Wochenrückblick
Schoa-Memoiren. Elie Wiesel und der Jüdische Weltkongress wollen mit einer Million Dollar des amerikanischen Verlags Random House nun Memoiren von Holocaust-Überlebenden in aller Welt sammeln, auf Englisch übersetzen lassen und in einer elektronischen Datenbank archivieren. Es war Wiesels Idee, und er wird auch den Ehrenvorsitz des «Holocaust Survivors’ Memoirs Project» übernehmen. «Von allen Projekten, in die ich je einbezogen war, ist mir dieses am wichtigsten», sagte Wiesel an einer Pressekonferenz in den Räumen des Jüdischen Weltkongresses in New York. Die Datenbank werde auch für wissenschaftliche Forschung zugänglich sein. Random House, dessen deutsches Mutterhaus, der Bertelsmann-Konzern, sich zur Kollaboration mit den Nazis bekennen musste und eine Untersuchungskommission unter Leitung von Professor Saul Friedländer einsetzte, kann aufgefundene Manuskripte als Buch publizieren, ist jedoch nicht dazu verpflichtet. Wiesel denkt, dass innerhalb eines Jahres einige Tausend Manuskripte eintreffen werden. Bereits jetzt gehen schon viele ein, sagt er. Das Projekt findet gemischte Aufnahme, wie die New Yorker jüdische Zeitung «Forward» berichtete. Vor allem Holocaust-Spezialisten sind nicht besonders beglückt. Sie fürchten den «Wilkomirski-Effekt» und betonen, dass jedes Manuskript sorgfältig auf seinen Wahrheitsgehalt geprüft werden muss. Zudem denken einige Forscher, dass das Wiesel-Projekt einfach noch eines unter vielen werden könnte: Hunderttausende von Schoa-Memoiren sind bereits archiviert. Zehntausende befinden sich im Video-Archiv der Spielberg Foundation, im Forschungszentrum Yad Washem in Jerusalem, im Holocaust Memorial Museum in Washington. Auch das Fortunoff-Projekt der Yale-Universität sammelte Zehntausende Dokumente von Oral History auf Film und Video. In der Schweiz stellt das Projekt «Archimob» Video-Interviews mit Zeitzeugen her, zu denen auch jüdische Aktivdienstsoldaten und jüdische Opfer gehören. Viele andere Länder arbeiten an gleichgelagerten Projekten, und praktisch jede Woche erscheint ein neues Buch über die Schoa und ihre Opfer. Bisher beschäftigt das Projekt nur zwei Leute, Menachem Rosensaft, einen Anwalt in Manhattan, und Charlotte Trepman Yudin. Obwohl oder vielleicht gerade weil sie nur zu zweit sind, tragen sie klingende Titel: Rosensaft firmiert als Direktor, Trepman als Vizedirektorin. Rosensaft soll sich um den editorischen Ablauf, aber auch für die Aufbringung von Geld für den Jüdischen Weltkongress zugunsten der Wiesel-Sammlung kümmern. Jonathan Siegel, Vizepräsident des Verlags Knopf innerhalb von Random House, soll das Projekt für das Verlagshaus koordinieren. In einem Punkt hat Wiesel recht: Es ist eine Sekunde vor zwölf für dieses Vorhaben, angesichts des Alters der Überlebenden.