«Wir Juden sind Aufgabe genug»

October 9, 2008
Das Centralcomittée (CC) des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) hat einen neuen Präsidenten. An seiner Sitzung von Donnerstag letzter Woche wählte das CC Felix Liatowitsch, der seit 1993 Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel ist. JR-Chefredaktor Yves Kugelmann sprach mit Liatowitsch über sein neues Amt, Funktion und Zukunft des CC sowie über aktuelle Geschäfte des SIG.
Felix Liatowitsch: «Ein funktionierender SIG lag mir schon immer am Herzen. - Foto JR

Jüdische Rundschau: Sie sind bereits Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel. Wer - oder viel mehr was - hat Sie motiviert, jetzt auch im CC das Präsidium zu übernehmen?
Felix Liatowitsch: Mir ist ein gut funktionierender SIG schon immer am Herzen gelegen, und das CC, dessen Ruf derzeit, um es zurückhaltend auszudrücken, nicht allzu gut ist, hatte für mich von jeher eine Funktion, die in sich eigentlich genügt. Nämlich jene als Vorposten der Delegiertenversammlung, die nur einmal jährlich zusammenkommt und nicht zuletzt ein gesellschaftliches Ereignis ist. Das CC hat eine Art Ständerats-Zusammensetzung. Dies passt zwar nicht allen, aber ich finde es gut, dass alle jemanden delegieren, auch die Kleingemeinden. Es ist positiv, dass es ein Gremium gibt, in dem alle ungeachtet der Grösse der Gemeinde etwas zu sagen haben. Dazu kommt, dass das CC ein gewisses begleitendes Kontrollorgan für die Geschäftsleitung darstellt. Gerade jetzt, da die Geschäftsleitung zu einem guten Teil neu zusammengesetzt ist, finde ich es gut, dass man ihr von Anfang an mit ein wenig kritischer Hilfe über die Schulter schauen kann.

Jüdische Rundschau: In den letzten Jahren waren immer wieder Struktur und Reorganisation des SIG ein Thema; Sie waren Mitautor eines entsprechenden Papiers. Als Präsident haben Sie vielleicht jetzt die Möglichkeit, Einfluss auf die Ausrichtung des CC zu nehmen, soweit dies im Rahmen der jetzigen Bestimmungen möglich ist. Was wollen Sie punkto Zielsetzungen des CC neu einbringen?
Felix Liatowitsch: Sie kennen mich - ich bin nicht bekannt als einer, der neue Zeiten anbrechen lässt. Ich bin 1941 geboren, habe stets eine Art Scharnierfunktion innegehabt, früher im Jugendbund, dann in der Gemeinde. Ich bin immer ein Verbindungsglied zur nächsten Generation gewesen, und dies beinhaltet vielleicht einige konservative Elemente, obwohl ich persönlich tendenziell eher ein aufmüpfiger Typ bin. Ich sehe demnach meine Aufgabe keineswegs darin, das CC von Grund auf zu erneuern und zu verändern. Wenn man innerhalb des CC-Betriebs ist, muss man sagen, dass schon viel gewonnen wäre, wenn die Sitzungen gut strukturiert und angemessen geleitet werden könnten. Dies ist beileibe kein Vorwurf gegenüber irgendeinem Vorgänger, denn es ist eine nicht immer ganz leichte Aufgabe angesichts einiger sehr wortgewaltiger und gescheiter Mitglieder des CC, die sich nicht gerne in ein parlamentarisches Korsett drängen lassen. Zu den Strukturen bin ich der persönlichen Meinung, dass grundlegende Änderungen im SIG, solange das Problem der liberalen Gemeinden nicht gelöst ist, nicht sehr wichtig oder interessant sind. Solange das Schweizer Judentum nicht in der Lage ist, die liberalen Gemeinden im SIG zu integrieren, braucht es meines Erachtens keinen Grossumbau. Was man hingegen behutsam anstreben könnte, wäre eine Verkleinerung des CC. Ich sage hier ausdrücklich «behutsam», man darf nicht auf den Tisch hauen und den Kleingemeinden sagen: «Wir zahlen, ihr habt zu gehorchen und aus dem CC auszuziehen.» Aber man könnte doch irgendwann eine sinnvolle Lösung finden. Vordringlich ist auch das nicht. Gerade die letzte Sitzung, die ich noch nicht präsidiert habe, bewegte sich auf einem recht hohen Niveau und zeigte: Man kann auch im CC, wenns drauf ankommt, ganz gut miteinander umgehen und diskutieren.

