Wovon die Israeli träumen

Von Jacques Ungar, April 22, 2010
Wer am 62. Unabhängigkeitstag nach positiven Entwicklungen im Staate Israel in den vergangenen zwölf Monaten Ausschau hält, der findet das Gewünschte vorwiegend im wirtschaftlichen Bereich. Einen Schatten auf das Bild wirft allerdings das Bildungswesen.
ANGST VOR WASSERKNAPPHEIT Junge Menschen wünschen sich ausreichend Frischwasser mehr als Frieden

Gemäss Zahlen und Schätzungen des Magazins «The Economist» und des Internationalen Währungsfonds wuchs die israelische Wirtschaft im letzen Viertel des Jahres 2009 trotz globaler Krise um 4,8 Prozent, ein Ergebnis, das von keinem anderen westlichen Staat erreicht wurde. Nur Indien und China wuchsen rascher, während die Staaten der Europäischen Union sich mit 1,2 Prozent und die Schweiz gar mit nur einem Prozent begnügen mussten. Auch der Lebensstandard in Israel befindet sich im Aufwärtstrend: Die Ausgaben für den Privatkonsum lagen Ende 2009 um fünf Prozent über dem Vergleichswert von Ende 2008, und die Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen stieg im Berichtszeitraum um 47,3 Prozent.

Wunsch nach Frieden

Ebenfalls positiv präsentierte sich zum 62. Unabhängigkeitstag die israelische Bevölkerungsstatistik. Insgesamt lebten im Lande 7,6 Millionen Menschen. Das waren rund 137 000 oder 1,8 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Rund 75,5 Prozent der Einwohner (5,7 Millionen) sind Juden und 20,4 Prozent Araber. Dieses Verhältnis hat sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. Heute sind bereits 70 Prozent der Israeli sogenannte Sabres, das heisst im Lande geborene Menschen.

Neben der Veröffentlichung von Bevölkerungsstatistiken gehört auch die Publikation von Umfragen über das Wohlbefinden der Israeli und ihre Prioritäten zu den liebgewonnenen Traditionen des Jom Haazamaut. Von der Zeitung «Yediot Achronot» nach den wichtigsten Themenkreisen im Bereich «Staat und Nation» befragt, antworteten 56 Prozent mit «Erreichen eines Friedens mit der arabischen Welt». Für 34 Prozent dagegen war das Steigen des Wasserspiegels des Kinnere-Sees, des wichtigsten Frischwasserreservoirs Israels, der dringendste Wunsch. Nicht uninteressant ist hier, dass bei der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre der Wasserspiegel des Kinneret-Sees an erster Stelle, der Frieden mit den Arabern an zweiter Stelle steht. Nur gerade vier Prozent der Israeli wünschen sich für das nächste Jahr einen Beitritt ihrer Heimat in die EU, und sogar nur drei Prozent erhoffen sich vor allem eine Entschuldigung von Richter Richard Goldstone für seinen Uno-Bericht über den Gaza-Krieg.

Für ein besseres Bildungswesen

Als vordringlichstes Ziel in wirtschaftlicher Hinsicht gaben 53 Prozent der Israeli eine angemessene Pension an, während nur 13 Prozent sich für eine Senkung der Einkommenssteuer stark machten. Im Bereich «Nationalstolz» träumen 29 Prozent der Israeli davon, dass ihrem Fussball-Nationalteam die Teilnahme an der Weltmeisterschaft gelingt, während 23 Prozent hoffen, ein israelischer Film möge endlich einmal einen Oscar gewinnen. Eine Aufschlüsselung der Antworten nach Männern und Frauen führt allerdings zu einer Umkehr der Prioritäten. In Bezug auf die Lebensqualität wünschen sich 48 Prozent der Israeli in grünerer Umgebung zu wohnen, 14 Prozent eine Lösung der akuten Parkplatzprobleme, elf Prozent den Übergang zur Viertagewoche. Ebenfalls elf Prozent würden die Verkürzung des Militärdienstes um ein Jahr begrüssen. Eine klare Mehrheit konnte mit 58 Prozent der Interviewten im Bereich «Gesellschaft und soziales Wohlergehen» die Forderung nach einer wesentlichen Verbesserung des israelischen Bildungswesens auf sich vereinigen.

Eine Katastrophe?

