Wochenrückblick
«Holocaust-Industrie». Eigenartig: Der Direktor der berühmten Anti Defamation League (ADL) des Bnai Brith in New York ist ein Schoa-Überlebender, der dieses persönliche Argument wirkungsvoll in dieWagschale zu werfen weiss. Kürzlich ist Abe Foxman in Jerusalem allerdings in beissenden Worten über die «Holocaust-Industrie der Wiedergutmachung» hergefallen, wie der Israel-Korrespondent des «Jewish Chronicle» berichtet. Foxmans Angriff richtete sich klar gegen den Jüdischen Weltkongress (WJC), dessen Spitzenleute sich viel zu spät «beeilt» hatten, nach den ersten berechtigten Gegenangriffen aus der Schweiz zu behaupten, es gehe ihnen bei der Herausgabeforderung jüdischer Vermögenswerte in der Schweiz «nicht um Geld, sondern um Gerechtigkeit». Foxman wetterte nämlich in Jerusalem, das Konzept jener, die vorgäben, es gehe ihnen um Gerechtigkeit, sei falsch: «Wir können keine Gerechtigkeit erhalten, nur ein gewisses Mass an Gerechtigkeit. Die Frage ist allerdings, welchen Preis wir dafür bezahlen müssen.» Er sei besorgt, erklärte Foxman, dass «der letzte Soundbite dieser letzten Generation des Holocaust nur von den Juden und ihrem Gold, ihren Bankkonten und Versicherungspolicen» handle: «Juden wurden ermordet, weil sie Juden waren und nicht, weil sie ein Bankkonto besassen.» 95 Prozent der ermordeten Juden, so Foxman in Jerusalem, hätten gar nichts oder höchstens unbedeutende Werte besessen. Leider gebe es Anwälte, die ihre Karriere mit der Holocaust-Industrie gemacht hätten. Auch er sei von solchen Advokaten mit Angeboten belästigt worden, aber er würde ihnen nie erlauben, im Namen seiner Verwandten zu sprechen. Die Holocaust-Industrie gestatte es der Welt, das Kapitel endgültig zu schliessen: «Die Schweizer schreiben einen Check über 1,25 Milliarden Dollar und sind fertig. Die Meinung lautet, dass sie dazu erpresst und gedrängt wurden.» Ihre Zahlung bedeute keinerlei Anerkennung einer moralischen Schuld und Verantwortung. Nun wollten sie in Ruhe gelassen werden. «Diese Art von Abschluss einer moralischen Angelegenheit dient weder den Opfern noch der Geschichte. Wir bezahlen einen sehr, sehr hohen Preis», sagte Foxman. Nochmals: Eigenartig. Der Mann hat ja nicht einmal unrecht. Aber hat er nicht auch selber versucht, hinzugehen und desgleichen zu tun? Foxmans Erinnerung scheint recht kurz zu sein. Um sie aufzufrischen: Der ADL war, wie andere Organisationen auch, pikiert, dass er das in den USA so spendenträchtige Super-Thema des ausgehenden Jahrhunderts schlicht verschlafen hatte und das Feld dem wacheren WJC überlassen sollte. Deshalb reiste Foxman Anfang 1997 nach Bern, um seinerseits Flagge in Sachen Restitution von nachrichtenlosen Konti etcetera zu zeigen. Und wurde selbstverständlich mit allen Ehren empfangen, denn wer hätte spätestens seit 1996 in Bern jemanden nicht in allen Ehren empfangen, der das Wort «Jüdisch» vor sich herträgt? Als Foxman in der Schweiz war, widerfuhr ihm ein Wunder, auf das er eigentlich nicht hatte hoffen dürfen - ihm fiel ein für ihn überaus glückliches Ereignis in den Schoss: der eben geplatzte «Fall Meili». Und er machte sich dieses unverhofft, unversehens und unverdient vom Himmel gefallene Geschenk unverzüglich und unverfroren zunutze. Der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz und insbesondere jener Zürichs dürfte es noch in denkbar schlechtester Erinnerung sein, dass Foxman sowohl Bitten wie Argumente in den Wind schlug, die Meilis im Grandhotel Dolder vor laufenden Kameras an die breite Brust presste und ihnen ein grosszügig dotiertes Spendenkonto für Anwaltskosten eröffnete (von dem der Meili-Anwalt später erst nach energischen Interventionen Geld erhielt...). Einen Monat später forderte Foxman durch Zeitungsinserate Geld für dieses Konto ein - ohne seine Schweizer Filiale auch nur zu informieren, geschweige denn zu fragen. Und ohne auch nur entsprechende Anfragen zu beantworten. Ohne Foxman das Geringste unterstellen zu wollen: Seine Ausführungen in Jerusalem erinnern stark an den Fuchs, der behauptete, die Trauben seien ihm zu sauer - nur weil sie ihm zu hoch hingen.