Wo menschliches Denken beginnt
Mit einem Aleph beginnt das Wort «anochi» (ich) im ersten Vers der Zehn Gebote: «Anochi Haschem» - ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Haus der Knechte herausgeführt hat.» Mit dem Bet hingegen setzt die Thora ein: «Bereschit» - am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.» Das Bet ist mit seiner hufeisenförmigen Gestalt nach oben, unten und hinten geschlossen. Nur nach vorne ist sie geöffnet. Der Mensch soll nicht erforschen, was oben und unten ist oder hinter dem Anfang steht. Die Aufmerksamkeit gelte dem, was vor uns liegt: Unserer Gegenwart und Zukunft.
Was will diese Legende lehren? Ein Zweifaches: Gott ist der Schöpfer, aber nicht Teil der Schöpfung. Sein Aleph gehört nicht zum Bet der Welt. Er ist der Eine-Einzige, mit keinem anderen zu vergleichen. Der Mensch vermag bestenfalls die Geheimnisse der Schöpfung zu erforschen. Gottes Sein und Wesen erkennt er nie. Zum anderen: Menschliches Denken beginne mit dem «Anfang», nicht mit dem, was davor steht. Der Philosoph Karl Jaspers hat diese Aussage im Anschluss an Immanuel Kant so formuliert: «Kant begriff, dass die Welt im Ganzen gar nicht Gegenstand (d.h. Gegenstand unseres Denkens) werden kann. Wir sind in der Welt und stehen nie der Welt als Ganzem gegenüber! Könnten wir begreifen, woher wir sind, so würden wir aufhören, Menschen zu sein. Wir können die Grenze berühren im Bewusstsein unseres Menschseins. Dieses ist Unvollendetsein und Unvollendbarsein.» Soweit Jaspers.
Die Frage nach dem Ursprung des Lebens ist aber gestellt und vom Glauben her auch beantwortet worden. Etwa im biblischen Psalm 36. Er schildert Gottes Grösse und seine Hilfe an den Menschen. Wörtlich heisst es: «Denn bei Dir ist der Quell des Lebens, in Deinem Lichte sehen wir Licht.» «Quell des Lebens» ist die Quelle, aus der dem Menschen Leben und Kraft zufliessen. Sie ist zugleich auch Ursprung des Lebens.Keiner weiss, was Leben ist. Die Wissenschafter sind dem Rätsel auf der Spur. Sie haben es bisher aber nicht gelöst und werden vermutlich Leben nie zu erzeugen vermögen. Der Gläubige bekennt in seinem Glauben, dass alles Leben von Gott stammt, und ohne den Schöpfer Leben nicht geworden wäre und nicht zu bestehen vermöchte. Entsprechendes gilt für den Tod. Die Legende lässt den Blick auf die Zukunft hin zwar gelten, doch die Antwort auf die Frage: «Was ist der Tod?», was geschieht nach dem Ende irdischer Existenz, bleibt wie die Frage nach dem Ursprung offen. Nicht im Wissen, sondern im Glauben ist sie zu finden, und der Glaube lehrt: Der Tod des Körpers ist nicht das Ende. Der chassidische Rabbi Sussja pflegte zu sagen: «Ich gehe bei einer Türe hinaus und trete bei einer anderen ein.» Wäre der Tod das Ende, so besässe die Schöpfung, in der alles aufeinander abgestimmt ist und seinen Platz in einer alles umschliessenden Ordnung findet, letztlich keinen Sinn und Zweck. Ohne Fortdauer nach dem Tode, einer Fortdauer in irgendeiner Form, wäre der Mensch, wie der Philosoph Schopenhauer es formulierte, nichts weiter als ein «belebtes Nichts». Leben wäre Täuschung eines grausamen Gottes, Trugbild kurzsichtiger Augen. Wenn Leben von Gott her stammt - weil bei Ihm der «Quell des Lebens» liegt - so muss Leben lebenswert sein. Die Thora gibt uns zu verstehen, dass Gott die Welt «aus dem Nichts» erschaffen hat. Vor der Schöpfung gab es nur Ihn, den Ungeschaffenen, Gestaltlosen, ewig Seienden. Weshalb er die Welt erschaffen hat, entzieht sich der Einsicht. Dass er sie geschaffen hat und damit seinem Sein ein zweites, von Ihm abhängiges Sein gegenüberstellte, beweist, dass das Etwas besser ist als das Nichts. Das Etwas, das Leben in seiner Vielfalt. Der Bibelvers «Und Gott sah, dass es (das Erzeugte) gut war», wird im Schöpfungsbericht einige Male wiederholt. Wie alles vorhanden ist, heisst es sogar: «Und siehe, es war sehr gut.»
Wer von der Sinnhaftigkeit des Lebens überzeugt ist, will nicht nur leben, sondern bewusst, gut, richtig leben. Was das heisst, beschäftigt ihn ein Leben lang. In der ethischen Satzung der Bibel mit ihrer unbedingten Menschlichkeit findet er notwendige Wegweiser. Die Legende von den Buchstaben will uns u.a. sagen, dass nicht da Fragen nach den «letzten Dingen», sondern das Tun, die Selbstverwirklichung des Menschen Aufgabe ist. Leben ist ein Geschenk, und sein Ursprung liegt bei Gott. Mit einem «Bet» fängt nicht nur «Bereschit», am Anfang, an, sondern auch das Wort «Beracha», Segen. Gott hat das Leben gewünscht und hat es gesegnet. Trotz aller Mängel ist es gut und lebenswert. Durch den Menschen kann es noch besser werden. In einem Gebet der täglichen Liturgie spricht der Jude: «Herr der Welt, der du herrschtest, ehe irgendein Geschöpf erschaffen! Und wenn alles zu Ende ist, wird er allein herrschen. Er war, Er ist und wird für immer sein! Er ist mein Gott, es lebt mein Erlöser, mein starker Fels in der Zeit der Not! In Seine Hand übergebe ich meinen Geist, wenn ich schlafe, wenn ich wach bin, und mit meinem Geist auch meinen Körper. Gott ist mit mir, ich fürchte mich nicht.»
Bei aller Bruchstückhaftigkeit menschlichen Denkens und Tuns bleibt die tiefe Gewissheit, dass alles Geschaffene «sehr gut ist». In dieser Gewissheit liegt zugleich das Vertrauen in Gott begründet, ohne das der Mensch verzweifeln muss. Neben dem Buchstaben Bet, der in die Zukunft weist, steht das Aleph, steht Anochi, Ich, der Herr, Dein Gott, der dich beschützt und leitet und dir Glück und Segen schenkt.
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Zum Gedenken
Am 24. Juni jährt sich der Hinschied unseres Mitarbeiters Rabbiner Dr. Roland Gradwohl s.A. zum zweiten Male. Aus diesem Grunde veröffentlichen wir heute einen Artikel aus seiner Feder, der sich mit dem Sinn und den Ursprüngen des Lebens befasst.
Die Redaktion