«Wir sollten für unsere Taten, nicht für unsere Gedanken beurteilt werden»
Jüdische Rundschau: Sir Ustinov, letztes Jahr hielten Sie am Institut für jüdische Studien der Universität Basel einen Vortrag. Dabei erzählten Sie eine bisher unbekannte Geschichte von Ihrer Familie.
Sir Peter Ustinov: Es war mir nicht klar, was man von mir erwartete, als man mich zu diesem Vortrag einlud. Man bat mich, über meinen Grossvater zu reden, obwohl ich ihn nie gekannt habe. Als mein Grossvater heiratete, wurde er protestantisch. Das war bei der russischen Armee verboten und deshalb schickte man ihn ins Exil. Er ging nach Württemberg, wo er geadelt wurde. Später siedelte er nach Jaffa, ins damalige Palästina über. Dort baute er das Parkhotel, Krankenhäuser und sogar ein Irrenhaus in Beirut.
Jüdische Rundschau: Das heisst, Sie haben vor einem Jahr erfahren, dass Sie jüdisches Blut haben? Waren Sie überrascht und was fühlen Sie jetzt?Ich habe keine Ahnung. Ich bin gerade daran, das herauszufinden. Ich fühle mich genau gleich wie immer und kann mir nicht vorstellen, dass mein Leben sich dadurch verändert.
Jüdische Rundschau: Sie selbst sind ein begnadeter Humorist. Was halten Sie vom jüdischen Humor?
Sir Peter Ustinov: Der jüdische Humor ist ein wenig traurig und hat etwas Melancholisches an sich. Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit mit dem russischen Humor. Die Russen haben ähnlich den Juden einen grossen Sinn für die tragische Komödie. Mein liebster jüdischer Witz ist sehr typisch und geht so: Die Mutter eines erfolgreichen New Yorker Anwalts schenkt ihm zum Geburtstag zwei Krawatten. Danach führt er sie in ein Restaurant aus. Sie scheint schlechter Laune zu sein. Er sagt zu ihr, aber Mutter, das ist doch eine schöne Gelegenheit, wir trinken Champagner und die Stimmung ist wunderbar. Sie schaut ihn an und sagt, die andere Krawatte gefällt dir also nicht?
Als ich meiner Frau Jerusalem zeigen wollte, sagte ich zum Taxichauffeur, bitte zum Jaffagate. Er meinte, wieso bitte, sie bezahlen mich doch (lacht schallend).
Jüdische Rundschau: Welche Bedeutung hat für Sie die jüdische Literatur?
Sir Peter Ustinov: Die jüdische Literatur hat auch diese melancholische Note. Der Rabbiner, der den Central Park durchquert, seinen Hut abnimmt und bemerkt, dass er auf seinem Kopf einen weissen Dreck einer Taube abbekommen hat. So meint er: Und für die Goim singen sie!
Jüdische Rundschau: Sie waren in Israel. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?
Sir Peter Ustinov: Ich habe eine rührende Beziehung zum American-Colony Hotel in Jerusalem, das ursprünglich von schwedisch-amerikanischen Protestanten gebaut wurde. Es diente der Mission und war nahe dem Bankrott. Mein Grossvater, der in Jaffa das Parkhotel besass, schlug ihnen vor, den Besitz in eine Treuhandgesellschaft umzuwandeln und ein Hotel daraus zu machen. Sie folgten dem Rat und waren danach sehr erfolgreich. Mein Grossvater schenkte ihnen zwei Palmen. Beide gingen zu Grunde. Eine im Sechs-Tage-Krieg, die andere nach 91 Jahren einfach so. Als ich davon erfahren hatte, kaufte ich zwei neue Palmen und ging nach Israel, um sie persönlich zu pflanzen. Ich habe meinen Sohn Igor mitgenommen, falls mir oder den Bäumen etwas zustossen sollte. Mein Freund Teddy Kollek wohnt der Zeremonie bei. Die Palmen gedeihen bis heute sehr gut.
Jüdische Rundschau: Sie hatten die Gelegenheit, eines der letzten Interviews mit Itzhak Rabin zu machen. Wie haben Sie ihn erlebt?
