Wissenschaftler, Förderer, Bankier
Ein langes und vielseitig geprägtes Leben ist am Dienstag in Basel zu Ende gegangen. Mit Hans Guth-Dreyfus verlieren Basel und die jüdische Gemeinschaft eine Persönlichkeit, die in Wirtschaft, Bildung und Kultur Bedeutsames geschaffen und bewirkt hat – langfristig denkend und stets um der jüdischen Sache Willen. Am 18. April 1913 geboren, studierte Hans Guth-Dreyfus in Zürich Nationalökonomie, promovierte im Jahr 1944 und fühlte sich seit jeher hingezogen zur Mathematik.
Ende der vierziger Jahre war Hans Guth erst als Wissenschaftler und Adjunkt des Statistischen Amtes des Kantons Zürich tätig, später hatte er elf Jahre die Stelle des Basler Kantonalstatistikers inne. Durch sein Präsidium der Verbandsunterstützungskasse der jüdischen Studentenschaft lernte er Anfang der fünfziger Jahre seine spätere Ehefrau und Kunsthistorikerin Katia Dreyfus kennen, welche damals die Basler Stipendiaten betreute und mit der er bis zu seinem Tod zusammenlebte. Für die Schweiz und den Standort Basel machte sich Hans Guth-Dreyfus gemeinsam mit seiner Frau etwa durch die Einrichtung des Jüdischen Museums der Schweiz im Jahr 1966 verdient – eine heute mehr als 40 Jahre existierende Institution, die ohne das jahrzehntelange Engagement des Ehepaars kaum denkbar wäre. Katia Guth-Dreyfus leitete das Museum bis zu diesem Herbst. Ein weiteres lebenslanges, gemeinsames Anliegen beider war bis in das neue Jahrtausend hinein die Unterstützung verschiedener Institutionen in Israel sowie von jüdischen Studenten in Israel und in der Schweiz. So sagte Hans Guth-Dreyfus im Jahr 2003 im Gespräch mit tachles: «Es war schon immer ein jüdisches Anliegen, nicht nur an Nahrung und Unterkunft, sondern auch an geistige Werte denken zu können» (vgl. www.tachles.ch).
Wissenschaftler und Bankier
Im Jahr 1954/55 erhielt Guth-Dreyfus einen Lehrauftrag der Universität Basel, zwei Jahre später erfolgte seine Habilitation. 1957 wurde er zum ausserordentlichen Professor für Statistik ernannt, 1966 zum Ordinarius ad personam. Dieses Lehramt hatte Hans Guth-Dreyfus in vollem Umfang bis 1983 inne, bis zum Herbst 1963 leitete er gleichzeitig das Statistische Amt. Sein Wechsel zur Bank Dreyfus Söhne & Cie. AG, für die er zuvor bereits als Verwaltungsrat gewirkt hatte, erfolgte als Nachfolger von Paul Dreyfus-de Gunzburg – im Jahr 1967 wurde er Verwaltungsratspräsident der Privatbank. Dieses Amt hatte Guth-Dreyfus bis zum Jahr 2002 inne – mit über 90 Jahren hatte der Professor und Bankier immer noch einen Arbeitsplatz in der Bank an der Aeschenvorstadt in Basel. Seine Nachfolge trat sein Sohn Andreas Guth als Präsident des Verwaltungsrats im Jahr 2002 an. Als Bankier vertraute Hans Guth-Dreyfus auf konservative Werte und liess sich nicht von der New Economy beeindrucken: «Wenn man langfristig denkt, fällt vieles, das nur kurzfristig ausgerichtet ist, ausser Betracht», betonte Guth-Dreyfus in hohem Alter gegenüber tachles: «Wer langfristig denkt, handelt in der Regel so, wie es auch ethisch gegeben ist, weil kurzfristige, mit negativen Aspekten behaftete Vorteile entfallen.»
Jüdische Werte
Zusammen mit Gattin Katia hatte Hans Guth-Dreyfus drei Kinder: Mathys, Andreas und Nadia. Nadia Guth Biasini, die als Historikerin tätig ist, organisiert unter anderem für das Jüdische Museum der Schweiz den Europäischen Tag der Jüdischen Kultur – somit gehen die Kinder von Hans und Katia Guth-Dreyfus den Weg, den ihre Eltern eingeschlagen haben, weiter. Das Engagement des Verstorbenen wird durch seine Frau, seine Kinder und seine fünf erwachsenen Enkelkinder weitergetragen. Mit Hans Guth-Dreyfus hat die jüdische Gemeinschaft eine Persönlichkeit verloren, die sich stets für Wissenschaft, Bildung und den Erhalt der jüdischen Werte – auch und gerade in der Wirtschaft – eingesetzt hat.