Yafos alte Zugstation

von Dania Zafran, March 5, 2009
Lange fristete die alte Zugstation von Yafo ein jämmerliches Dasein; die alten Wohn- und Lagerhäuser drohten zu verrotten. Doch jetzt restauriert die Stadt Tel Aviv das Gelände und plant einen neuen Anziehungspunkt für ausgehfreudige Tel Aviver.

Lange fristete die alte Zugstation von Yafo ein jämmerliches Dasein; die alten Wohn- und Lagerhäuser drohten zu verrotten. Doch jetzt restauriert die Stadt Tel Aviv das Gelände und plant einen neuen Anziehungspunkt für ausgehfreudige Tel Aviver.
Wer heute über das Gelände der alten Zugstation geht, das im Süden Tel Avivs vor den Toren der Altstadt Yafos liegt, fragt sich, wie das antike Bahnhäuschen, die alten Gleise und die dahinter liegenden ehemaligen Herrschaftshäuser und Fabrikgebäude der Templerfamilie Wieland so lange von der Stadt Tel Aviv vernachlässigt und einfach ihrem Schicksal überlassen werden konnten. Die Gegend um die alte Zugstation, welche nur wenige Schritte vom Meer entfernt ist, wird heute von Autogaragen und Schreinereien dominiert. Durch die Nähe zum Meer aber hat das Gelände viel Potenzial und hätte schon längst sinnvoll genutzt werden können. Vor 1948 befand sich hier das nördlichste arabische Quartier von Yafo, Manshie, wovon nur noch die Moschee Hassan Bek übrig geblieben ist und ein Gebäude am Meer, in dem sich heute das Museum Bet Haetzel befindet, das an die israelische Untergrundorganisation erinnert, die das Quartier im Unabhängigkeitskrieg 1948 eroberte.

Verdiente Aufmerksamkeit

Durch ein grosses Eisentor gelangt man auf das Gelände der ehemaligen Zugstation von Yafo, «Hatachana» («Die Station») genannt. Hohe, bis zu 130 Jahre alte, geschützte Fikusbäume sowie Kakteen wachsen hier wild, vom ersten Stock des ehemaligen Herrschaftshauses der Wielands sieht man bis zu Yafos Altstadt und aufs Meer. Die gross angelegten Restaurationsarbeiten der Stadtverwaltung von Tel Aviv auf dem 20 000 Quadratmeter grossen Gelände sollen rechtzeitig zu den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag der Stadt diesen Sommer abgeschlossen und das Areal dann endlich wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein, nachdem hier seit der Staatsgründung und bis vor wenigen Jahren das Militär einquartiert war. Ilan Shchori, Journalist und Experte für die Geschichte Tel Avivs, ist begeistert, dass das so lange stillgelegte Gelände endlich die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient.
Er erzählt: «Während des Unabhängigkeitskriegs hatte sich das israelische Militär auf dem Gelände einquartiert und das Militärmuseum gegründet, das bis heute besteht. In einem der alten Lagerhäuser der Templer, die bis 1943 hier lebten, war später eine Fabrik für Militärkleidung untergebracht.» Shchori geht schnellen Schrittes auf die einstige Villa der Templer-Familie Wieland zu; das heruntergekommene Gebäude fristet ein trauriges Dasein. Bald sollen jedoch auch hier Bauarbeiten in Angriff genommen und die kostbaren Überreste im Innern der Villa restauriert werden, die Shchori den Besuchern zeigt: An den Wänden wurden Original-Wandbilder unter weissem Verputz entdeckt; das Militär hatte die Kunstwerke, die Kunstmaler einst anstelle von Tapeten direkt auf die Wand gemalt hatten, einfach übermalt. Auch die ursprünglichen Keramikfliesen sind grösstenteils noch erhalten.

Auf Zeitreise

Wieder draussen, zeigt Shchori den Besuchern zwei alte, leer stehende Zugwaggons, die auf den stillgelegten Gleisen stehen. «Die sind nicht echt antik, sollen aber die Stimmung von damals zurückbringen», so Shchori. Bald sollen auf dem Gelände Geschäfte, Kunstgalerien sowie Restaurants und Cafés entstehen. Die Stadt Tel Aviv investiert 40 Millionen Schekel in das Projekt, private Unternehmer weitere 40 Millionen. Hillel Partuk, Sprecher der Stadtverwaltung von Tel Aviv-Yafo, erklärt: «Die Renovationsarbeiten sollen das Gelände zum nächsten Zentrum für Unterhaltung und Freizeit in Tel Aviv machen. Wir wollen
einen Ort schaffen, der die Besucher auf eine Zeitreise schickt. Der Ort soll wie vor 100 Jahren aussehen, aber gleichzeitig Platz für moderne und einzigartige Läden und Gastrobetriebe bieten, die sich der Atmosphäre des Ortes anpassen.»
Ilan Shchori erzählt: «In der ehemaligen Lagerhalle neben dem Bahnwärterhäuschen werden die Leute bald Wein und Käse degustieren können und dazu Live-Musik hören. Und zuvor noch kurz in der ehemaligen Wieland-Villa shoppen.» Wird diese Art der Eventkultur dem geschichtsträchtigen Ort wirklich gerecht? Ilan Shchori findet das. Doch Zweifel bleiben. Denn der Ort hat viel zu erzählen.  

