Wo Tel Aviv aus den Dünen emporwuchs
Als die Stadt Yafo 1901 das 25-Jahre-Amtsjubiläum von Sultan Abdul Hamid II. würdig begehen wollte, beeilte der reiche jüdische Geschäftsmann Joseph «Bey» Moyal sich, zu Ehren des Repräsentanten des osmanischen Reiches einen grossen Uhrenturm zu spenden. Seine Replika steht heute noch auf dem Uhrenplatz am Eingang zum antiken Yafo. Neben altruistischen verfolgte Moyal mit seiner Geste auch ein eigennütziges Motiv. Seitdem 1892 die Zugsverbindung Yafo–Jerusalem eingerichtet worden war, konnte der Geschäftsmann sich des Ansturms von Menschen kaum erwehren. Allerdings kamen diese Leute nicht in seinen Laden, um einzukaufen, sondern sie erkundigten sich nach der genauen Zeit, weil sie den Zug nach Jerusalem nicht verpassen wollten. Joseph Moyal besass nämlich eine der wenigen Uhren am Platz. Mit der Errichtung des Uhrenturms verschaffte er sich Ruhe.
Wirklichkeit und Legende
Geschichten wie diese, in der Wirklichkeit und Legende sich untrennbar vermengen, gibt es zu praktisch jedem Haus und zu jeder Gasse im alten Yafo. Im laufenden Jahr 2009, in dem die Stadt Tel Aviv-Yafo ihren 100. Geburtstag begeht, werden Geschichten und Legenden entstaubt und dem Besucher von kundigen Reiseführern präsentiert. Während eines ganztägigen Spaziergangs können sich Interessenten von ihren Guides durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Yafo und Neve Zedek, dem ersten Wohnviertel ausserhalb der Mauern von Yafo, schleusen lassen.
Das kleine Café «Cafez» am Uhrenplatz bringt den kosmopolitischen und multikulturellen Charakter von Yafo treffend auf den Punkt. Das beginnt schon beim Namen, einer Kombination von Café und Fez, der aus der Türkei stammenden Kopfbedeckung. Das Etablissement ist in jüdischem Besitz, der Kellner ist Araber, die Musik westlich. Die freundschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen zur Türkei sind vielfältig und eng. Am besten gelangt dies zum Ausdruck durch das für ein Café in Israel verblüffende Angebot an Seifen und Ölen sowie handgefärbten und manuell gewobenen Hand- Bade- und Leintüchern, wie sie im türkischen Hamam benutzt werden. Die Preise von 70 bis 1000 Schekel pro Stück unterstreichen das leicht elitistische Flair des «Cafez».
Wen die umfassenden Rekonstruktionen am Uhrenplatz von Yafo beeindrucken, der sei an eine Tatsache erinnert, die drastischer als viele Geschichten die israelisch-arabische Realität reflektiert: Am 17. Oktober 2001 wurde der renovierte Uhrenplatz offiziell eingeweiht, und am gleichen Tag erschossen palästinensische Terroristen in Jerusalem Touristikminister Rechawam Zeevi.
Immobilien, Kultur und Kunst
Die munizipale Unabhängigkeit hat Yafo im Jahre 1952 verloren, als die verwaltungstechnische Vereinigung mit Tel Aviv über die Bühne ging. Physisch fand die Vereinigung vor einigen Monaten mit der Verbindung der Strandpromenade von Tel Aviv mit jener von Yafo ihren Abschluss. Jetzt können Spaziergänger und Velofahrer prinzipiell von Rosch Ha Ayin im Norden via Tel Aviv bis nach Holon und weiter nach Süden auf verkehrsgeschützten Promenaden gelangen. In Yafo führt die Promenade durch den alten Hafen, bis in die 1930er Jahre das einzige Nadelöhr vom Meer in Richtung Jerusalem. Erst als der Araberaufstand von 1936 den Hafen stilllegte, gaben die Briten grünes Licht für den Ausbau des Hafens von Tel Aviv. Heute wird im Hafen von Yafo emsig renoviert. Allerdings wird der Hafen seine ursprüngliche Tätigkeit nicht wieder aufnehmen, sehen wir einmal ab von einer handvoll Fischerbooten und Schiffen, die Touristen zu Fahrten der Küste entlang einladen.
