Wochenrückblick

von Gisela Blau, October 9, 2008

alptraum. Nun muss auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) für die Hetze der SVP und ihr Nahestehender herhalten. «Dieser moralisierende Aufruf ist unhaltbar und muss entschieden zurückgewiesen werden», heisst es in einer Kolumne namens «Schlusspunkt» der «Schweizerzeit» der vergangenen Woche unter dem Titel «Alptraum Kosovo». Der Schreiber bezieht sich auf die an der Delegiertenversammlung 1999 geäusserte Bitte des SIG an Bevölkerung und Bundesrat, Kosovo-Flüchtlinge grosszügig zu behandeln, da ihr Schicksal Parallelen zu jenem der jüdischen Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs erkennen lasse. Die Schweiz habe nun Gelegenheit, aus den damaligen Versäumnissen Lehren zu ziehen. Das findet der «Schweizerzeit»-Autor unerhört. Selber in fortgeschrittenem Alter, reklamiert er, dass hier «einmal mehr auf eine Kollektivschuld des Schweizervolkes in der Zeit des Zweiten Weltkriegs angespielt» werde. Zum Beweis, dass es eine solche nicht gebe, wird «ausgerechnet ein berühmter jüdischer Schriftsteller, Ludwig Marcuse», zitiert. Aufrufe zugunsten der Kosovo-Flüchtlinge ergingen in grosser Zahl. Ausgerechnet jener des SIG stach der rechtsbürgerlich redigierten Postille in die Nase. Asyl und Flüchtlinge sind eines der prioritären Wahlkampfthemen der SVP, namentlich jener des Kantons Zürich, in dem die genannte Zeitung erscheint. Noch viel ausgedehntere Recherchen und Berichte zu diesem Thema wurden in der gleichen Nummer angekündigt. Genannter Grund: Einer der Zürcher SVP-Hardliner, Gemeinderat und neuerdings auch Kantonsrat Thomas Meier, hat im SVP-Sekretariat ab- und bei der «Schweizerzeit» angeheuert.

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riegner-interview. Am 27. Juni um 16.30 Uhr ist auf Radio DRS 2 eine einstündige Sendung (im Rahmen von «Passage 2») über und mit Gerhart Riegner zu hören. Im Gespräch mit Martin Heule berichtet der Verfasser des «Riegner-Telegramms» an die Alliierten über die «Endlösung» von seinen Erlebnissen und seiner Arbeit während der Kriegszeit, beispielsweise über das Versagen des IKRK. Nach der Sommerpause sendet «Passage 2» ein Gespräch mit Heini Bornstein.

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retourkutsche. Zahlreiche Politiker sind sich einig: Der Ständeratsentscheid, Nationalrat Rudolf Kellers Immunität trotz seines Aufrufs zum Judenboykott nicht aufzuheben, war eine Retourkutsche wegen der Vergangenheitsdebatte der letzten drei Jahre. Das hat u. a. auch Alt-SIG-Präsident Michael Kohn in Gesprächen feststellen müssen. «Wir in jüdischen Kreisen bis hinauf in unsere Führungsetagen haben vielleicht verdrängt, dass die Ausfälle des Jüdischen Weltkongresses, insbesondere des Tandems Bronfman-Singer, eine Rolle spielten», sagt er zur JR. «Es handelt sich wirklich um eine Retourkutsche. Ich bedaure, dass die Schweizer Juden dafür büssen mussten, was einige amerikanische Juden anrichteten.»