Woher und wohin?
Die Basler PSI-Tage ziehen seit vielen Jahren ein buntes Völkchen an. «Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist unsere Aufgabe in diesem Leben? Gibt es Sinnhaftigkeit in Geschehnissen oder unterliegen wir alle dem Zufall?», diese und andere existentielle Fragen mehr begleiten die Menschheit seit jeher. In unserer pluralistischen Zeit, in der nicht nur die Welt kleiner geworden ist und wir Wissen über Kulturen erlangen können, die noch vor 100 oder auch 50 Jahren als «primitiv» etikettiert wurden und deren mythologischer Überbau nur als ein Ausdruck eben jener «Primitivität» gesehen wurde, ist auch die Sehnsucht v.a. der westlichen Menschen nach neuen Erklärungsmodellen der alten Gottesfrage gewachsen.
Es wird bunt gemischt und der schwierige Weg hin zum Individualismus hat eine religiöse Haltung hervorgebracht, die mit Versatzstücken aus verschiedensten Kulturkreisen jedem seine «Bausteinreligiosität» erlaubt. So sind völlig neue, zutiefst moderne Gedankengebäude entstanden, die sich alle auf alte Lehren beziehen, diese jedoch in einer zeittypischen Art vermischen. «Religion ist Privatsache» - dieses Credo der modernen Staatsauffassung gilt für uns alle. Jeder hat das Recht zu glauben, was er für richtig hält. Nur: es gibt Ideen, deren Potenzial nicht logisch zu Ende gedacht wird. Dies gilt gewiss für die Reinkarnation. Die uns v.a. aus Hindu-Religionen und Buddhismus bekannte Idee der Seelenwanderung gewinnt im Westen zunehmend an Popularität. Ein Teil ihrer Attraktivität liegt darin, Erfahrungen des Leids und der Ungerechtigkeit, die bei monotheistischen Religionen mit ihrem Kernglauben an einen allmächtigen Gott oftmals nicht erklärbar sind, einem Phänomen zuzuordnen, das mit dem Begriff des «Karmas» bezeichnet wird. All unsere Unzulänglichkeiten, unser unfaires Verhalten, unser Machtstreben, bindet uns an diese Welt. Wir beladen uns mit Karma, das in einem nächsten Leben verringert werden muss. Ein Leben voller Leid und Entbehrung kann so als eine Abbitte verstanden werden, als ein Schritt hin zur endgültigen Erlösung.
In Basel sind hochkarätige Anhänger und Kritiker dieses Gedankengutes als Referenten eingeladen worden. Sowohl der Deutsche Thomas Hockemeyer, alias «Trutz Hardo», als auch die Schwedin Barbro Karlen, die aufgrund von Protesten wieder von der Rednerliste gestrichen worden sind, zeigen die Gefährlichkeit eines aus seinem religions- und kulturgeschichtlichen Rahmen gelösten Gedankensystems. In einer äusserst zynischen Weise werden bei Hardo die Opfer zu Tätern, die durch ihr Leiden und Sterben ihr «angehäuftes Karma» abbauen mussten - jedes Schoaopfer wird so zum Eigenverantworlichen seines Schicksals. Barbro Karlen, die sich selbst als Reinkarnation von Anne Frank sieht, bedient sich in einer nur schwer erträglichen Weise das Schicksal eines der bekanntesten Schoaopfern. Ob es nun um die Opfer des NS geht oder um einen Namenlosen, der in einer lateinamerikanischen Diktatur zu Tode gefoltert worden ist - zu Ende gedacht, führt die westlich adaptierte Reinkarnationslehre zu einer Haltung, die letzlich eine gefährliche Verharmlosung menschlichen Handelns beinhaltet. Wieso, so fragt man sich, sollen wir überhaupt noch Verletzungen der menschlichen Würde oder der Integrität des Körpers ahnden, wenn doch vielleicht genau diese Verletzung die letzte Stufe zur Erlösung ist? Müssten wir dann nicht den Henkermeistern dieser Welt dankbar sein dafür, dass ihre Gewalt uns eventuell erlösen kann? Religionen sind Systeme, die es uns ermöglichen, unserem Leben Sinnhaftigkeit zu verleihen, uns in einer chaotischen Welt zu verorten. Die im Westen vertretene Reinkarnationslehre kann in unerträglicher Weise aus Opfern erneut Opfer machen. Damit kann sich ein jeder bequem zurücklehnen und in fatalistischer Weise die Welt ihren Gang gehen lassen. Ob dies denn auch noch gelten mag, wenn das Leid auf einem selbst fällt? Es wäre vielen angeraten, sich mit jenen heiligen Texten auseinanderzusetzen, auf die sie sich immer berufen. Sie würden erstaunlich andere Antworten finden.
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Auf dem Rechtsweg
Im Juli 2000 haben Proteste sowohl von Seiten Ekkehard Stegemanns, Theologieprofessor in Basel, als auch einiger Mitglieder der IGB dazu geführt, dass zwei Referenten der Basler PSI-Tage ausgeladen worden sind. Tom Hockemeyer ist in Deutschland rechtskräftig dafür verurteilt worden, in einem Roman die Schoaopfer als eigenverantwortlich für ihr Schicksal darzustellen - schlechte Taten aus einem früheren Leben wären so «abgebaut worden». Barbro Karlen hat schon häufig von sich reden gemacht. Sie hat mehrfach öffentlich und in Buchform behauptet, die Reinkarnation Anne Franks zu sein.