Sir Peter Ustinov: Mein persönlicher Eindruck von Rabin war, dass er sehr schüchtern war. Ein Kettenraucher, wann immer er nicht gerade photographiert wurde. Er genoss offensichtlich das Vertrauen der israelischen Bevölkerung mehr als Peres, denn er war ein Militärmann. Er suchte Lösungen auf logische Art. Um Rabin zu treffen musste ich sehr viele Sicherheitskontrollen durchgehen, viel mehr als es der Mörder je gemacht hat. Rabin empfing mich in seinem Büro, Peres hingegen in seiner Küche. Ich sagte zu Rabin: meiner Meinung nach sind die arabischen Extremisten und eure religiösen Fanatiker wirklich auf der gleichen Seite, obwohl sie behaupten auf der Gegenseite zu sein. Man sollte sie beide gleich behandeln. Darauf antwortete Rabin: Nein, das können Sie nicht verstehen. Die Araber sind die einzigen Terroristen. Kein Jude würde je einen anderen Juden aus politischen Gründen umbringen. Das sagte er mir, zirka vier Wochen bevor er ermordet wurde. Im Nachhinein klingt das fast ironisch. Dann fragte ich ihn, wie er es findet, dass alle Leute auf der Strasse rufen, er wäre ein Mörder. Es sei ihm egal, meinte er, doch das glaubte ich ihm nicht.
Jüdische Rundschau: Hat der Friede in Israel eine Chance?
Sir Peter Ustinov: Unbedingt. Je mehr Leute sich kennen lernen und je weniger sich die Araber als Extremisten betätigen. Die Zeit von Arafat ist vorbei. Er sollte auf einer Briefmarke oder einer Münze gedruckt werden. Solange es intelligente Leute wie Hanna Ashravi gibt, bestehen gute Chancen. Diese Frau hat zudem grosse menschliche Qualitäten.
Jüdische Rundschau: Sie sind Unicef-Botschafter. Die Rechte der Kinder liegen Ihnen am Herzen. Welches sind Ihre Ziele?
Sir Peter Ustinov: Es ist ganz einfach. Es geht darum, den Kindern Respekt zu verschaffen, der zurzeit nicht existiert. Ich kann nicht verstehen, dass gewisse Menschen Kinder nicht respektieren, sogar solche, die selbst welche haben. Ich finde es unverzeihlich. Nur zwei Länder haben die Urkunde für die Rechte der Kinder unterzeichnet - Somalia und die USA.
Jüdische Rundschau: Kann die Schweiz ohne die EU überleben?
Sir Peter Ustinov: Nein das glaube ich nicht. Ich denke, man muss für die Schweiz einen besonderen Platz finden. Es ist unrealistisch, ausserhalb der EU zu bleiben.
Jüdische Rundschau: Sie wohnen in der Westschweiz, warum?
Sir Peter Ustinov: Mir gefällt die Gegend sehr gut. Auch möchte ich, dass sich meine Frau mit den Leuten unterhalten kann, sie spricht zwar Französisch, aber kein Deutsch.
Jüdische Rundschau: Ihr letzter Roman «Monsieur René» erschien zuerst auf Deutsch und auf Englisch, obwohl Sie ihn auf Englisch verfasst haben. Warum das?
Sir Peter Ustinov: Ich habe meinen Verleger gewechselt. Ich finde ihn zwar persönlich sehr nett, doch sein Interesse galt zu sehr den Geschichten von Lady Di und Monica Lewinsky. Damit wollte ich nicht in Zusammenhang gebracht werden.
Jüdische Rundschau: Nächste Woche treten Sie in Basel auf.
Sir Peter Ustinov: Ja, ich habe zum Stück «Der Karneval der Tiere» von Saint-Saëns einen Text geschrieben. Wir führen es gemeinsam mit dem Sinfonie-Orchester Krakau auf, was zu meinen Texten gut passt.
Jüdische Rundschau: Sie betonen immer wieder, ein Fan von ethnischem Schmutz zu sein. Was genau meinen Sie damit?
Sir Peter Ustinov: Im jugoslawischen Sinn bin ich ethnisch unrein, denn ich habe eine Mischung von verschiedenem Blut, was mich zu dem gemacht hat was ich heute bin. Dafür bin ich sehr dankbar und wenn Sie mir sagen, ich hätte jüdisches Blut, so kann ich mich darüber nur freuen.
