Wohltätigkeit, Brüderlichkeit, Eintracht
Mit vielen wohlgesetzten Jamben begrüsste der 33-jährige Jurist Arthur Mamelok in der eleganten «Festschrift zur Gründungsfeier der Augustin Keller-Loge» vor 100 Jahren die Gäste: «Wohltätigkeit und Bruderlieb’ und Eintracht, das sind die Sterne, die voran uns ziehn, die unseren Vätern Labung schon gebracht, erleuchteten ihr kummervolles Mühn.» Mamelok lebte in Zürich, war aber Mitglied der bereits vier Jahre zuvor ins Leben gerufenen Basler Loge. Ein opulentes Festprogramm sowie ein nicht minder opulentes Menü und ein Ball erfreuten die illustre Gesellschaft in der Zürcher Tonhalle. Es gab zu Ehren der Logengründung sogar eine schöne Postkarte.
Der B’nai B’rith («Söhne des Bundes») war 1843 in New York von zwölf deutschen Einwanderern gegründet worden. Der «Orden» und seine Logen sollten auf den Lehren des Judentums beruhen, aber frei von jeder Doktrin oder Dogmatik bleiben. Gegenseitiger Respekt und Verständnis wurden zu Leitlinien erhoben, mit denen die zerstrittenen Juden in den USA geeint werden sollten. Heute ist der B’nai B’rith eine der mächtigsten jüdischen Organisationen in den USA.
Der Idee von Humanismus, Ethik, Wohltätigkeit gegenüber Bedürftigen und Verfolgten fasste auch in Europa Fuss: 1882 wurde in Berlin eine erste Loge des B’nai B’rith gegründet. 1905 entstand in Basel dann die erste Schweizer Loge. Eine Gründung in Zürich schien naheliegend. Ein Name für die geplante Loge war bald gefunden: jener des Aargauer Landammanns Augustin Keller (1805–1883), der sich tatkräftig für die Gleichberechtigung und das Niederlassungsfreiheit der in der Schweiz lebenden Juden eingesetzt hatte.
Rekrutierung in der ICZ
Ein Komitee rekrutierte in Zürich 87 Männer; zwei waren Mitglieder der Israelitischen Religionsgesellschaft, einer Austrittsgemeinde der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). «Die erste Wahl fiel auf den so genannten Dienstagsclub, eine erlauchte Herrenrunde, die den Vorschlag einer Logengründung begeistert aufnahm. Doch bekamen die Basler schnell kalte Füsse angesichts der Zusammensetzung dieses Clubs», heisst es im Buch «100 Jahre Basel-Loge» im Kapitel über die «schwere Geburt» der Augustin-Keller-Loge (AKL). Die Sondierer fanden den Club der etablierten Kaufleute «zu elitär». Nun wurde in der ICZ weiter rekrutiert. Der ehemalige ICZ-Präsident Hermann Guggenheim wurde zum ersten AKL-Präsidenten bestimmt und der Vorstand zum Beitritt aufgefordert – bis auf den 1908 gewählten und für die Fürsorge zuständigen Hermann Schmuklerski, wie die Basler Festschrift verrät.
Innerhalb der ICZ gab es eine Palastrevolution und einen Monat nach der Logengründung eine turbulente ausserordentliche Gemeindeversammlung: «Der sozialdemokratische Politiker und Anwalt David Farbstein wetterte gegen das Zürcher ¬Establishment» («100 Jahre Basel-Loge»), es habe einen Ostjuden diskriminiert. ICZ-Vorstandsmitglieder traten zurück, um eine Spaltung zu vermeiden, eine Statutenrevision wurde durchgesetzt – doch zum neuen ICZ-Präsidenten wurde einer der neuen Logenbrüder gewählt, der Grossvater von Ernst Braunschweig. Braunschweig kann auf Jahrzehnte engagierter Arbeit in der AKL zurückblicken und besitzt eine Sammlung historischer Dokumente. Das Zerwürfnis zwischen der AKL und der ICZ dauerte nicht lange. Und als die Gemeinde trotz drohenden Kriegs 1939 mutig den Bau eines Gemeindehauses beschloss, fand die AKL endlich ihr festes Heim.
Ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl
Braunschweig erinnert sich: «Unsere Jugendzeit war durch die Ereignisse in Deutschland und den Krieg geprägt, und es war uns nicht möglich, ins Ausland zu reisen. Dies förderte ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl unserer Generation.» Für ihn ist die Loge kein Verein wie jeder andere, weil die wohltätigen und die kulturellen Aktivitäten von menschlichen Begegnungen voller Herzlichkeit getragen sind. «Sie ist auch das einzige Gremium, in dem sich Mitglieder aller vier Zürcher Gemeinden offen begegnen.»
Der amtierende AKL-Präsident Martin Dreyfus wurde zum Beitritt eingeladen, nachdem er zum Präsidenten der Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch gewählt worden war. «Gemeindepräsidenten gehören meistens dazu», sagt er. «Jedes unserer Mitglieder muss ohnehin zu einer Gemeinde gehören.» Es kommen auch auswärtige Logenbrüder zu den Zusammenkünften, die zwischen Oktober und Juli monatlich stattfinden. Immer gibt es ein Referat, zu dem manchmal auch Gäste eingeladen sind («offene Loge»). Ein Hauptprojekt der AKL ist das Zürcher Hillelhaus, das zwei Dutzend jüdischen ¬Studenten günstigen Wohnraum anbietet.
