Wo ist der Garten Eden?

Editorial von Yves Kugelmann, September 28, 2011

Tun ohne Verstehen. Tradition und Kultur laufen immer wieder Gefahr, durch die Möglichkeiten der Technik zur Farce zu verkommen. Überall und ständig. Zu Rosch Haschana sind es etwa die entindivdualisierten, unpersönlichen Massen-E-Mails, die da in den anonymen BCC-Äther gesendet werden. Wünschen auf Knopfdruck. Eine alte Tradition, die Begegnung in Gedanken, das Wünschen in der Auseinandersetzung mit dem anderen, gerät im Zeitalter der Virtualität zum reinem Unsinn, Abklatsch und Selbstzweck – wie so vieles andere in diesen Tagen.

Verstehen durch Tun. Sinn ist von Sinnlichem nicht zu trennen. Viele Rituale, Traditionen und Liturgien sind nicht einfach der Ästhetik geschuldet, sondern der Verbindung von Inhalt und Form. Die jüdische Mythologie vermittelt am Berge Sinne in der Offenbarunsgeschichte das Verstehen etwa durch das Tun. Tun und Verstehen, Hand und Geist, Arbeit, Rede und Widerrede sind Teil einer existentialistischen Dialektik, auf der letztlich die Essenz von Weltlichkeit und Schöpfung, dem Menschen und seinem Ebenbilde, Natur und Kultur, Glaube und Diesseitigkeit beruht. Das Wort, das Ritual und die Tat sind nicht Selbstzweck, sondern Teil eines Ganzen, Sinnlichen wider die Ohnmacht menschlicher Existenz vor dem Unendlichen. Gewachsene Kultur, die Menschen entradikalisiert und der Vernunft zuführt. Die Schriften verwurzeln den Menschen im Menschlichen wider die Natürlichkeit vom Recht des Stärken zum von Menschen geschriebenen Recht der Schwächeren. Wo das Wort Hülle und zur Obsession ohne Interpretation wird, wo Schriften wortgetreu, entsinnlicht, totalitär, kritiklos und ohne Widerspruch ausgelegt werden, lauert Gefahr, genau wie dort, wo die Tradi­tion inhaltlos, entwurzelt gelebt wird. Entsinnlichte Rituale karikieren, was menschliche Kultur durch Jahrhunderte, getränkt von Erfahrung, hervorbrachte und die Gemeinschaft sinnhaft verinnerlichte. Oft führt die Abkoppelung von Form und Inhalt zu Ideo­logien, Instrumentalisierung und Manipulation der Massen anstatt zu einer Aufklärung des Individuums.

Verstehen durch Verstehen. Wie kaum zuvor führt die Entleerung der Dinge zum Verlust von Sinn, Geschichte, Inhalt. Tabus, Prinzipien und Ideologien werden geschaffen, die die erst vor Kurzem erlangte Freiheit bedrohen. Die zunehmende Israelisierung des Judentums, die Nationalisierung, Radikalisierung, Homogenisierung jüdischer Ideen geht einher mit der Judaisierung Israels durch politische Doktrin, religiösen Fundamentalismus und eine Ideologie, die den wirklich jüdischen Charakter des Landes längst hinter sich gelassen hat. Die gegenseitige Vereinnahmung von Judentum durch Israels Politik und von Israel durch jüdische Ideologen nicht selten in Allianz mit radikalen Christen, die Juden bis heute vorschreiben, was sie zu denken und tun haben, führt beide gefährlich aufeinander zu, anstatt sie von- und füreinander zu emanzipieren. Denn Israel ist nicht die Geisel des Judentums oder umgekehrt. Die innere Verbindung beider miteinander wird entleert und in eine Form gegossen, die inhaltslos ist und einer um sich greifenden Ethnisierung von demokratischen Nationen folgt. Wenn Form und Inhalt einander ersetzen, die Idee mit der Realität gleichgesetzt und die Möglichkeit der Freiheit mit dem Rückzug in die Unfreiheit vollzogen wird, dann verkommen gewachsene jüdische Traditionen, die Kulturen sowie das Judentum zu falschen Ideen und instrumentalisiertem Unsinn, in dem das Prinzip wichtiger wird als der Inhalt.