«Wir werden weder vergessen noch vergeben»

von Aryeh Dayan, October 9, 2008
Als Aharon Barak, Präsident des Obersten israelischen Gerichtshofes, vor einigen Wochen den Haftbeginn für Arieh Deri, den ehemaligen Chef der Shas-Partei, hinausschob, hatte das Aktionskomitee von Shas eigentlich alles schon vorbereitet. Dann wurden die Pläne schubladisiert, aber jetzt, nachdem Deri (voraussichtlich) am Sonntag, den 3. September nun tatsächlich seine dreijährige Strafe wird antreten müssen, kann Israel sich auf einiges gefasst machen.
Arie Deri: «Einen Bruder lässt man nicht im Stich.» - Foto Keystone

Der Grossteil der Pläne, mit denen Shas seinen Protest gegen die Inhaftierung Deris ins Volk hinaustragen will, ist noch geheim. Damit wollten die Organisatoren den Überraschungseffekt beibehalten. Vielleicht gibt es aber noch einen anderen Grund, zielen einige der Aktionen doch darauf ab, das Image Deris als Shas-Führer auch dann aufrecht zu erhalten, wenn der ehemalige Boss hinter Gittern sitzt. Das vom Abgeordneten Eli Suissa und anderen Deri-Getreuen geleitete Komitee will mit der Geheimniskrämerei möglicherweise verhindern, dass interne Rivalen die Ausführung der Pläne durchkreuzen. Zudem wollte man auch das Risiko nicht eingehen, dass die Polizei Projekte untersagt, die unweigerlich zu einem grossen Verkehrschaos führen würden.

100 000 ins Gefängnis

«Wir gehen alle ins Gefängnis», lautet einer der Slogans, welche die Shas-Zeitung «Yom le-Yom» auf ganzseitigen Inseraten propagiert. Zeit und Route des Massen-Konvois von Jerusalem zu den Gefängnistoren würden, wie es in einer Fussnote heisst, auf Plakaten und über die religiösen Radiosender bekannt gegeben. Heute weiss man schon, dass am Sonntag der Verkehr auf der Strasse Jerusalem-Tel Aviv durch hunderte langsam fahrender Busse und Privatautos lahmgelegt werden soll. Auch aus anderen Destinationen des Landes sollen ähnliche Konvois in Richtung des im Zentrum Israels gelegenen Ma’assyiahu-Gefängnisses organisiert werden. Sollte der Plan zur Gänze realisiert werden, kann man davon ausgehen, dass das Land am Sonntag weitgehend zum Erliegen kommt. Moshe Idan, einer der Organisatoren der Aktionen, spricht von der «bisher grössten Machtdemonstration in der Geschichte von Shas». In keine Wahlkampagne habe die Partei bisher so viel Energie investiert, wie in die Organisation des Begleittrosses für Deri. Der Grund liegt für ihn auf der Hand: «Arieh Deri hat Shas gegründet. Bis dahin lebten die Sefardim in den Randzonen dieses Landes, doch seit Deri schaffen sie sich stetig empor. Wer war verantwortlich für Moshe Katzavs Wahl, wenn nicht Shas und Deris Revolution? Arieh Deri hat den Stolz der Sefardim wachsen lassen. Die rund eine halbe Million Shas-Wähler haben das Gefühl, Deri werde nur ins Gefängnis geschickt, um diesen Trend zu brechen. Deri alleine ist mehr wert als alle 17 Shas-Mandate zusammengenommen...»

Deris Leistungen, Deris Verfehlungen

Auf einem anderen Plakat ist zu lesen «Brüder werden nicht im Stiche gelassen» - eine deutliche Anlehnung an eine gleichlautende Kampagne des Rechtslagers gegen die Evakuierung von Siedlungen. Der Sticker schliesslich «Freund, Du bist unschuldig», erinnert verdächtig an ähnlich lautende Slogans, die seit der Ermordung Rabins im Umlauf sind. «Das ist kein Zufall», gibt Idan zu. «Die Linke benutzte sie, um zu betonen, dass sie Rabin nicht vergessen und seinem Mörder nicht vergeben würde. Wir werden nicht vergessen, was Deri für die Sefardim getan hat, und wir werden jenen nicht vergeben, die ihn ins Gefängnis werfen. Unser Schmerz und unser Schock über diese Inhaftierung sind nicht weniger intensiv als der Schmerz und der Schock des jüdischen Volkes nach dem Rabin-Mord.»

