«Wir sind an einem Wendepunkt»

April 30, 2008
Seit 1997 präsidiert der 46-jährige Bertrand Leitenberg die Communauté Israélite de La Chaux-de-Fonds. Der Inhaber eines Möbelgeschäfts äussert sich zurückhaltend zu den Zukunftsaussichten seiner Gemeinde.
<strong>Bertrand Leitenberg </strong>&laquo;Was wird in zehn Jahren sein?&raquo;

tachles: Was bedeutet die Organisation der Delegiertenversammlung des SIG für Ihre Gemeinde?

Bertrand Leitenberg: Zunächst einmal möchten wir den Schweizer Juden zeigen, dass es hier noch eine, wenn auch kleine, jüdische Gemeinde gibt. Gleichzeitig möchten wir anlässlich unseres 175-Jahr-Jubiläums der älteren Generation unter unseren Mitgliedern eine Freude bereiten. Dank der aktiven Mitarbeit aller Vorstandsmitglieder können wir die organisatorische Arbeit noch leisten – ob das auch in zehn Jahren der Fall sein wird, kann ich nicht sagen.

Heisst dies, dass die Zukunftsaussichten ungewiss sind?

In der Krise der siebziger-Jahre sind viele Junge weggegangen – sei es nach Israel oder auch nach Lausanne und Genf. Damals glaubte man, es gebe keine Zukunft mehr für unsere Gemeinde. Jetzt geht es der Uhrenindustrie gut, und es sind auch einige Juden neu zu uns gestossen. Dank einer kleinen Zahl von Personen, die sich stark engagieren, haben wir zurzeit eine relativ aktive Gemeinde. Jetzt sind wir aber wieder an einem Wendepunkt. Wenn die nächste Generation zum Studium oder aus anderen Gründen wieder aus La Chaux-de-Fonds wegzieht, sind wir darauf angewiesen, dass auch wieder ein paar motivierte Leute neu herkommen. Sonst müssen wir das Angebot reduzieren.

In der Geschichte hatten sich die Juden von La Chaux-de-Fonds auch mit handfesten antisemitischen Aktionen auseinanderzusetzen. Wie steht es heute mit der Integration der Juden in der Gesellschaft?

Wir sind heute sehr gut integriert und haben hervorragende Beziehungen zur Politik wie auch zu den christlichen Kirchen, den Muslimen und andern Religionen. Ein Beispiel ist das Entgegenkommen der Stadtbehörden, welche uns für die SIG-Versammlung das Volkshaus zur Verfügung stellen, obschon dort am 1. Mai traditionsgemäss der Umzug endet.

Interview: Peter Abelin