willen zusammenschlossen, legten die Hebräer die Beziehungen fest, die sie vereinen sollten. Damit entzogen sie sich jeglicher von Pharao verordneten sozialen Struktur. Auf die religiöse und kulturelle Freiheit folgte die soziale Befreiung. Der Tod konnte jenen nichts anhaben, die sich zum gegebenen Zeitpunkt frei und in ihren heilig und rein gewordenen Häusern vereint hatten, um gemeinsam ein einjähriges Lamm zu opfern und zu verzehren.
Das jähe Erscheinen von Heiligkeit inmitten Ägyptens ist der Grund für diesen von Gott vorgegebenen Ritus, der damit sein Strafgericht gegen alle ägyptischen Gottheiten übte (Vers 12). Die Befreiung der Hebräer, Manifestation der ganzen göttlichen Macht, wird dank ihres eigenen Einsatzes möglich. Samson R. Hirsch weist nachdrücklich darauf hin (Chorev Par. 666), dass sie sich damit aktiv an diesem grundlegenden Moment unserer Geschichte beteiligt haben. Ihr Handeln steht für ihren freiwilligen Aufbruch in eine neue Welt, eine Welt der Befreiung und der Verantwortung.
Dieses Kapitel muss man also als jenes der eigenen Befreiung des Volkes Israel vom ägyptischen Joch lesen, als Vorgeschichte der endgültigen und umfassenden Befreiung durch Gott. Gott befreit jene, die sich zuvor selbst befreit haben. Wenn wir Pessach feiern, bekennen wir uns damit zur Verbundenheit mit dem Prinzip der individuellen Verantwortung durch das Werden jedes einzelnen und unserer Gesellschaft. Wir erinnern uns damit aber auch daran, dass nur jenen, die selbst zu ihrer eigenen Befreiung beitragen, auch der volle Segen daraus erwächst.