Wochenrückblick

von Gisela Blau, October 9, 2008

Zustupf. Die Nestlé AG in Vevey wird sich solidarisch an der von den Schweizer Banken ausgehandelten endgültigen Regelung aller Ansprüche aus dem 2. Weltkrieg beteiligen, die unter anderem auch die Frage der Zwangsarbeiter abdeckt, wie am 28. August in Vevey bekannt wurde. Und zwar sehr grosszügig: Nestlé stellt einen Betrag von 25 Millionen Franken bereit. Das ist fast ein Achtel der vom US-Richter Edward E. Korman genehmigten Gesamtvergleichssumme von 1,25 Milliarden Dollar. Auf freiwilliger Basis werden die in Deutschland und Österreich tätigen Nestlé-Gesellschaften zusätzlich und aus Solidarität mit dem Gastland einen Beitrag an die jeweiligen Landesstiftungen leisten. Nestlé geht davon aus, dass damit sämtliche möglichen rechtlichen Ansprüche im In- und Ausland abgedeckt sind. Einige Unternehmen der Nestlé-Gruppe, die in den nationalsozialistisch beherrschten Ländern tätig waren, beschäftigten Zwangsarbeiter. Obwohl Nestlé in zahlreichen Fällen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges noch nicht Eigentümerin dieser Unternehmen war, will der Lebensmittel-Riese als Rechtsnachfolgerin solcher Gesellschaften die moralische Verantwortung wahr nehmen, «einen Beitrag zur Milderung menschlichen Leidens zu leisten, zumal das Unrecht im Bereich des Unternehmens geschah», wie Nestlé mitteilt. In Vevey wird begrüsst, «dass die Frage der Entschädigung der Zwangsarbeiter nun abschliessend geregelt werden kann». Das Unternehmen «drückt den betroffenen Menschen sein Mitgefühl aus und hofft, dass die nun zur Verfügung stehenden Mittel rasch und zielgerichtet eingesetzt werden können, um den oft betagten Opfern der Zwangsarbeit beizustehen».

*****

Zustupf II. Die Geldbeutel gehen plötzlich an verschiedenen Orten auf, vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil langwierige Rechtsstreitigkeiten vermieden werden sollen. Das negative Beispiel der Schweizer Banken animiert so manchen Staat, so manches Unternehmen, das zu tun, was in der Schweiz geschah, als der Druck wegen der Gefahr für die Geschäftstätigkeit in den USA zu gross wurden - es wird mit den Zähnen geknirscht und bezahlt, was schon längst und freiwillig fällig gewesen wäre. Auch etliche Schweizer Unternehmen helfen nun den beiden Grossbanken, die sie aus dem Schneider geholt haben, die Ablösesumme zu bezahlen. Sogar die katholische Kirche Deutschlands will 10 Millionen Mark springen lassen - allerdings nicht wie die Evangelischen zugunsten der Zwangsarbeiterstiftung, sondern auf eigenen Kanälen. Fünf Millionen sollen für «Versöhnungsarbeit» dienen, nicht etwa für die betroffenen Menschen. Der Mainzer Bischof als Sprecher lehnte kategorisch jede Kollektivschuld ab, erklärte seine Kirche jedoch mit dem deutschen Volk und seinen Reparationsbemühungen für solidarisch. Besser spät als nie, könnte man sagen. Aber so spät? Und so selbstgerecht?