Wohltätigkeit und Bildung als Tugenden
Von Valerie Doepgen
Entgegen der bedeutenden Rolle, die jüdische Mäzene – besonders in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts, aber auch in den Vereinigten Staaten – gespielt haben, ist die Geschichte der jüdischen Philanthropie sowie die Motivation der Stifter noch längst nicht ausreichend erforscht. Theodor Fontane hat ihr grosses Engagement bereits früh anerkannt, indem er notierte, er habe einsehen müssen, «dass uns all unsere Freiheit und feinere Kultur, wenigstens hier in Berlin, vorwiegend durch die reiche Judenschaft vermittelt wird.» Diese Äusserung macht deutlich, dass die Auswirkungen des jüdischen Mäzenatentums nach aussen hin sichtbar sind und geschätzt werden. Die Beweggründe der Stifter bleiben aber oftmals unergründet und im Dunkeln. Die Forschung ist sich inzwischen einig darüber, dass es sich bei den jüdischen Stiftern zumeist um ein Motivkonglomerat zwischen Altruismus und Akzeptanz handelt. Allgemein treten Mäzene in Erscheinung, wenn die notwendigen Bedingungen von Reichtum, Verantwortungsbewusstsein, Bildung und gesellschaftlichem Anreiz vorliegen. Mäzenatisches Handeln wird als eine Form von Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft beschrieben, es ist ein zentrales Ideal bürgerlichen Handelns. Dieses Phänomen aber ist nicht spezifisch jüdisch, und es kann aufgrund des prozentual auffällig hohen Anteils jüdischer Mäzene innerhalb der verschiedenen Bevölkerungsgruppen daher davon ausgegangen werden, dass die Motive jüdischer Philanthropen noch tiefer oder zumindest anders gelagert sind.
Der zentrale Begriff «Zedeka»
Für die überdurchschnittlich starke Stiftungstätigkeit der Juden sind verschiedene Ursachen denkbar. So kann hinter dieser besonderen Grosszügigkeit das Bestreben vermutet werden, Defizite bürgerlicher Gleichstellung oder politischer Partizipation zu kompensieren. In diesem Falle würde bei einigen Mäzenen hinter dem philanthropischen vor allem der Gedanke stehen, die kulturelle Zugehörigkeit und patriotische Gesinnung mithilfe generöser Taten zu beweisen. Diesen Gedanken zweifelt die Historikerin Elisabeth Kraus von der Universität München an, indem sie darauf hinweist, dass der Assimilierungswunsch keine primäre Rolle gespielt hat, denn «die jüdischen Mäzene wurden zumeist erst mäzenatisch aktiv, als sie bereits in der Gesellschaft etabliert waren.» Aus der Sicht von Kraus spielt der Wunsch nach Anerkennung und Prestige sicher eine Rolle, die aber nicht überbewertet werden solle. «Der Wohltätigkeitsgedanke ist massgeblich», sagt sie gegenüber dem aufbau und verweist darauf, dass im Judentum seit jeher die soziale Fürsorge, die Armen- und Krankenpflege, die Unterstützung von Witwen, Waisen oder anderer hilfsbedürftiger Personen als religiöse Pflicht und oberstes sittliches Gebot galten. Der zentrale Begriff für das jüdische Verständnis von Mild- und Wohltätigkeit «Zedeka» wird auch als eine ausgleichende, soziale Gerechtigkeit verstanden, die offenbar als Moralkodex die Hauptmotivation für Philanthropie darstellen kann.
Auch wenn zahlreiche jüdische Mäzene vor allem im Bereich der Kunstsammlung und -förderung hervortraten, so engagierten sich weit mehr Mäzene – ohne grosse Aufmerksamkeit erlangen zu wollen – im karitativen Bereich. Vergleicht man die drei Bereiche Caritas, Wissenschaft, Bildung sowie Kunst, Kultur miteinander, so haben sich jüdische Mäzene in der deutschen Neuzeit zu 80 Pro-zent karitativ engagiert, so Kraus. Dies bestätigt auch Peter Walkenhorst, Leiter des Projekts «Bürgerstiftungen» der Bertelsmann-Stiftung. Er verweist auf den bekannten jüdischen Stifter James Simon, dessen Mäzenatentum in Deutschland unübertroffen ist, und der heute vor allem durch die von ihm an die Berliner Museen gestiftete Büste der ägyptischen Nofretete bekannt ist. «Was viele nicht wissen, ist, dass Simon weitaus mehr Gelder als in Kunst in soziale Einrichtungen wie Kinderheime investiert hat», so Walkenhorst. «Der Gedanke scheint für ihn prioritär gewesen zu sein.»
Ein Bekenntnis zum Judentum
Die soziale Fürsorge erstreckte sich im Judentum schon laut Bibel auf Arme, Witwen oder Waisen – und auch auf Fremde. Laut Kraus ist daher auch der Umstand nicht kurios, dass der Gemeindevorsteher «Parnass» («Ernährer») genannt wurde – wegen der von ihm geleiteten Armenpflege. Der jüdische Religionsphilosoph Maimonides präsentierte bereits eine Wertigkeitsskala der Wohltätigkeit. Danach galt es als besonders wertvoll, im Stillen und Verborgenen zu geben. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Festlegung mittelalterlicher Rabbiner, die dahin geht, dass die Errichtung etwa eines Krankenhauses ähnlich hoch einzuschätzen ist wie die Gaben für den Bau einer Synagoge. Im Unterschied zu christlichen Mäzenen, die ihr Vermögen oftmals nach ihrem Tod spenden und die Gründung einer Stiftung von Todes wegen in ihrem Testament festhielten, stellten die jüdischen Spender ihre Mittel zumeist zu Lebzeiten zur Verfügung. Auch dieses Verhaltensmuster lässt sich durch die jüdische Tradition der «Zedeka» erklären: Geben als sinnstiftende Lebensaufgabe.
