«Wissenschaft und Judentum» an der ETH
In Zürich tut sich was im Bereich der jüdischen Studien: Neben der Sigi-Feigel-Gastprofessur, die an der Theologischen Fakultät der Universität angesiedelt ist (vgl. tachles 02/09), wird es ab Frühling 2010 zudem eine Gastprofessur für Wissenschaft und Judentum im Departement Geistes-, Sozial und Staatswissenschaften (D-GESS) der ETH geben. Der vorläufig auf drei Jahre angelegte Lehrstuhl wird – am konkreten Beispiel des Judentums – Wissenschaft im Spannungsfeld von Religion, Kultur und Gesellschaft erforschen. Die beiden Schwerpunkte sind einerseits die Rolle und Entwicklung der Wissenschaften innerhalb des Judentums und andererseits die Art und Weise, wie das Judentum in den Wissenschaften beschrieben wird.
Die doch eher ungewöhnliche Ausrichtung des Lehrstuhls hängt einerseits mit dessen Einbettung innerhalb der ETH zusammen, wie Andreas Kilcher, Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft im D-GESS und Organisator des Projekts, ausführt. Die Gastprofessur ist an das Zentrum «Geschichte des Wissens» angegliedert, das sich der Wissenschaftsgeschichte und -philosophie widmet. International wird das Verhältnis von Judentum und Wissenschaft schon an verschiedenen Institutionen erforscht, aber im deutschsprachigen Raum – und generell auf dem europäischen Festland – wird der neue Lehrstuhl der erste seiner Art sein.
Mit der Gastprofessur soll der neue Forschungsgegenstand in Zürich verankert werden; deshalb legt Kilcher auch grossen Wert auf Austausch mit anderen Einrichtungen. Etwa mit dem von ETH und Universität gemeinsam getragenen Collegium Helveticum, zu dessen Schwerpunkten ebenfalls die Wissenschaftsphilosophie gehört. Die neue Gastprofessur habe zwar zweifellos eine spezialisiertere Ausrichtung als etwa der Sigi-Feigel-Lehrstuhl, aber auf jeden Fall strebe man eine Zusammenarbeit mit diesem an – etwa in Form einer gemeinsamen Vorlesungsreihe. Auch mit dem Archiv für Zeitgeschichte und anderen «jüdischen» Lehrstühlen in der Schweiz würde sich eine Kooperation anbieten.
Die Gastprofessur wird jedes Semester neu wechseln; der jeweilige Dozent wird während ein bis zwei Monaten in Zürich anwesend sein und ein Blockseminar geben, das sowohl für Studierende der ETH und der Uni als auch für die interessierte Öffentlichkeit offen sein wird. Daneben sind Workshops, Tagungen und Vorträge geplant. Eröffnet wird das neue Angebot im Frühjahr 2010 mit einem Workshop zum Thema «Wissenschaft und Judentum/Science and Judaism». Momentan ist das Projekt auf drei Jahre begrenzt; die Kosten von insgesamt 150 000 Franken wurden vollumfänglich von privater Seite gespendet. Noch ist nicht klar, wie es nach Ablauf dieser drei Jahre weitergehen wird, aber Kilcher ist entschlossen, den Lehrstuhl fest zu etablieren.