Wochenrückblick
Schuld. Ich sage es hier deutsch, deutlich und direkt: Es ist unverzeihlich und unannehmbar, irgend jemanden zu verteidigen, der den Opfern die Schuld am Holocaust zuweist. Zumal innerhalb der eigenen Reihen. Genau das hat jedoch ein Mann namens Ariel Wyler am Montag in der NZZ getan. Er schwang sich dazu auf, unter dem unwürdigen Titel «Auschwitz – eine höhere Gerechtigkeit?» trotz allerlei gegenteiliger Beteuerungen den irakisch-israelischen Schas-Führer Ovadia Joseph in Schutz zu nehmen. Joseph hatte vor kurzem öffentlich gesagt, dass die sechs Millionen jüdischen Schoa-Opfer Reinkarnationen, Wiedergänger, gewesen seien, die ihre früheren Sünden abbüssten. Glücklicherweise liess er sich nicht auch noch über die Beweggründe für die Ermordung der nichtjüdischen Schoa-Opfer aus. Wyler versuchte diese Thesen zu verharmlosen und zu «erklären» und sie mit Zitaten von Hiob bis Nachmanides auszupolstern. Nun, ich kann im Zusammenhang mit der Schoa auf die Haarspaltereien eines Gelehrten aus dem Mittelalter verzichten. Niemand, der von den NS-Schergen und ihren lokalen Helfershelfern umgebracht wurde, büsste damit für eigene Sünden aus einem früheren Leben oder gar als unschuldiger Stellvertreter für die Sünden von Verstorbenen, wie Wyler uns weis machen will. Weshalb wurden sie denn umgebracht? Weil sie Juden waren. Und weil die Nazis die europäischen Juden ausrotten wollten. So einfach ist das.
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Triumph der Ignoranz. 1934 übertrug Hitler seiner Lieblings-Filmerin Leni Riefenstahl die «Gesamtleitung und künstlerische Gestaltung» eines Dokumentarfilms über den NSDAP-Parteitag jenes Jahres in Nürnberg. Am 7. März 1935 wurde «Triumph des Willens» präsentiert. Er wurde der NS-Propaganda-Film schlechthin. Mit ihm schuf die Riefenstahl die tonangebende faschistische Film-Ästhetik. «Über allem der Führer!» schrieb die Riefenstahl 1935 in ihrem Buch zum Film: «Lebendig formieren sich die Hunderttausende seiner Bewegung noch einmal auf der schimmernden Leinwand. So wie sie nach dem Grundplan einer in der Welt beispiellosen Organisation in Nürnberg aufmarschiert waren. Über allem der Führer! Über der ungeheuren Symphonie der Menschenmengen, der Marschkolonnen, der Tagungen, der Ehrungen, der Märsche und Kongresse - sein Wort über die Gegenwart - für die Zukunft.» Am 22. August 2000 stand über einem Artikel auf einer Sportseite der NZZ der Titel «Triumph des Willens». Doch diesmal ging es nicht um «Menschenmengen» oder «Marschkolonnen». Sondern um Tiger Woods, der wie jeder Star-Golfspieler allein (mit seinem Caddy) auf dem Golfplatz unterwegs war. Ein Triumph der Ignoranz.
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Roma. Die ersten von fast 4000 Roma in der Ukraine, welche den Holocaust überlebten, erhalten in diesen Tagen die humanitäre Unterstützung des Schweizer Fonds zugunsten bedürftiger Opfer. Die Banken zahlen jedem Berechtigten 400 Dollar aus (ihr durchschnittliches Monatseinkommen beträgt 20 Dollar). Fonds-Präsident Rolf Bloch und die Fonds-Generalsekretärin Barbara Ekwall waren persönlich beim Beginn der Auszahlungen in Kiew zugegen. Insgesamt erhalten die Roma-Opfer in der Ukraine 1,6 Millionen Dollar (ca. 2,7 Millionen Franken). Es ist der Ukrainischen Nationalen Stiftung zu verdanken, dass trotz mangelhafter Erforschung und dürftiger Quellenlage die Auffindung der Berechtigten möglich war. In Zusammenarbeit mit Roma-Organisationen wurden Archive durchforstet, Zeitzeugen und Experten befragt. Wie der Fonds mitteilt, stärkte diese Forschungsarbeit das Selbstvertrauen der Roma und brachte die höchste politische Ebene dazu, die ukrainischen Roma als Opfer der systematischen Verfolgung durch die Nazis anzuerkennen. Rolf Bloch unterstrich in Kiew die Bedeutung der erstmaligen Auszahlungen an ukrainische Roma. Der Schweizer Fonds wollte mit der Geste der Solidarität auch Respekt für die Leiden der Roma unter der Naziverfolgung ausdrücken und ein besseres Verständnis für sie schaffen.