Wochenrückblick

von Gisela Blau, October 9, 2008

Bohrung. Professor Jean-François Bergier, Präsident der nach ihm benannten Kommission zur Erforschung des Themas Schweiz - Zweiter Weltkrieg, hat dem «Beobachter» ein Interview gegeben, das am 10. November erschien. Darin wehrt sich Bergier gegen akrobatisch extrapolierte «neue Flüchtlingszahlen», also die gegenwärtig modische, revisionistische Auszählung durch jene Leute, die nachweisen wollen, dass die Schweiz nicht 25 000-30 000 Flüchtlinge an der Grenze abgewiesen habe - Juden in der absoluten Minderheit -, sondern vielleicht 3000 (wobei schon der «Ludwig-Bericht» in den fünfziger Jahren die Zahl 10 000 nennt). Der Kommissionspräsident räumt ein, dass die verwirrenden Zahlenspiele die Probleme aufzeigen, mit welcher die Forscher konfrontiert waren. «Ich habe im Interview klargestellt, dass wir einfach nicht wissen, wie viele Leute zurückgewiesen wurden, und vor allem welchen Anteil die Juden ausmachten.Wir haben nie gesagt, dass 25 000 Juden zurückgewiesen und nach Auschwitz deportiert worden sind, das wäre absurd und falsch. Aber auch die Zahlen von Serge Klarsfeld können nicht stimmen, und die Extrapolation der Genfer Studie auf die ganze Schweiz ist methodologisch falsch.» Wir werden nie wissen, wieviele es waren, und wir müssen dies aufgrund der Quellenlage mit so vielen vernichteten Flüchtlingsakten einfach akzeptieren. Es wäre schön, wenn wir zeigen könnten, dass es weniger Opfer gab, aber das ist leider nicht möglich.» Der Clou des Interviews: Auch Fragen zur «Kollaboration» der jüdischen Führung mit den antisemitisch dekretierenden Schweizer Behörden während der NS-Zeit sollte Bergier beantworten, wobei er davon unerwartet überrumpelt worden sei, wie er der JR sagte: «Als Thema waren die Statistiken vereinbart, nicht die Lage der damaligen jüdischen Gemeinschaft. Ich habe mich geweigert, zu antworten, weil ich persönlich diese Dossiers zu wenig kenne. Ich kann schliesslich nicht jede Frage beantworten, auch wenn sie wichtig ist. Darum bin ich vorsichtig geblieben, weil ich mir keine Vorwürfe einhandeln wollte.» Er betonte dagegen das Dilemma der damaligen jüdischen Führung. Von dieser «Notsituation» spricht auch Alfred Donath, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Donath verweist dabei gegenüber der JR auf die entsprechende Antwort von Rolf Bloch, die der «Beobachter» zusammen mit einer ersten Story über die angebliche Zusammenarbeit der Schweizer Juden mit Polizeichef Heinrich Rothmund im Frühjahr publiziert hatte. Auch dieses neue Interview sei typisch für den Stil des Autors, sagt dazu SIG-Generalsekretär Martin Rosenfeld, der vom Nachhaken des «Beobachters» eigentlich nicht überrascht ist: «Wir haben bei der ersten Publikation im Frühjahr die Situation des damaligen SIG und Flüchtlingshilfswerks hinlänglich erklärt. Dass der «Beobachter» dieses Thema trotzdem immer wieder aufgreift, ist unfair.» Rosenfeld bedauert den Eindruck, der durch das Interview entstanden sein könnte. «Aber ich gehe nicht davon aus, dass die Meinung von Professor Bergier oder der Kommission darin zum Ausdruck kommt.» Professor Donath betont es immer wieder, und er wiederholte es auch am Montagabend an einer Veranstaltung zum hundertjährigen Bestehen des «Israelitischen Wochenblattes»: «Die Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im letzten Weltkrieg stösst auf immer wachsenden Widerstand, der oft einem gewissen Revisionismus nahe steht.»