Illustre Chronologie

Eine Gruppe von Botschaften richtet sich insbesondere an die Aschkenasim unter den Charedim (Ultra-Orthodoxen). Yehuda Meshi-Zahav, ein von Shas als Berater engagierter aschkenasischer Charedi, formuliert es wie folgt: «Schon in den 50er Jahren sagten aschkenasische Charedim, der Zionismus habe die glorreiche Tradition des sefardischen Judentums zerstört. Deshalb spricht das Argument, das zionistische Establishment verfolge Deri, weil es ihm gelungen ist, die Sefardim zurück zur Thorah-Welt zu führen, die ultra-orthodoxen Aschkenasim an. Meshi-Zahav platziert Deri in eine illustre Chronologie von jüdischen Persönlichkeiten, die wegen ihres Glaubens verfolgt worden sind. Auf dieser Liste finden sich Namen wie Josef, Daniel in der Löwengrube, Rabbi Akiwa, der Maharam von Rothenburg, aber auch Menachem Mendel Schneerson, der letzte Lubawitscher Rebbe.
Shas will am Sonntag rund 30 000 Demonstranten vor das Ma’assyiahu-Gefängnis bringen. «Wir planen eine Reihe von Aktionen», sagt Meshi-Zahav, «die belegen werden, dass die Unterstützung für Deri alle Grenzen überschreitet und von jungen Schulkindern bis hin zu verehrten Würdenträgern in Jerusalem geht.» Kinder werden auf Plakaten Deri für die Errichtung des Shas-Schulwerks danken, Jeschiwa-Schüler werden in Gefängniskleidern an der Demo teilnehmen, und prominente Rabbiner werden sich als Zeichen der Trauer in Säcke kleiden.
Die Kundgebung vor dem Gefängnis soll aber nur der Startschuss für eine öffentliche Kampagne sein, die nach Meinung der Organisatoren bis zu Deris Befreiung dauern soll. Ziel ist es, ihn bis zu seiner Freilassung zum «unbestrittenen Führer» empor zu stilisieren, und zwar nicht nur von Shas, sondern von einer viel breiteren Öffentlichkeit. Das politische System Israels soll so lange unter Druck gesetzt werden bis Deri begnadet wird. «Wenn es uns gelingt», erklärt Meshi-Zahav, «eine Petition zur Begnadigung Deris von 50 Abgeordneten und einer Million Bürgern unterzeichnen zu lassen, wird kein Präsident diese Petition ignorieren können.» Und Idan doppelt nach: «Wir werden Deri bis zum Tag seiner Freilassung konstant in den Schlagzeilen halten.» An diesem Tag wird Deri, so meint Idan, zum Nelson Mandela Israels werden. Mandela wurde bekanntlich 1990 nach vielen Jahren aus dem südafrikanischen Gefängnis entlassen, und 1994 war er Präsident seines Landes.

Haaretz*****Nochmals ein Aufschub?Tel Aviv / Haaretz - Unter Hinweis auf seine neun Kinder, darunter ein drei Monate altes Baby, ersuchte Arieh Deri am Montag den Obersten Israelischen Gerichtshof um Aufschub des Antritts seiner Gefängnisstrafe bis zum 22. Oktober, also nach den Feiertagen. Yehoshua Reznik aber, der stellvertretende Staatsanwalt, widersetzt sich jeglicher weiterer Verzögerung des Strafantritts durch Deri. Alle Verurteilten, so meinte Reznik, möchten an den Feiertagen gerne bei ihren Familien sein. Würde man Deris Gesuch stattgeben, müsste man entweder andere Menschen diskriminieren, oder man würde für hunderte andere, prinzipiell gleichgelagerte Fälle eine Präzedenz schaffen. Das würde bedeuten, dass vom Beginn des Monats Elul bis zum Ende der Feiertage kein Verurteilter seine Strafe würde antreten müssen.