Schwierige Bauarbeiten

Palästina stand noch unter türkischer Herrschaft, als der britische Philanthrop Sir Moses Montefiore zusammen mit Joseph Navon, dem Grossvater des späteren israelischen Staatspräsidenten Itzhak Navon, Pläne zum Aufbau einer Zugverbindung im Gelobten Land äusserte. Montefiore wollte die jüdische Emigration in das Gelobte Land finanziell und durch industrielle und landwirtschaftliche Ansiedlungen fördern. Eine Zugverbindung zwischen Yafo und Jerusalem würde der Region einen enormen Auftrieb bescheren, so war er überzeugt. Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis der erste Zug von der Station in Yafo zum ersten Mal in Richtung Jerusalem losdampfte.
1888 erteilte der türkische Sultan Abdülhamid II. Joseph Navon die Erlaubnis, den Bau einer Zugstrecke in Angriff zu nehmen, worauf Navon begann, in Europa Geld für das Unterfangen zu sammeln. Die Konzession wurde schliesslich an eine französische Finanzgruppe verkauft. Diese gründete im Dezember 1889 die Société du Chemin de Fer Ottoman de Jaffa à Jérusalem et Prolongements, kurz J & J. Die Bauarbeiten begannen, doch gestalteten sie sich relativ schwierig: Es gab in Palästina kaum Bauholz, und sogar die Schwellen mussten aus Europa importiert werden, was über den damals recht primitiven Hafen von Yafo geschah. Das ganze Material bis hin zu den Lokomotiven musste so ins Land gebracht werden.

Beginn einer neuen Ära

Am 26. September 1892 war es so weit: Der erste Zug rollte von Yafo nach Jerusalem. Das neue Zeitalter der öffentlichen Verkehrsmittel in Palästina hatte begonnen. Es war dies der erste Zug, der Kamele und Esel als Transportmittel ablöste; war Jerusalem zuvor eine Tagesreise von Yafo entfernt gewesen, so liess sich die Stadt in den judäischen Hügeln nun in gerade mal vier Stunden erreichen. Die Eröffnungsfeier war ein grosses Ereignis, viele wichtige Gäste kamen. Das neue Transportmittel sollte der Gegend in der Folge Auftrieb geben; es zog private und Handelsreisende an. Auf dem Gelände der Zugstation von Yafo lebte und arbeitete zudem ab Ende des 19. Jahrhunderts die deutsche Templerfamilie Wieland, die aus christlich-religiösen Gründen ins Gelobte Land gekommen war. Sie unterhielt eine Fabrik für Ziegel und Stein, mit dem viele Häuser in Neve Zedek, Jerusalem und der Tel Aviver Templersiedlung Sarona gebaut wurden. Die Familie Wieland konnte ihr Baumaterial mit der Eröffnung der Zugstrecke viel einfacher transportieren. Bis zum Unabhängigkeitskrieg 1948 fuhr der Zug nach regulärem Fahrplan und transportierte vor allem Handelsreisende, aber auch christliche Missionare, Pilger und Private. Bekannte Persönlichkeiten wie der deutsche Kaiser Wilhelm II. oder Theodor Herzl gehörten ebenfalls zu den Fahrgästen.In den dreissiger Jahren wurde die Strecke Jerusalem–Yafo verlängert; fortan fuhr der Zug auch von Yafo Bahnhof bis Yafo Hafen, wo Exportgüter wie Wein aus der etwas weiter gelegenen Templersiedlungen Sarona oder Orangen verschifft wurden. Die Strecke wurde in den fast 60 Jahren ihres Betriebes rege genutzt; bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs hatten bereits 183 000 Reisende den Zug, der zwei- bis dreimal täglich nach Jerusalem fuhr, in Anspruch genommen. Ursprünglich war der Zug als Schmalspurbahn gebaut worden. Noch während des Ersten Weltkriegs – aber schon unter englischer Besetzung – wurde begonnen, die Bahn auf Normalspur umzustellen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Strecke in die neu gegründeten Palestine Railways eingebracht. Die französischen Eigentümer von J & J wurden abgefunden. Noch vor dem Unabhängigkeitskrieg wurde der Zugbetrieb eingestellt. «Kommt und besucht die alte Zugstation, wo Tel Aviv und Yafo sich begegnen», so der Slogan, der breite Massen nach der Eröffnung des frisch renovierten Areals anziehen soll. Der Stadt Tel Aviv ist das Projekt wichtig, Beschwerden und Einsprachen aus dem benachbarten Quartier Neve Zedek, wo sich Ladenbesitzer und Bewohner vor weniger Kundschaft, weniger Parkplätzen und mehr Lärm fürchten, wurden abgewiesen. Hillel Partuk ist überzeugt: «Das Projekt Hatachana ist ein weiterer Schritt zur Erhaltung des historischen Erbes von Tel Aviv-Yafo.»

Die aktuellen Beilage «100 Jahre Tel Aviv» beleuchtet Geschichte, Kultur und Gesellschaft dieser israelischen Metropole und zeigt in einem Interview mit Bürgermeister Ron Huldai auf, wohin sich die Stadt entwickelt.