Wochenrückblick
Eugenik-Schweizer. «Ein verdrängtes Kapitel amerikanischer Geschichte» hiess ein Artikel in der NZZ vom 14. Juli 2000. Der Berichterstatter erwähnte, dass «England, Skandinavien, Südamerika und Japan» die «Vorreiterrolle Amerikas» bezüglich Eugenik nachahmten, verschwieg jedoch die Rolle der Schweizerischen Psychiatrie. Die erste Zwangssterilisierung im deutschsprachigen Raum wurde, so Hanna Zweig, die sich darüber sachkundig gemacht hat, im Jahre 1892 unter der Regie von Auguste Forel in der Schweiz durchgeführt. Sie weist darauf hin, dass Ernst Rüdin, ein Schüler des international bekannten Direktors des Burghölzli, Eugen Bleuler, 1905 Gründungsmitglied der deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene war und wenige Tage nach Kriegsende vom Bundesrat ausgebürgert wurde. Die NZZ selbst, so Zweig, habe am 6. November 1909 über einen Vortrag von Eugen Bleuler vor der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich mit dem Titel «Erblichkeitsforschung beim Menschen» berichtet, worin er sagte, dass «Rassenmischung eine Lotterie» sei und bei Kreuzung von Germanen und Juden die Nieten 100 Prozent erreichten. Hanna Zweigs Recherchen werden erwähnt in einem Artikel über Betty Ostersetzer-Farbstein in «Universelle 2» auf Englisch, September 2000 Universität Zürich, und in einer grösseren Publikation über David Farbstein, die im Frühling 2001 erscheinen sollte. Auch das neue Buch «Hirnriss» von Willi Wottreng (Weltwoche-Verlag) geht so gut recherchiert auf die Vorreiterrolle der Eugenik-Schweizer ein, dass es einfach gewesen wäre, in der NZZ ausschliesslich andere Länder zu nennen.
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Chase-Kanäle. Die zu einem Banken-Konsortium fusionierte amerikanische Chase-Manhattan-Bank half den Nazis, deutsche Vermögenswerte aus Frankreich nach Deutschland zu transferieren, und zwar sogar noch nach dem Kriegseintritt der USA. Diese Transaktionen seien 1942 von der Filiale in Châteauneuf-du-Pape im unbesetzten Teil Frankreichs vorgenommen worden. Die Gelder gingen nach Deutschland und nach von Deutschland besetzten Ländern. Der Jüdische Weltkongress in New York präsentierte vergangene Woche entsprechende Papiere von 1945 aus dem amerikanischen Finanzministerium. Laut WJC habe die Bank auch angeboten, amerikanische und jüdische Konten in Frankreich zu blockieren, noch bevor sie dazu aufgefordert wurde. Das ist allerdings eine zwei Jahre alte «Neuigkeit». Damals hatte der Bank-Vorsitzende gesagt, wenn das stimme, so hätte es den ethischen Grundsätzen des Instituts widersprochen. Die Bank hat sich laut WJC geweigert, ihre Archive aus der Kriegszeit zu öffnen. Die Dokumente aus dem Finanzministerium sollen zeigen, dass die Pariser Filiale von Chase-Manhattan die Konten der deutschen Botschaft während der Besatzung geführt habe. Statt zu liquidieren, wie der Hauptsitz angeordnet hatte, sei 1940 der Chef der Pariser Filiale durch den Schweizer Carlos Niedermann ersetzt worden, dem die ministerialen Dokumente «Anpassung an den deutschen Sieg über Frankreich und den Glauben daran, dass Deutschland die künftige Welt dominieren werde», attestieren. Der Hauptsitz habe bis Ende 1942 enge Kontakte mit der Pariser Niederlassung gepflegt und sei durch die Filiale im unbesetzten Teil Frankreichs auf dem Laufenden gehalten worden, ohne jedoch entsprechende Schritte zu unternehmen, liess der WJC verlauten. Da gab es doch den berühmten Werbeslogan «Du hast einen Freund bei Chase Manhattan» (You have a friend at Chase-Manhattan). Eine israelische Bank in New York habe ihn übertreffen wollen mit dem Motto «Du hast Verwandte bei Bank Leumi». Das nächste Inserat von Chase Manhattan habe daraufhin gelautet: «Wenn du Verwandte bei Bank Leumi hast, so brauchst du dringend einen Freund bei Chase Manhattan.» Alte Tatsache: Beim Kratzen an Vertrautem könnte durchaus etwas Unangenehmes zum Vorschein kommen.