Der Schwerpunkt liegt in der Entwicklung von luxuriösen Wohnhäusern – ein solches entstand in Immobilien, welche die griechische Kirche den Initianten verkauft hat – und in der Förderung von Kultur und Kunst. In einem von Grund auf renovierten Hangar etwa, den die armenische Kirche für zehn Jahre vermietet hat, sitzt seit 14 Monaten das Theater «Nalaga‘at» («Bitte berühren») mit 330 Plätzen, deren Schauspielerinnen und Schauspieler taub-blind sind. Angegliedert sind das Café Capisch und das Restaurant «Blackout» (koscher, milchig) mit zehn Tischen, in dem die Gäste bei völliger Dunkelheit von acht blinden Kellnern bedient werden und auch essen. Wer will, kann vor Betreten des Restaurants ein Überraschungsmenu bestellen. Zusammen mit den fast immer ausverkauften Theatervorführungen – Mit-Gründerin und künstlerische Leiterin ist die aus der Schweiz stammende Adina Tal – decken Café und Restaurant 65 bis 70 Prozent der monatlichen Ausgaben von bis zu 700 000 Schekel. Der Rest muss durch Spenden mobilisiert werden, da die staatliche Unterstützung für das Projekt, das im Ausland schon lange Anerkennung und Zustimmung gefunden hat, vernachlässigbar klein ist.
Jüdisch-arabische Koexistenz
Die jüdisch-arabische Koexistenz in Yafo ist bis heute nicht problemlos. Vor 100 Jahren haben neben dem Platzmangel vor allem die ethnischen Reibereien die Gründung von Tel Aviv beschleunigt. Im Zuge des Unabhängigkeitskriegs von 1948 floh die Mehrheit der damals rund 70 000 Einwohner aus Yafo. Nur knapp 5000 blieben. Heute leben in Yafo wieder 25 000 Juden und 20000 Araber. Im Zusammenhang mit den Restaurationsarbeiten sollen zahlreiche Wohnhäuser enteignet worden sein, was die Araber von Yafo im Gefühl bestärkt, ihnen werde eine Lebensform aufgezwungen. Sehr krass formuliert es Sharon Rotber in seinem Buch «Weisse Stadt – schwarze Stadt»: Was die Christen den Juden angetan haben, das habe Tel Aviv der Stadt Yafo zugefügt. Institutionen wie das gemeinsam von Juden und Arabern geführte Café «Jaffa», das auch ein Buchladen ist, in dem Prominente aus beiden Lagern referieren und auch Arabisch unterrichtet wird, sind bestrebt, den ethnischen Graben zu überbrücken.
Ein Muss für jeden Besucher ist das hoch über dem Meer gelegene Künstler- und Galerienviertel. Malerische, verwinkelte Gässchen mit sorgfältig renovierten kleinen Häusern, Gold- und Silberschmieden, Museen und Ausstellungen, üppige Vegetation und Ruhe. Dieser Tage fast zu viel der Ruhe, hat der durch den Gaza-Krieg geschwächte Touristenstrom doch das erwünschte und erhoffte Ausmass noch nicht wieder erreicht. Ein besonderes Museum ist dasjenige der exzentrischen Künstlerin Ilana Goore. Ihre Werke sind originell, und über den guten Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Was das Museum attraktiv macht, sind ethnische Sammlungen aus aller Herren Länder und der mit Kakteen und anderen Pflanzen durchsetzte Skulpturengarten auf der Dachterrasse. Bei guter Witterung geniessen die Besucher einen atemberaubenden Blick auf das Meer, auf Yafo und auf Tel Aviv.
Ein schickes Refugium
Neve Zedek, die 1887 gegründete erste jüdische Siedlung ausserhalb der Mauern von Yafo, verdankt ihre Entstehung der synergetischen Kooperation zweier Visionäre: Dem ehemaligen Jeschiwa-Studenten und Unternehmer Shimon Rokach und dem aus Algerien eingewanderten Grundbesitzer Aaron Chelouche. Die kleinen Reihenhäuser mit einer bebauten Fläche von rund 120 Quadratmetern und kleinen Gärtchen oder Innenhöfen waren vor allem für junge Ehepaare gedacht. Weil diese sich die verlangten Preise selten leisten konnten, verpflichtete jeder potenzielle Besitzer sich im Geiste der damaligen Zeit, während eines Jahres pro Tag 100 Säcke mit Sand von den Dünen zu füllen, damit der Boden geebnet werden konnte. Die Parzellen blieben auf Chelouches Namen eingetragen, doch er sorgte dafür, dass sie nach seinem Tode an die rechtmässigen Eigentümer übergingen. Heute erinnern die schmalen Strassen – zur Not kann auf einer Seite parkiert werden - mit ihren niedrigen Häusern an mitteleuropäische Kleindörfer.