Die Befürworter eines qualitativ höherstehenden Bildungswesens sind sich vielleicht der Probleme nicht bewusst, die der israelischen Wirtschaft in den kommenden Jahrzehnten gerade hier erwachsen können. Dan Ben-David von der Tel-Aviv-Universität begründet seine Prognose, die Wirtschaft des Landes steuere einer Katastrophe entgegen, unter anderem wie folgt: Israels Lebensstandard hält nicht Schritt mit dem entwickelter Nationen des Westens (das steht allerdings im Widerspruch zu den eingangs erwähnten Statistiken). «Trotz seiner hochentwickelten Technologie, seiner Medizin und dem höheren Bildungswesen», sagt Ben-David, «ist der israelische Lebensstandard seit den siebziger Jahre im Vergleich zum Westen rückläufig, was vor allem die Auswanderung ankurbeln wird.» In den vergangenen zwölf Monaten sind allerdings total 9000 ausgewanderte Israeli nach Hause zurückgekehrt. Ben-David weist sodann darauf hin, dass im vergangenen Jahrzehnt die Zahl der im staatlichen Schulsystem eingeschriebenen Schüler um drei Prozent gesunken ist, während die national-religiösen Schulen einen Zuwachs von acht, das arabische Bildungswesen einen solchen von 33, das charedische (ultra­orthodoxe) Schulsystem gar einen Zuwachs von 51 Prozent registrieren konnten. «Wenn wir diese Entwicklung auf die kommenden 30 Jahre extrapolieren», hält Ben-David fest, «werden 2040 78 Prozent der israelischen Kinder im arabischen oder im charedischen Bildungswesen lernen.» Der Tel Aviver Professor kommt zu einer wenig erfreulichen Schlussfolgerung: «Unser Bildungswesen ist in einem Zustand der Anarchie, die aber nicht in diesem Bereich Halt macht.»

Sorgen und Probleme

Bis zum kommenden Jom Haazmaut bleibt dem Land, seinen Bürgern und der Regierung mehr als genug Zeit, um sich mit den Alltagssorgen und -hoffnungen zu befassen. Im Vordergrund stehen hier die nun offenbar auch die USA beschäftigenden Lieferungen syrischer Scud-Raketen an die Hizbollah. Diese Woche musste sich deswegen der höchstrangige syrische Diplomat in Washington harsche Kritik im State Department gefallen lassen. Ebenfalls nicht auf die leichte Schuler genommen werden in Jerusalem Drohungen der Hamas, israelische Soldaten zu entführen. IDF-Korporal Gilad Shalit sitzt jetzt ja schon bald vier Jahre in seinem Verliess im Gazastreifen, und die von Politikern in Jerusalem immer wieder gemachten Beteuerungen, nichts unversucht zu lassen, um den von Hamas-Aktivisten von israelischem Gebiet entführten Wehrmann nach Hause zu bringen, werden kaum noch zur Kenntnis genommen.

Ein weiteres heisses Eisen ist der Zustand in der Westbank. Das gilt sowohl für das Verhältnis zwischen Siedlern und Armee beziehungsweise Grenzschutzsoldaten als auch für die Beziehungen zwischen Israeli und Palästinensern. Hier wartet man mit einigem Bangen auf die Wiedereröffnung der Strasse 443 zwischen Jerusalem und Bet Shemesh für palästinensische Autofahrer. Versuche terroristischer Elemente, wie vor einigen Jahren schon, entlang der Strasse Anschläge gegen israelische Zivilisten zu verüben, scheinen vorprogrammiert zu sein. Niemand kann heute mit Bestimmtheit sagen, ob der Beschluss des Obersten Gerichts, Palästinensern den Zugang zur Strasse wieder zu gestatten, weise war.

Konflikte mit Siedlern

Die innerisraelischen Spannungen in den Gebieten gelangten am Unabhängigkeitstag durch Zusammenstösse zwischen Bewohnern der Siedlung Yitzhar und Grenzschutzsoldaten zum Ausdruck. Siedler bewarfen Uniformierte mit Steinen, als die Soldaten sie daran hinderten, zu einer neben einem Palästinenserdorf gelegenen Quelle zu gehen. Im Zuge der Konfrontation wurden die Reifen eines Militärjeeps durchstochen, ein Soldat erlitt Verletzungen und einige der Siedler wurden festgenommen. Möglicherweise kann man bei Zwischenfällen wie diesen eine Vorahnung davon bekommen, was geschieht, wenn Armee und Polizei den Befehl von der Regierung erhalten, illegale Aussenposten zu räumen, ohne Bewilligung errichtete Gebäude einzureissen oder den partiellen Baustopp zu verlängern. Ebenfalls Zündstoff dürfte die am Mittwoch in der «Jerusalem Post» erschienene Meldung liefern, die Armee habe begonnen, Pläne für den Rückzug auf die Linien auszuarbeiten, die vor Ausbruch der zweiten Intifada im Herbst 2000 gegolten hatten. Dieser Rückzug würde vor allem die palästinensischen Städte wieder palästinensischer Kontrolle unterstellen. Das Verhältnis zwischen Siedlern und Armee dürfte sich in absehbarer Zeit also kaum beruhigen.