Dies widerspricht der vielfach aufgeführten These, dass ein weiteres Motiv jüdischer Mäzene in der Überkompensation antijüdischer Vorurteile und in der Ausdrucksform eines hyperassimilierten Verhaltens innerhalb der Gesellschaft zu sehen ist. Im Gegenteil kann die ausgeprägte jüdische Stiftungs- und Wohltätigkeit als besonders gut entwickeltes jüdisches Selbstbewusstsein verstanden werden. Dieser Ansicht ist auch Kraus, die die Motivation jüdischer Stifter nicht in dem Wunsch begründet sieht, Defizite im Hinblick auf die gesellschaftliche und politische Gleichstellung zu kompensieren. Für sie ist das Mäzenatentum vielmehr Ausdruck eines spezifischen jüdischen Wertekanons, in dem der sozialen Fürsorge traditionell eine zentrale Bedeutung zukam. Jüdische Philanthropie sollte somit nicht als Versuch einer Abgrenzung vom Judentum oder gar einer Verleugnung jüdischer Identität gesehen werden, sondern im Gegenteil als Ausdruck eines überzeugten Bekenntnisses zum Judentum.
Guter Geschmack und Reichtum
Neben dem sozial-karitativen Engagement traten und treten jüdische Mäzene vermehrt im Bereich der Kunst und Kultur in den Vordergrund. Die Frage nach dem Motiv des Kunst-Sammelns und -Förderns lässt sich mit einem Zitat von Max Friedländer beantworten, der schrieb: «Die Kunst ist so ziemlich die einzige anständige und vom guten Geschmack erlaubte Art, Reichtum zu präsentieren. Den Anschein plumper Protzigkeit verjagend, verbreitet sie einen Hauch ererbter Kultur. Die grossen Meister geben dem Besitzer von ihrer Würde ab, erst scheinbar, dann aber auch wirklich.» Das Sammeln wie das Stiften diente sicher der gesellschaftlichen Selbstbehauptung, und viele jüdische Kunst-Mäzene handelten sicher auch in diesem Sinne. Für die jüdischen Förderer alter und moderner Kunst galt neben der Absicherung des sozialen Aufstiegs die besondere, aus dem Assimilationsprozess erwachsene Verpflichtung, durch ihr Mäzenatentum zur Harmonie und Stabilität nicht nur in ihrer eigenen Schicht, sondern in der Gesamtgesellschaft beizutragen. Die aus dem Menschenbild der Aufklärung geborene Vorstellung, Humanität und mäzenatisches Handeln zu verbinden, fand im sozialen Engagement der jüdischen Stifter starken Widerhall.
Dass die Beweggründe der jüdischen Kunst-Mäzene nicht immer nur wertgeschätzt wurden, betont Annette Weber, Professorin am Lehrstuhl für Jüdische Kunst an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Sie verweist darauf, dass jüdische Sammler als bürgerliche Minderheit schnell in Verdacht gerieten, sich über die Beschäftigung mit Kunst und Kultur finanzielle Vorteile und soziales Prestige sichern zu wollen – in Deutschland wurden sie in der Gründerzeit daher auch als Parvenus gezeichnet. Dass hinter dem Mäzenatentum im Bereich der Kunst neben der oben genannten Motivation aber auch der aufklärerische Gedanke stand, das allgemeine Geschmack- und Stilbewusstsein auszubilden und sich für die Verbreitung der Bildung und Kultur einzusetzen, wurde vielfach verkannt.
Fortschrittliches unternehmerisches Denken
Von Interesse ist ein weiterer Aspekt der Philanthropie, der bislang kaum Beachtung erfahren hat – und zwar der innerhalb jüdischer Unternehmen. Elisabeth Kraus schildert die Arbeitgeber-Politik der Juden im deutschen Kaiserreich als aussergewöhnlich. «Unternehmerisch wurde vielfach bemerkenswerte Pionierarbeit geleistet», betont sie. Sie lenkt den Blick insbesondere auf innerbetriebliche Stiftungen jüdischer Unternehmer und verweist auf das Berliner Verlagshaus Rudolf Mosse, das die erste Pensionskasse ins Leben rief und damit in Deutschland Vorreiter für die Bismarck’sche Sozialpolitik war. Für die Belegschaft gedachte Absicherungen spiegeln erneut zum einen den Wohltätigkeitsgedanken wider – zum anderen zeugt dieses fortschrittliche Handeln von einer in die Zukunft gerichteten Haltung – bei gleichzeitiger Wahrung und Auslebung der jüdischen Tradition. Der Historiker und Soziologe Manuel Frey verweist in seinem Werk «Macht und Moral des Schenkens» auf die wichtigen Elemente des «Bürgersinns», der in besonderem Masse für Mäzene zu gelten scheint: ein waches Bewusstsein für Kritik, Offenheit und Toleranz, Individualität und gemeinsames Handeln, dazu Kreativität und Risikobereitschaft. Ähnlich erkannte auch der Kunsthistoriker Aby Warburg im Stifterbild der florentinischen Renaissance den «Typus des verständnisvollen, aufrechten Bürgers in Zeiten des Übergangs, der ohne jede heroische Pose dem Neuen gerecht wird und doch das Alte nicht preisgibt». Dieses Bild scheint besonders auf jüdische Philanthropen zu passen, wenn man «das Alte» mit «Tradition» gleichstellt und sich den jüdischen Moralkodex der «Zedeka» vergegenwärtigt.