Wochenrückblick
Stiftung. «Schon von Anfang an hat die SVP diese erpresserische Stiftung abgelehnt», heisst es im anonymen Editorial des neuesten SVP-Pressedienstes. Unterstellt das nationale SVP-Büro in Bern etwa dem steifleinenen, überkorrekten damaligen Justizminister und Bundespräsidenten «Noldi» Koller, er habe seine eigene Heimat erpresst? Nicht anders ist dieser Satz zu lesen. Denn Koller hatte die Stiftung am 5. März 1997 im Parlament angekündigt. Damals sei, heisst es im Text, die Schweiz «unter massivstem Druck aus ausländischen Kreisen» gestanden. Und nachher steht da: «Unterdessen ist der Bericht der Kommission Bergier erschienen und hat gezeigt, dass die gegen die Schweiz erhobenen Vorwürfe völlig haltlos sind.» Wie war das doch gleich?
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Heilanstalt. Der Bäcker, der im August 1999 ursprünglich Sigi Feigel umbringen wollte und stattdessen einem israelischen Touristen mit Kipa sein Teigmesser in den Rücken rammte, ist vom Zürcher Bezirksgericht wie erwartet in eine Heilanstalt eingewiesen worden. Der Bäcker muss dem israelischen Ingenieur nun wenigstens zehn Prozent der vom Geschädigtenvertreter Marc Richter geforderten Genugtuung bezahlen: 25 000 Franken. Dazu kommen 10 600 Franken Schadenersatz.
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Anerkennung. In Stein gemeisselte Worte sprach Ekkehard Stegemann an der Buchvernissage seines Basler Professoren-Kollegen Georg Kreis. Es sei ihm eine Ehre, die Präsentation des Buches über den J-Stempel zu eröffnen, sagte Stegemann zu Anfang. Kreis habe sich durch seine unermüdliche und couragierte Untersuchung der Schweizer Rolle während der nationalsozialistischen Barbarei verdient gemacht – «und Zivilcourage sei nicht an sich eine Professoreneigenschaft». Der J-Stempel habe in diesem Diskurs die Schlüsselfunktion inne. Kreis habe mit seinen «klaren Worten gegen Klitterung und Vernebelung» dem «Beobachter» sein «Image als moralische Instanz geraubt». Dieser habe erst die Schweiz von der Mitverantwortung für den J-Stempel entlastet und nachher die Schweizer Juden mit der Mitverantwortung für die Flüchtlingspolitik belastet. Georg Kreis, schloss Stegemann, sei «ein streitbarer Verteidiger der Humanität».
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Showtime. Ein ergötzlicher Abend war das Gespräch mit Marcel Reich-Ranitzki am letzten «Bernhard-Littéraire» der Saison, wie immer organisiert von Ruth Binde und gesponsert von der Zürcher Kantonalbank. Anfangs liess sich der Interviewer Peter Zeindler vom Nimbus des Literaturpapstes zwar einschüchtern, doch später erwachte sein Kampfgeist wieder. Der streitbare Selbstdarsteller dominierte zwar das Gespräch, doch geriet er vorübergehend in die Defensive, als Zeindler ihn treffsicher fragte, ob er auf Distanz zu den Ereignissen gehe, indem er diese in Zitate kleide? Das Publikum erfuhr dank einer sanften Provokation erstens, dass Biller trotz allem Wohlwollen kein guter Schriftsteller sei - und dass die Sendung eingestellt werde, sobald ihr Erfinder und Dominator sich zurückziehe. Vom anschliessenden Empfang für das «bessere» Publikum wurde berichtet, dass der Gast noch immer verärgert über die «böse» Frage war, ob er sich mit diesem Buch aus dem Judentum verabschiedet habe. Das hatte er schon auf der Bühne entschieden dementiert, charakteristischerweise mit einem Zitat. Das Judentum, das er nicht praktiziere, sagte Reich-Ranitzki, bedeute ihm viel, weil es die Schrift verehre. Und nochmals zitierte er Heine, der die Schrift als «portative Heimat» für die heimatlosen Juden bezeichnet hatte.