Zauberberge und Koscherhotels

July 23, 2009
Das Jüdische Museum Hohenems erzählt in seiner aktuellen Ausstellung «Hast du meine Alpen gesehen?» von der langen Beziehungsgeschichte der Juden zu den Alpen. Die Exponate laden zu einer Reise durch reale Traumorte in den europäischen Bergen ein, die so manchen jüdischen Denker immer wieder aufs Neue fasziniert haben.
JÜDISCHE BEZIEHUNGSGESCHICHTE Eine Neuentdeckung der Alpen

Wer kennt die Geschichte aus der Feder Thomas Manns nicht: Ein junger Spross einer Hamburger Kaufmannsfamilie, der Jahre in einem Davoser Tuberkulose-Sanatorium verbringt, trifft während seines Aufenthalts auf Menschen, die ihn mit Politik, Philosophie, aber auch Liebe, Krankheit und Tod konfrontieren. Thomas Mann dazu wurde zweifellos auch durch den Kuraufenthalt seiner Frau Katia in Davos im Jahre 1912 dazu inspiriert, den Schweizer Kurort als Kulisse für seinen Roman «Der Zauberberg» zu wählen. Es war aber sicher auch kein Zufall, dass Mann seinen Protagonisten ausgerechnet auf einem Berg über die wichtigsten Lebensinhalte reflektieren liess. Der Roman widerspiegelt nicht nur in dieser Hinsicht den damaligen Zeitgeist: Die Berge regten zu philosophischen Diskursen an, waren für Städter des beginnenden 20. Jahrhunderts ein beliebtes Reiseziel und für viele letztlich auch ein Hindernis auf der Flucht im Zweiten Weltkrieg.

Gravitationszentrum Europas

Die Ausstellung «Hast du meine Alpen gesehen? Eine jüdische Beziehungsgeschichte» in der Hohenemser Villa Heimann-Rosenthal lädt noch bis im Oktober zu einer Neuentdeckung der Alpen ein. Die Zusammenarbeit des Jüdischen Museums Hohenems mit dem Jüdischen Museum Wien und dem österreichischen Alpenverein gibt Einblick in die Geschichten jüdischer Bergsteiger, Künstler, Skifahrer, Forscher und Sammler in den Alpen. Für den Museumsdirektor und Ausstellungskurator Hanno Loewy bieten die Berge einen dichten Resonanzboden: «Die Alpen sind das stärkste Symbol Europas und rufen eine Sehnsucht hervor, an einer gewissen Erfahrung teilzuhaben.» Die Geschichte der Juden in den Alpen ist auch eine Geschichte des Dialogs über, mit und von den Alpen. «Gespräch im Gebirg» nannte Paul Celan seine Verarbeitung einer geplanten Unterredung mit Adorno, die allerdings nie stattgefunden hat – Adorno erscheint nicht; auch dieser Text wurde durch den Bergmythos beeinflusst.
Auch der Ausstellungmacher Hanno Loewy, der vor zehn Jahren seine Doktorarbeit über den Berg- und Skifilm schrieb, ist dieser Faszination verfallen. Eine Mischung aus Kindheitserinnerungen und Leidenschaft hat ihn bei der Konzeption der Ausstellung geleitet. Von Dezember bis März 2010 werden dann  auch verschiedene alpine Exponate im Jüdischen Museum Wien und danach im Alpinen Museum in München gezeigt.

Zion in den Bergen

Der Gang durch die Ausstellung beginnt im Kellergeschoss des Museums. Dort erfährt der Besucher, dass der Zionismus nicht nur in Basel, sondern auch in den Alpen entstand. Theodor Herzls Fahrrad, das er auf seinen Bergreisen benutzte, erinnert daran, dass es Herzl, wie viele andere jüdische Gelehrte, im Sommer in die alpine Frische zog, wo seine Ideen reiften. Theodor Herzl verbrachte von 1901 bis 1903 die Sommer am Altaussee, wo er an seinem zionistischen Projekt arbeitete. «Hast du meine Alpen gesehen?» soll der Begründer der jüdischen Neoorthodoxie, Samson Raphael Hirsch, einmal gefragt haben.
Auch das Bild von Moses, der auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote erhält schafft eine Verbindung zwischen den Bergen und Gott. Der jüdische Bezug zu den Bergen war aber auch von sportlicher Natur. Als im Jahr 1875 der Hohenemser Alpenverein gegründet wurde, waren neun von elf Mitgliedern Juden. Tausende von deutschen und österreichischen Juden nahmen an der Bewegung des europäischen Alpinismus teil, der für sie Universalismus und Assimilation zugleich bedeutete. Die Wiener Alpenvereinssektion Austria zählte fast 2000 jüdische Mitglieder – ein Drittel der Gesamtzahl –, als im Jahr 1921 ein von der Mehrheit beschlossener Arierparagraph den Ausschluss der Juden verordnete. Die jüdischen Alpinisten gaben nicht auf und gründeten gemeinsam mit nicht jüdischen Freunden eine eigene Alpenvereinssektion, Donauland. 1924 wurde jedoch auch diese Sektion aus dem Alpenverein verbannt. Anfang der zwanziger Jahre hatten in Österreich antisemitische Aktivisten die «Arisierung» des Alpenvereins gesellschaftlich durchgesetzt, ohne dass ihnen Einhalt geboten worden wäre. Der Ausschluss der Juden war in einer der grössten gesellschaftlichen Organisationen erfolgreich geprobt worden – lange noch vor dem Holocaust.

