«Wir sind Glückskinder»
Die helle Wohnung im Paulusquartier, in der Ruth und Max Sternlicht trotz ihres hohen Alters noch immer alleine leben, ist einladend. Die Haushälterin, die dreimal in der Woche zu dem Ehepaar kommt, wirkt im Hintergrund, während Ruth Sternlicht ins Wohnzimmer bittet und anfängt, aus ihrem bewegten Leben zu erzählen. Die 100-Jährige ist geistig wie körperlich erstaunlich beweglich, sie braucht weder Brille noch Hörgerät und betont stolz: «Ich kann noch immer das Gras wachsen hören.»
Aufgrund ihres guten Gesundheitszustands kann sie sich im Alltag mit Hingabe um ihren Mann kümmern. Max Sternlicht, der am 9. November 102 Jahre alt geworden ist, schätzt diesen Umstand sehr. Er kann nicht mehr gut sehen und nur noch auf einem Ohr hören, ist aber geistig sehr wach und rege. «Ohne meine Frau könnte ich keinen Tag länger alleine in unserer Wohnung leben», erzählt er dankbar, und er erinnert sich zurück an die Zeit, in der sich die beiden in Basel kennengelernt haben.
Ein Hund statt Kinder
Die junge Ruth Zadek kam 1933 als ausgebildete Zahnärztin von Berlin nach Basel, Max Sternlicht lernte sie 1937 im Jüdischen Turnverein kennen, beide heirateten 1938 in der Wohnung des damaligen Gemeinderabbiners Arthur Weil. «Es waren schlimme Zeiten», erzählt Ruth Sternlicht, die ihre beiden Eltern im Holocaust verloren hat: Ihr Vater starb in Theresienstadt, ihre Mutter wurde in Auschwitz ermordet, Geschwister hatte sie keine. «Kinder haben wir damals bewusst nicht gewollt», sagt sie gefasst – und so habe sie sich während des Zweiten Weltkriegs vor allem auf ihre Karriere als Zahnärztin konzentriert und sich gleichzeitig freiwillig zum Zivildienst gemeldet. Max Sternlicht ging zweieinhalb Jahre ins Militär, er zeigt sein Dienstbüchlein und ein Fotoalbum aus dieser Zeit. Im Einsatz war er in der Skipatroullie und als Bergführer, was seiner sportlichen Neigung sehr entgegenkam. Damit seine Frau damals nicht so viel alleine sein musste, schenkte er ihr einen Hund. Ruth Sternlicht war zudem sehr beschäftigt, da sie die eidgenössische Matura in der Schweiz nachmachen musste – ihr deutsches Abitur wurde nicht anerkannt.
Sportlich und gesellig
Dass die beiden sich im Jüdischen Turnverein kennenlernten, in dem Max Sternlicht seit seinem zehnten Lebensjahr und bis heute Mitglied ist, scheint passend – war doch ihr gemeinsames Leben auch vom Sport geprägt. Noch mit 80 Jahren fuhr er aktiv Ski, und sie praktizierte bis vor 20 Jahren Eiskunstlauf. Ob diese sportliche Lebenshaltung einer der Gründe für ihr hohes Alter ist? «Wir sind Glückskinder, weil wir unser Leben bisher so lange miteinander verbringen konnten», sagt Max Sternlicht, «warum dies so ist, wissen wir auch nicht.» Nach Angaben des Statistischen Amts des Kantons Basel-Stadt lebten Ende 2010 nur zwei verheiratete über 100-jährige Männer in Basel.
Neben dem Sport vereinte das Ehepaar auch ihr Leben innerhalb der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB). In der Gemeine gibt es zurzeit vier Mitglieder, die über 100 Jahre alt sind, Max und Ruth Sternlicht sind zwei von ihnen. Beide haben seit Jahren ihren festen Platz in der Synagoge, er war früher in der Baukommission der IGB tätig. Während Max Sternlicht seinen 100. Geburtstag noch mit einem Kiddusch in der Gemeinde feierte, stattete ihm Gemeindepräsident Guy Rueff zu seinem 102. Geburtstag einen Besuch ab. Max Sternlicht verlässt seine Wohnung nicht mehr gerne. Noch heute ist er Ehrenpräsident des Vereins Neuer Cercle, dessen Präsidium er einst innehatte. «Ich war der erste gebürtige Ostjude», so Sternheim, dessen Familie 1910 aus Polen in die Schweiz gekommen war, «der im Cercle aufgenommen wurde, kurz darauf war ich bereits im Vorstand.»
Die sozialen Kontakte werden weniger, was auch daran liegt, dass die meisten der damaligen Freunde nicht mehr am Leben sind. Im Haus wohnen zwei Nichten von Max Sternlicht, die auch schon weit über 80 Jahre alt sind. Ruth Sternlicht besucht nach wie vor gerne Konzerte, sie verfolgte die Swiss Indoors mit grossem Interesse vor dem Fernseher und trifft auch mit 100 Jahren noch Bekannte. Gemeinsam denken Ruth und Max Sternlicht an alte Zeiten und auch an die Reisen, die sich nach Südafrika, in die USA und noch bis vor wenigen Jahren zusammen nach Israel gemacht haben.
Erfolgreiches Berufsleben
Der Name Sternlicht ist in Basel vielen Kindern und Erwachsenen bekannt, die vor dem Geschäft Bercher & Sternlicht am Spalenberg auf den kleinen Knopf am Schaufenster drückten, um die Modelleisenbahnen fahren zu lassen. 1945 gründete der Elektromonteur Max Sternlicht zusammen mit seinem Freund Walter Bercher das Geschäft, das heute nach wie vor von der Familie Bercher geführt wird, «mit der wir in gutem Kontakt stehen», wie Sternlicht betont. Er selbst arbeitete in dem Laden, bis er rund 70 Jahre alt war, Ruth Sternlicht führte bis ins hohe Alter ihre eigene Zahnarztpraxis. «Eine Hausfrau war ich allerdings nie», gesteht die zierliche Frau ein: «Meine Mutter kochte wunderbar, aber ich war damals nur an gutem Essen interessiert und nicht daran, wie es zubereitet wurd.e» Dies habe sie später bereut, so Sternlicht, denn «ich konnte mein Leben lang immer nur zum Kaffee einladen und nicht zum Abendessen». Zu seinem Geburtstag bleibt Max Sternlicht zu wünschen, dass das Ehepaar, das
bereits die «Gnadenhochzeit» nach 70 Ehejahren feierte, noch möglichst lange gemeinsam in seiner Wohnung leben kann. An Optimismus fehlt es beiden aber nicht – auf die Frage, ob er einen 102. Geburtstag feiern würde, sagt Max Sternlicht: «Nein, wir feiern diesmal nicht. Es ist ja auch kein runder Geburtstag – sondern nur einer dazwischen.»