«Wo der Ewige sein Zelt aufgeschlagen hat»
Für die Empfangszeremonie für Papst Johannes Paul II. auf dem Flughafen Ben-Gurion hatte sich der Grossteil der sekulären Elite Israels, zusammen mit moslemischen und christlichen religiösen Persönlichkeiten eingefunden. «Willkommen im Heiligen Lande», rief Premierminister Ehud Barak aus, nachdem der Kirchenvater eine Schüssel mit Jerusalemer Erde geküsst hatte, welche ihm von drei Kindern (je einem jüdischen, christlichen und moslemischen) dargereicht worden war. Angesichts der gemischten Gefühle, die der Papstbesuch in orthodox-jüdischen Kreisen hervorruft, waren die meisten führenden Rabbiner Israels, inkl. die Oberrabbiner, der Begrüssungszeremonie ferngeblieben, und von den sechs orthodoxen Kabinettsmitgliedern erschien mit Rabbiner Michael Melchior (Meimad) nur gerade einer. Die anderen (allen voran jene von Shas) hatten das Purimfest als Grund für ihre Abwesenheit angegeben. Die pompöse Zeremonie stand in krassem Gegensatz zu jener von 1964, als Papst Paul VI. während eines 12stündigen Kurz-Aufenthaltes im Heiligen Lande sich von israelischen Politikern fernhielt und das Wort «Israel» kein einziges Mal in den Mund nahm. «Mit tiefen Gefühlen», sagte der Papst bei seiner Ankunft, «setze ich Fuss auf das Land, welches der Ewige auserwählt hat, um hier sein Zelt aufzuschlagen». Jedes Wort und jede Geste des Kirchenvaters während seines sechstägigen Aufenthaltes in Israel und den autonomen palästinensischen Gebieten werden von seinen Gastgebern und auch von jenen, die den Besuch kritisieren, auf die Goldwaage gelegt werden. In seinen Begrüssungsworten rief Johannes Paul II. zu einer Beendigung der Vorurteile zwischen Christen und Juden, zum Dialog zwischen Juden, Christen und Moslems und zum Frieden im Nahen Osten auf. «Wir alle wissen, wie dringend der Bedarf für Friede und Gerechtigkeit ist, nicht nur für Israel, sondern für die ganze Region.»
Trotz des ausdrücklichen Wunsches des Papstes, die Religion in den Mittelpunkt seiner Reise zu stellen, spielte die Politik bereits während der Empfangszeremonie mit. Das begann bereits, als eine Armeekapelle das Lied «Jerusalem aus Gold» antönte, das in Israel den Anspruch des jüdischen Volkes auf seine Hauptstadt symbolisiert. Präsident Ezer Weizman setzte diese Linie in seinen direkten, keinen Zweifel offenlassenden Worten fort, nannte er das «wiedervereinte» Jerusalem doch «das Herz der jüdischen Welt». Bekanntlich betrachtet der Vatikan die israelische Präsenz im arabischen Ost-Jerusalem als «illegale Besetzung». Weizman griff den Fehdehandschuh auf und beantwortete die Forderung des Vatikans nach internationalen Garantien für die heiligen Stätten mit dem Hinweis, Israel habe die Freiheit der Religionsausübung stets ebenso garantiert wie den freien Zugang zu den heiligen Stätten. Auch bei der Landung seines Helikopters in Jerusalem bekam der Papst die gleiche Botschaft vermittelt, als Bürgermeister Ehud Olmert ihn «in unserer ewigen Hauptstadt» begrüsste, eine Bemerkung, welche die Palästinenser später als «arrogant» brandmarkten. In palästinensischen Kreisen hoffte man, dass der Papst während seines für Mittwoch vorgesehenen Besuchs in Bethlehem und in einem nahegelegenen Flüchtlingslager die Forderung nach einem Palästinenserstaat und das Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge auch nach Israel unterstützen würde. Die jüdische Seite demgegenüber wartete auf den Besuch des Papstes heute Donnerstag in der Märtyrer-Gedenkstätte Yad Vashem. Dort, so hofft man, wird der Kirchenvater die für viele jüdischen Ohren zu vage Entschuldigung vom 12. März für die Verfehlungen der Christen gegenüber den Juden, nicht zuletzt im Holocaust, deutlicher formulieren. Der Aufenthalt des Papstes in Israel ist begleitet von der umfangreichsten Sicherheitsoperation, die das Land in Friedenszeiten bisher gesehen hat. Rund 30 000 Polizisten und mehrere tausend Soldaten sorgen dafür, dass der Gast aus dem Vatikan von möglichen Protesten rechtsgerichteter Kreise abgeschirmt wird. Dabei hat die «Pulsa de-Nura»-Zeremonie (Herabbeschwörung des Todes auf eine missliebige Person), die extremistische Angehörige der Chabad-Chassidim anfangs Woche in der Stadt Safed abgehalten hatten, die Nervosität nur vorübergehend steigern können.
Haaretz / JR