WM als Fest der Integration
Patriotismus. Das Bild, das sich den Menschen in der Schweiz nach dem Sieg der Nationalmannschaft gegen Spanien bot, ist kein für die Schweiz typisches. Öffentlich demonstrierte Geselligkeit in Kombination mit wehenden Schweizfahnen ist in diesem sonst eher dem Bedächtigen zugetanen Land zumindest auffällig. Die gefeierte Fussballseligkeit endete für die Schweiz leider fast so schnell, wie sie aufgekommen war. Der Blick richtete sich in dieser Woche auf die vier Länder, die um die ersten vier Plätze spielen – unter ihnen der «grosse Bruder» Deutschland. Wie schon bei der WM 2006 scheint das Land in die Farben Schwarz, Rot, Gold gehüllt zu sein. Der gefeierte Patriotismus und das Schwingen von Fahnen stehen (ebenso in der Schweiz) auch für eines: die gelungene Integration von Einwanderern.
Integration. In der deutschen Nationalelf spielen zahlreiche Spieler, die ursprünglich aus Polen, der Türkei oder auch Ghana stammen, sie trugen teils erheblich zum Erfolg der Mannschaft bei. Dieser Aspekt findet auch Erwähnung in der ausländischen Presse wie etwa der «New York Times», die betonte, das deutsche Team sei durch die «erfrischenden Talente der Einwanderersöhne» gesegnet. Zuvor hatte Kolumnist Roger Cohen dem Team einen langen Artikel gewidmet unter dem aussagekräftigen Titel «Özil the German.» Und die rund 2,7 Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland fiebern mit der Nationalmannschaft. Es scheint, als gelänge dem Fussball, was die Politik – bei geringerem Erfolg – weitaus grössere Kraftanstrengung kostet: Die WM befriedigt die kollektive Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit – wenigstens ein paar Sommerwochen lang.
Politik. Politiker versuchen, den Patriotismus und die Begeisterung der Menschen für sich und ihren Staat zu beanspruchen und verkennen dabei, dass die Fähnchen und Symbole Ausdruck jedes einzelnen Fans sind, sich mit seinem Land (und nicht mit dessen Regierung) zu identifizieren. Dass die Politik sich den Fussball nicht zunutze machen soll, zeigt die Auseinandersetzung zwischen FIFA-Präsident Joseph Blatter und dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, dem wegen politischer Einflussnahme nach dem erfolglosen WM-Auftritt seiner Nationalmannschaft mit einem Ausschluss des Landes von allen internationalen Wettbewerben gedroht wurde. Frankreich mache aus Fussball eine Staatsaffäre, sagte Blatter und verwies die Politik damit in die Schranken.
Sieg. Fussball ist in Deutschland derzeit Integrationsfaktor Nummer eins. Ironischerweise bringt der aktuell gefeierte Patriotismus gerade Rechtsextreme in eine heikle Lage: Spieler mit Migrationshintergrund spielen für Deutschland und werden bejubelt. Diese Tatsache passt nicht ins Bild der Rechtsextremen – und so sind als Kontrast zum restlichen Deutschlandbild die schwarz-rot-goldenen Fahnen vom Berliner Hauptsitz der NPD verschwunden. Allein das kann als Sieg der jungen, multikulturellen deutschen Nationalmannschaft verbucht werden.