Worte und Gesang statt Waffen
Oshrat nimmt das Mikrofon zur Hand und fängt an zu singen – klagend, traurig und doch voller Hoffnung. Hoffnung auf Frieden. Das israelische Volkslied, das die 19-Jährige aus Ashdod singt, stösst im Friedenscamp des Europarats nicht auf taube Ohren. Denn Oshrat hat ungewöhnliche Zuhörer im Europapark in Rust bei Freiburg. 32 Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren bringt der Europarat in einem Friedenscamp zusammen. Palästinenser treffen auf Israeli, Serben auf Albaner aus Kosovo. Die Jugendlichen aus Georgien sollten eigentlich mit Gleichaltrigen aus Ossetien und Abchasien zusammenkommen, doch Russland verweigerte die Ausreise. Gesang, Spiele, Diskussionen und Achterbahnfahrten statt Gewalt, das stand Anfang Juli auf dem Programm.
Von Europa lernen
«So etwas wäre in Israel überhaupt nicht denkbar», sagt Oshrat. Kriege und Konflikte bestimmen dort ihr Leben, die Gefahr ist täglich spürbar. Aber, so ist Oshrat überzeugt: «Wir können in Frieden leben.» Die Israeli nimmt an dem Camp teil, um von anderen zu lernen, andere Meinungen zu hören. Und sie war im Vorfeld fest entschlossen, hier Freunde zu finden – auch unter den Palästinensern. «In Zeiten von Facebook und E-Mails ist es doch leicht, später Kontakt zu halten.» Sie habe hier bereits wunderbare Leute getroffen: «Wir wachen morgens auf und umarmen uns, weil wir so glücklich sind.»
Am Morgen hat die Gruppe über die Rolle von Männern und Frauen in ihren Ländern diskutiert. «Das ist die Basis für Frieden. Frauen sind meistens die Opfer, auch wenn Männer die Kriege führen», erklärt Michael Raphael, der als Konfliktmanager des Europarats das jährliche Treffen seit sechs Jahren organisiert. Er ist begeistert über die Dynamik und die Harmonie in der Gruppe. «Alle sind total wissbegierig und lernen sehr schnell», sagt Raphael. Der 44-Jährige hofft, dass die Jugendlichen auch von Europa lernen, dass ihr Konflikt nicht der einzige und schlimmste auf der Welt ist. «Die Erzfeinde Deutschland und Frankreich lieferten sich erbitterte Kämpfe, die schlimmer waren als die Kriege in den Heimatländern der Jugendlichen. Heute ist das vergessen», sagt er.
Frieden und Respekt
Viele der Jugendlichen engagieren sich in ihrer Heimat bereits in Friedensprojekten und können später dort von ihren Erfahrungen in Deutschland profitieren. «Meine Freunde zu Hause unterstützen mich voll und ganz, da sieht mich keiner als Verräter, weil ich mit der anderen Seite spreche», sagt der Georgier Dimitri Gugunava. Das Friedenscamp wird vom Europapark mitveranstaltet und von Europapark-Chef Roland Mack unterstützt, der seit Jahren auch als Sonderbotschafter des Europarats für Familien aktiv ist. «Wir hoffen, dass das Jugendcamp einen Beitrag zur besseren Verständigung unter den Jugendlichen leistet, so dass sie auf eine Zukunft blicken können, die in stärkerem Masse von Frieden und Respekt voreinander geprägt ist», sagt Mack. Das Mit- und Nebeneinander der Besucher aus allen Nationen im Park, aber auch der Mitarbeitenden aus Deutschland und Frankreich, kann hier als Vorbild dienen. [TA]