Wunder werden knapp

January 15, 2009
Editorial von Jaques Ungar

Wunder werden knapp. «Wer in Israel nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.» Lange diente dieser von David Ben-Gurion geprägte Satz den Bewohnern des Staates Israel als Ansporn, Rettungshalm sowie als Trost und Hoffnung auf bessere Zeiten. Langsam aber werden die Wunder knapp. Das zeigt der Verlauf des Gaza-Kriegs.

Das Informations-Wunder bleibt aus. Den Krieg verfolgt die Welt in «Echtzeit» auf dem TV-Internet-Fauteuil. Zeitungskommentare werden ab und zu noch zur Kenntnis genommen, aber auch nur, wenn sie provokativ sind, Selbstverständliches in Frage stellen und an allem Etablierten rütteln. Weil der Gazastreifen für in Israel stationierte Medienschaffende fast hermetisch abgeriegelt ist, muss die Welt ihren Wissensdurst von auf palästinensischer Seite arbeitenden Journalisten und TV-Reportern stillen lassen. Sie tut dies noch so gerne, liefern die schrecklichen Bilder der von IDF-Panzergranaten getöteten Frauen, Kinder und ganzen Familien doch frei Haus die Munition für die pauschale Verurteilung des israelischen Vorgehens. Von hier bis zu den an Massendemonstrationen zu hörenden und sehenden Holocaust- und Nazislogans ist der Weg kurz und leicht. Leicht ist er, weil, ähnlich zu früheren Kriegen mit israelischer Beteiligung, auch jetzt wieder das Jerusalemer Informations-Wunder nicht stattfindet. Da haben die Truppen anderthalb Jahre den Angriff auf den Gazastreifen trainiert, doch die flankierenden israelischen Informationsaktivitäten – Kriege werden auf dem Schlachtfeld lanciert, im Zeitalter des globalen Dorfs aber in den Medien entschieden – vermitteln den Eindruck, als sei man zu dunkler Nachtstunde von einem unerwarteten militärischen Tsunami überrollt worden. Man reagiert anstatt zu agieren, wobei Israels selbstgewählte, an das britische Falkland-Modell erinnernde mediale Abschottung das Agieren wahrlich nicht erleichtert. Noch so viele säuberlich im Hof des Polizeipostens von Ashkelon aufgestapelte Reste von Kassem-Raketen können eben nicht konkurrenzieren mit dem Bild eines toten Palästinenserbabys in den Armen des verzweifelten Vaters, oder mit den schreckgeweiteten Augen des achtjährigen Mädchens, das, auf den Ruinen seines Hauses stehend, fragt: «Warum tun die Juden uns das an?» Mehr braucht es nicht, um Israel dem weltweiten Vorwurf der «Unverhältnismässigkeit» auszusetzen. Fakten haben hier einen schweren Stand. 

Das politische Wunder der internationalen Ächtung der Hamas läuft sich ebenfalls tot. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon wollte vor seinem dieswöchigen Besuch der Region nicht sagen, ob er Hamas-Offizielle treffen wird oder nicht, und immer mehr Menschen verlangen einen sofortigen, beidseitigen Waffenstillstand. Israels Forderung nach einer vorherigen Unterbindung des Rüstungsschmuggels und nach einer dauerhaften Waffenruhe wird geflissentlich überhört. So, als ob sich zwei adäquate Gegner gegenüberstünden, und nicht die Armee einer seit acht Jahren pausenlosen Raketenangriffen ausgesetzten Zivilbevölkerung und mit Regierungsmacht ausgestattete Terroristen, deren oberstes Ziel die Vernichtung Israels ist.

Allen Unkenrufen zum Trotz. Über 700 Raketen mit wachsender Reichweite wurden in der Operation «Gegossenes Blei» bis jetzt gegen Israel abgefeuert. Dass die Zahl der Toten und Verletzten relativ niedrig bleibt, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass in Israel allen Unkenrufen zum Trotz nur jener ein Realist ist, der an Wunder glaubt. Etwa auch daran, dass Israel so lange weiterkämpfen kann, bis das militärische Rückgrat der Hamas entscheidend gebrochen ist.