Verschiedene, individuell gespiesene Gaslaternen, welche die Jahrzehnte überstanden haben, legen Zeugnis dafür ab, wie arbeitsintensiv einst die Errichtung der Strassenbeleuchtung war. Damals war Neve Zedek nicht viel mehr als eine Zwischenstation auf dem Weg von
Yafo in das 1909 gegründete Achusat Bayit, dem heutigen Tel Aviv.
Heute ist das Viertel zum schicken Refugium für wohlhabende junge Berufstätige wie Ärzte, Anwälte, Architekten und Künstler geworden, die nach getaner Arbeit gerne in ihr ruhiges «Dorf» zurückkehren, wenige Schritte vom pulsierenden Stadtleben entfernt. Für den Durchschnitts-Tel-Aviver bleiben die renovierten Häuser mit ihren Stückpreisen von einer Million Dollar aufwärts unerschwinglich. Der Öffentlichkeit dient das Kulturzentrum Susanne Dellal, mit dem das Ehepaar Dellal das Andenken an seine jung verstorbene Tochter Susanne verewigt hat. Regelmässige Theater- und Balletvorstellungen und Kulturfestivals haben das Zentrum zum Anziehungspunkt innerhalb von Neve Zedek, aber auch weit darüber hinaus gemacht.
Kulinarisches und Marken-Artikel
In der Nähe von Neve Zedek liegt der grosse Carmel-Markt, an den das von Einwanderern aus dem Jemen gegründete Viertel Kerem HaTemanim grenzt. Dort spielt sich das Leben mehrheitlich noch so ab wie vor Jahrzehnten. Nur zögernd weichen die niedrigen, individuell und planlos errichteten Häuschen höheren Bauten. Die Gründer des Kerem und ihre Kinder und Enkel sind sich des steigenden Preises ihrer Liegenschaften wohl bewusst und verkaufen nur, wenn sie wirklich müssen. Für Liebhaber der jemenitschen Küche sind die schmalen Strässchen mit ihren meistens als Familienbetrieb geführten Restaurants – oft nicht mehr kleine Garküchen – ein kulinarisches Eldorado. Bereits aus einiger Entfernung kündigt ein Restaurant sich mit typischen Aromen von Gewürzen an, ganz zu schweigen von der rezenten Fleischsuppe. Reinlichkeitsfreunde oder Ordnungfanatiker, die es nicht ertragen, wenn das Menü des vorher dagewesenen Gastes durch Flecken auf der Tischplatte noch zu erkennen ist, sollten lieber bis zur Falafelstube in die nahe gelegene Nachlat-Benjamin-Strasse gehen.
Auch diese Strasse hat Tel Aviver Geschichte geschrieben, allerdings bedeutend später als Achusat Bayit oder Neve Zedek. Heute finden sich dort vor allem Textilläden, die nicht selten von Immigranten aus dem Iran geführt werden. Grosser Beliebtheit erfreut sich der regelmässige Strassenmarkt, an dem nur Leute einen Stand haben dürfen, die garantiert selbst produzierte Ware offerieren. Ein ganz anderer, viel mondänerer Ort ist die Shenkin-Strasse. Sie lebt vor allem vom Freitag, an dem sich vor den Cafés und Restaurants lange Warteschlangen bilden. Berühmt sind die meisten Etablissements, wie das «Tamar», in dem sich vor allem die linke Elite trifft, oder das «Siach Kaffee», in dem Kaffeesorten aus aller Welt fachmännisch gemahlen und gemischt werden. Neben den Restaurants fallen in der Shenkin-Strasse zahllose Schuh- und Kleidergeschäfte sowie Spezialläden für Kindermode auf. Alles in dieser Strasse ist fein und schick, und um einige Prozente teurer als in anderen Gegenden von Tel Aviv. Vermutlich werden nach der derzeitigen Wirtschaftskrise verschiedene Läden still und unauffällig verschwunden sein, wobei sich einer der Reiseführer darin nicht so sicher ist: «Die heutige Jugend legt unglaublichen Wert auf Markenartikel. Eine Soldatin, die im Monat kaum mehr als 800 Schekel verdient, ist im Stande, von dieser Summe 500 Shekel auf Einkäufe in der Shenkin zu verwenden. Das schulden sie offenbar ihrem Image.»