Die Stadt in die Berge gebracht

Die Geschichte der Juden in den Alpen begann auch als Reflexion. Zahlreiche jüdische Philosophen nahmen die Weite der Berge zum Anlass, um über den Lebens- und Schaffenssinn zu reflektieren. Nicht nur der jüdische Geist aber fand an den Alpen gefallen. Filmemacher wie Sportler zog es während Jahrzehnten in die Berge. Diese wurden um die Jahrhundertwende zum kultischen Ferienort für jüdische Bürgerliche aus den Städten. «Für Bergler waren die Alpen eine äusserst gefährliche Lebensgrundlage, für die Denker hingegen eine spirituelle Herausforderung, bei der Irdisches und Göttliches aufeinandertraf», betont Loewy. Er meint, dass «die Berge von der Stadt entdeckt» worden seien; um sie entstand ein intellektueller Diskurs, der in Wien, Zürich oder Berlin geführt wurde. Für die europäischen Bürger, Literaten und Künstler wurden die Alpen zu einem Raum neuer Erfahrungen, was nicht zuletzt zum internationalen Tourismus und der Erfindung des modernen Skisports geführt habe. Die idyllische und wilde Landschaft zog immer mehr Menschen an. Mit der Erschliessung des Semmerings und des Salzkammerguts, des Südtirols wie der Schweizer Kurorte durch die Eisenbahn entstanden innert eines halben Jahrhunderts Enklaven modernen städtischen Lebens.

Die orthodoxe Wiederentdeckung

Für die Schweiz waren die Berge von jeher identitätsstiftend, nicht so für das alte Österreich. Dort nahmen sie in der Zeit der Monarchie noch eine periphere Rolle ein. Die Alpen rückten erst nach dem Ersten Weltkrieg und somit nach dem Fall der Monarchie ins Zentrum des Interesses Österreichs und wortwörtlich in die Mitte. Welche Rolle die Alpen für die Schweizer Juden spielen, kann Loewy nicht gänzlich beantworten: «In Wien haben unzählige jüdische Intellektuelle über die Berge und zum Teil auch über die Schweiz geschrieben. Aus der Schweiz sind dagegen kaum Texte vorhanden.» Die Schweizer Berge waren vielmehr ein «Ort der internationalen Bewegungen». Doch auch in der Schweiz spielte man mit dem Mythos des Berges. Auf zahlreichen Plakaten wird die Schweizer Berglandschaft als Idylle Europas suggeriert. Der Mythos der Alpen verlor im jüdischen Denken während des Zweiten Weltkriegs von seinem Glanz. Nun war das Gebirge nicht mehr Zufluchtsort für müde Städter, sondern vielmehr Hindernis vieler, die auf der Flucht vor den Nazis waren. Erst in den Nachkriegsjahrzehnten konnten die Alpen wieder im alten Glanz erstrahlen. Waren es in den zwanziger Jahren noch die assimilierten jüdischen Familien, die es in die Berge zog, erlebte der jüdische Bergtourismus später eine Wiedererweckung in Form orthodoxer jüdischer Touristen. Ortschaften wie St. Moritz oder Davos boten seither koschere Hotels und damit eine Möglichkeit für traditionell lebende jüdische Familien, ihre Ferien in den Bergen zu verbringen. In Davos existierte zwar keine jüdische Gemeinde, dafür aber ein jüdischer Friedhof, der einzige in den Alpen. All das zeigt das Jüdische Museum in Hohenems noch bis Mitte November auf drei Stockwerken – begleitet von vielen Ausstellungsobjekten, Texten, schönen Fotos, Collagen und Bildstrecken. Hanno Loewy wünscht sich, dass die im Museum erzählte Geschichte die Augen mancher Bergbegeisterter leuchten lässt und dem Betrachter die Möglichkeit gibt, «voller Begeisterung auf jeden Gipfel noch einen draufzusetzen».   

Hanno Loewy und Gerhard Milchram: «Hast du meine Alpen gesehen? Eine jüdische Beziehungsgeschichte»,  Bucher Verlag. Wien 2009. www.jm-hohenems.at