«In Zürich gibt es zwei Sorten Juden: die zur AKL gehörenden und die nicht dazu gehörenden», sagt einer, der nicht AKL-Mitglied ist. Der Ruf, elitär, geheimnisvoll und verschwiegen zu sein, hängt der AKL noch immer an. Martin Dreyfus widerspricht vehement: «Wir sind kein Geheimbund und auch kein Club reicher Männer.» Tatsache ist aber, dass sich niemand um die Mitgliedschaft bewerben kann. Man wird zum Beitritt aufgefordert oder eben nicht. Dreyfus: «Ausschlaggebend ist das Kriterium, ob jemand der AKL durch sein bisheriges Engagement für jüdische Anliegen und sein Wissen, nicht etwa durch sein Vermögen, etwas bringt oder nicht.» In der Regel sind selbst Söhne von Logenbrüdern schon um die 40, wenn sie in die AKL eintreten.
Geblieben ist das ethische Fundament, verschwunden sind einige Rituale, die, wie der Anwalt und AKL-Bruder Felix Rom schrieb, erst öffentlich benannt werden durften, als sie abgeschafft waren: gewisse Handbewegungen, aber auch der Frackzwang für die Antrittspräsentation der Neumitglieder und für den Beamtenrat (Vorstand). Auch die «Kugelung», die geheime Wahl von Kandidaten durch weisse oder schwarze Kugeln, existiert nicht mehr. Allerdings gibt es noch immer Rituale, die, wie Dreyfus und Braunschweig betonen, zur Strukturierung einer Zusammenkunft beitragen.
Zum 50. Geburtstag der AKL wurde zur Unterstützung der Logenziele ein Schwesternkreis (SASK) ins Leben gerufen, der den Namen von Sophie Abraham, der Ehefrau eines Logengründers, erhielt. Der SASK regte laut seiner Jubiläumsbroschüre von 1984 im Laufe der Jahre immer wieder vergeblich an, die AKL wie die anderen Schweizer Logen für Frauen zu öffnen. Das noch heute angeführte Hauptargument gegen eine gemischte Loge: Bei rund 200 AKL-Männern und knapp 300 SASK-Frauen wäre die Loge zu gross und nicht mehr überschaubar.
Die meisten Logen sind heute gemischt
«Unsere jüngeren Schwestern sind damit nicht mehr zufrieden. Die meisten Logen in Europa sind gemischt», sagt Hana Neuwirth, seit fünf Jahren Co-Präsidentin des SASK. «Der SASK wurde vor 50 Jahren gegründet, um den Witwen und Ehefrauen von Logen-Mitgliedern eine Heimat zu geben; dabei ist es geblieben.» Erst seit rund 25 Jahren dürfen laut der erwähnten Broschüre «im dritten Anlauf mit dem Segen der Brüder» auch alleinstehende Frauen in den SASK eintreten. Der Verein ist keine B’nai B’rith-Frauenloge. «Diese Ehre ist nicht gratis», sagt Hana Neuwirth.
Auch im SASK sind Frauen aus allen vier Gemeinden vertreten. Er engagiert sich kulturell und sozial, organisiert Tee-Nachmittage mit Programm in den Altersheimen oder Schabbatfeiern und Chanukkapartys für die Studenten im Hillelhaus, bietet mehrmals jährlich gut besuchte Ausstellungsführungen und weniger gut besuchte Vortragsabende mit Frauenthemen an und finanziert in der jüdischen Schule von Czernowitz Mahlzeiten für die Kinder, die oft die einzigen des Tages sind. Er richtete dort eine Küche und Toiletten ein. Auch bei der Ausrichtung der bevorstehenden – nicht öffentlichen – 100-Jahr-Feier am 31. Januar in der Tonhalle wird der SASK tatkräftig mithelfen.
Den Ersten Weltkrieg überstanden die europäischen Logen ohne Probleme, doch im Zweiten Weltkrieg wurden sie durch die Nazis ausgelöscht. Die Logen in Basel und Zürich (jene in Genf und Lausanne sowie die inzwischen nicht mehr bestehende Berner Loge wurden erst später gegründet) waren lange Jahre die einzigen in Europa. Heute gibt es wieder rund 150 Logen in etwa 30 europäischen Ländern. Die AKL mit ihrer ungebrochenen hundertjährigen Tradition ist dank der Referate von Logenbrüdern eine Quelle des Wissens geblieben. Die Wohltätigkeit, die Brüderlichkeit und die Eintracht heissen in der Logen-Sprache «W. B. und E.». Sie sind nach wie vor die tragenden Säulen der AKL. «Aber am wichtigsten», sagt Präsident Martin Dreyfus, «ist der gegenseitige Respekt, ist die Offenheit, in der wir uns trotz verschiedener Lebensentwürfe begegnen.»