Jüdische Rundschau: ... dann verdanken Sie dem gemischten Blut die vielen Talente?
Sir Peter Ustinov: Ja doch, davon bin ich wirklich überzeugt.
Jüdische Rundschau: Sie gelten als Multitalent, was machen Sie am liebsten?
Sir Peter Ustinov: Schreiben ist sicher die fesselndste aller Tätigkeiten. Eines der ersten Dinge, die ein junger Künstler lernen muss, ist der Unterschied zwischen «Alleinsein» und Einsamkeit. «Alleinsein» ist ein Luxus und unbedingt notwendig, um neue Charaktere zu kreieren. Es ist ein Wunder, vor einem weissen Blatt zu sitzen und zu schreiben. Es ist zu Beginn zwar schwierig, am Schluss entsteht dafür aber ein Buch.
Jüdische Rundschau: Was bedeutet Ihnen die Schauspielerei?
Sir Peter Ustinov: Ein Schauspieler zu sein ist interessant, aber für mich ist es eher ein intellektueller Sport.
Jüdische Rundschau: Als Kind seien Sie sehr schüchtern gewesen. Wie konnten Sie denn Schauspieler werden?
Sir Peter Ustinov: Fast alle Schauspieler sind schüchtern. Es wird zwar behauptet, Schauspieler seien Exhibitionisten, doch das ist nicht wahr. Lawrence Olivier zum Beispiel hat seine wohlgeformte Nase auf der Bühne mit einer falschen überdeckt, um sich dahinter verstecken zu können. Als Schauspieler war er wunderbar. Musste er aber eine Ansprache im «House of Lords» halten, so war er schrecklich. Es gibt Schauspieler, die privat stottern, aber niemals auf der Bühne, und ich bin überzeugt, dass viele von ihnen sehr schüchtern sind.
Jüdische Rundschau: Sie waren dreimal verheiratet. Was halten Sie von der Ehe? Können Sie uns ein Patentrezept verraten?
Sir Peter Ustinov: Ich kann nur sagen, wäre die dritte Frau die erste gewesen, so wäre ich nur einmal verheiratet. Doch man weiss ja nie. Zudem hätte ich nicht die gleichen Kinder gehabt. Das Geheimnis der guten Ehe besteht darin, zu erkennen, dass Männer nicht hochwertiger sind als Frauen und umgekehrt. Beide haben verschiedene Funktionen, nicht nur biologische, sondern auch mentale. Ich glaube nicht, dass Liebe eine Rolle spielt, es ist vielmehr der Respekt, der zählt. Respekt ist auch weniger anstrengend als Liebe, denn es geht nicht um Emotionen, es geht nur um die Einstellung. Meine Frau und ich sind beide sehr unabhängig und deshalb unzertrennlich.
Jüdische Rundschau: Sie sprechen elf Sprachen. In welcher träumen Sie?
Sir Peter Ustinov: Ich träume nicht, wenn ich es vermeiden kann. Manchmal habe ich jedoch Albträume.
Jüdische Rundschau: Was bedeutet Ihnen Gott?
Sir Peter Ustinov: Ich schrieb ein Buch über Gott und den Teufel. Nach so vielen Jahren kommen sie miteinander eigentlich ganz gut aus. Ich mag diese Frage nicht sehr. Viele Menschen wurden im Laufe der Geschichte wegen ihres Glaubens gefoltert und getötet. Leute haben eine grosse Angst vor anderen Meinungen. Während der Inquisition wurden Menschen nur verfolgt, weil sie nicht das Richtige dachten. Es spielt keine Rolle, was sie taten. Wir sollten für unsere Taten, nicht für unsere Gedanken beurteilt werden.
Vorverkauf: BaZ am Barfi - Ticketcorner - Tickethotline 09 00 55 22 25 (Fr. 1.-/Min.), www.topact.ch. CD zu «Bilder einer Ausstellung» von Modest Mussorgsky, gesprochen von Sir Peter Ustinov, bei: BMG Nr. 74 32 18 0 40 02 - Richtpreis Fr. 35.-.