Wissenschaftliche Akzente setzen
Als «erste schöne Frucht» des im Mai gegründeten Instituts für Judaistik bezeichnete Martin George, Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Bern, in seiner Begrüssung die Tagung über jüdischen Wissens- und Kulturtransfer. Ein breites Publikum aus Fachleuten und Laien, darunter der israelische Botschafter Ilan Elgar und seine Gattin Ziva, folgte den Fachvorträgen, welche ein breites Spektrum von der Antike bis zur Gegenwart und von den Naturwissenschaften bis zur Geschichtsforschung abdeckten. Dass die Veranstaltung vom Institut für Judaistik und der Interfakultären Forschungsstelle für Judaistik der Universität Bern in Zusammenarbeit mit demInstitut für Jüdische Studien der Universität Basel organisiert wurde, ist kein Zufall. Wie Martin George betonte, ergänzen sich die Institutionen von Bern und Basel, indem der Schwerpunkt von René Bloch in Bern beim antiken und mittelalterlichen Judentum liegt, während sich das seit zehn Jahren bestehende Institut von Jacques Picard in Basel auch mit der Neuzeit befasst.
Von der Antike zur Neuzeit
So führte René Bloch mit einem Vortrag über «Moses als Lehrer des Orpheus» denn auch ins hellenistische Alexandrien und stellte jüdische Quellen vor, gemäss denen die griechische Hochkultur von den Juden übernommen worden sei. Er legte dar, dass es einen solchen einseitigen Wissens-und Kulturtransfer in Wahrheit nie gegeben hat. Den wahrscheinlichen Grund für solche Erfindungen sieht Bloch in Spuren eines innerjüdischen Diskurses. Ilana Wartenberg aus London stellte in ihrem Beitrag eine Schrift aus dem 14.Jahrhundert vor, in welcher der jüdische Autor Isaac Ben Solomon Ibn al-Ahdabben Zaddik ha-Sefaradi der jüdischen Gemeinschaft von Sizilien die Lehre der arabischen Mathematik übersetzte. Jacques Picard seinerseits führte den naturwissenschaftlichen Ansatz weiter, machte dabei aber einen Sprung ins 17. Jahrhundert, um mit Isaak Newton die aufkommenden Zweifel an der göttlichen Allmacht zu thematisieren.
Diskussionswürdige Ansätze
Die zurzeit in Basel lehrende israelische Historikerin und Essayistin Idith Zertal schliesslich setzte sich kritisch mit Benzion Dinur auseinander, der als zionistischer Ideologe das Bewusstsein der Einzigartigkeit des jüdischen Volkes in zahlreichen Bereichen propagierte – so von 1951 bis 1955 auch als Erziehungs- und Kulturminister Israels. Dabei interpretierte der Mitbegründer der Jerusalemer Schule für Jüdische Geschichte auch die jüdische Vergangenheit auf eigenwillige Art, indem er die Zeit des Exils von 2000 auf 1000 Jahre halbierte. Als Ausgangspunkt nahm er statt der Zerstörung des Tempels die muslimische Eroberung Palästinas im siebten Jahrhundert, als Endpunkt die Immigration einer kleinen Gruppe von Juden um das Jahr 1700. In ihrem Schlusswort gab die Anglistin Margaret Bridges ihrer Hoffnung Ausdruck, dass weitere interfakultäre Veranstaltungen dieser Art folgen werden.
Peter Abelin