Jüdische Rundschau: An der letzten Delegiertenversammlung gab es die Motion Nordmann, die die Einsetzung eines externen Beraters im Hinblick auf die Reorganisation des SIG vorschlug. Die Geschäftsleitung hat nun beschlossen, stattdessen eine Umfrage bei der Basis, also beim «jüdischen Volk» in der Schweiz durchzuführen. Wie stellen Sie sich aus der Sicht des CC respektive als dessen Präsident dazu?
Felix Liatowitsch: Ich bin neu gewählt worden als CC-Präsident, es wäre also vermessen, zu sagen, dass ich dazu die Meinung des CC wiedergeben könnte. Ich kann nur sagen, was ich persönlich dazu denke. Ich selbst habe mit Herrn Nordmann nie gesprochen, hatte an der DV aber das Gefühl, dass er damit die befürchtete Abschaffung des CC, wie sie von der damaligen dritten oder vierten Revisionskommission vorgeschlagen wurde, verhindern wollte. Ich selbst halte von einer solchen Untersuchung von aussen nicht so viel.

Jüdische Rundschau: Die Geschäftsleitung scheinbar auch nicht....
Felix Liatowitsch: Das weiss ich nicht. Ich denke, man will einfach stufenweise vorgehen und schauen, ob dies von der Basis aus einigermassen abgesichert ist. Ich habe ein gewisses Verständnis für die Geschäftsleitung, dass man nicht voreilig handelt unter dem Eindruck der ganzen Erfahrungen, die man während der letzten Jahre mit Revisionsbemühungen gemacht hat. Und bevor man eine Menge Geld für eine externe Untersuchung ausgibt, will sich die Geschäftsleitung offenbar via einer Basisbefragung etwas absichern.

Jüdische Rundschau: Und eine Menge Geld dafür ausgeben....
Felix Liatowitsch: Ich glaube nicht, dass man dafür eine Menge Geld ausgeben muss. Ich nehme an, dass das CC vor dem Start der Aktion nochmals damit befasst sein wird.

Jüdische Rundschau: Sie haben das CC vorhin in seiner ähnlichen Funktion und Form mit dem Ständerat verglichen. Vom Ständerat weiss man ziemlich genau, was seine Aufgabe ist, wie er funktioniert und wie er sich gegenüber dem Nationalrat positioniert. Beim CC ist dies für Aussenstehende nicht immer so klar. Haben Sie diesbezügliche konkrete Ansätze?
Felix Liatowitsch: Ich meine, man braucht gar nicht so grosse Sinnbestimmungen für das CC zu finden, denn es ist eine gelungene Zwischenschaltung zwischen Exekutive und Legislative.

Jüdische Rundschau: Und es hat eine Kontrollfunktion...
Felix Liatowitsch: Ja. Es ist für die Geschäftsleitung zwar eher langweilig, an den vier CC-Sitzungen dabeisitzen zu müssen, im Prinzip nichts sagen zu dürfen und sich erst noch oft Kritik anhören müssen. Demokratie funktioniert aber überall so.
Wenn man das CC vor dem Hintergrund der aktuellen Frageninhalte des SIG betrachtet, dann wäre es durch seine Verankerung ein geeignetes Forum, um dort vorbereitend wirken zu können, zum Beispiel in Bezug auf die liberalen Gemeinden.
Das wird vielleicht meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger als CC-Aufgabe einführen, denn ich sehe dies nicht unbedingt als eine solche. Ich glaube, dass die Geschäftsleitung führen und Richtlinien geben muss, die vom CC zu sanktionieren oder zu korrigieren sind. Es soll keine sinnlosen Doppelspurigkeiten geben. Wenn irgendjemand eine gute Idee hat, wie man das Problem mit den liberalen Gemeinden lösen könnte, ist er herzlich willkommen. Im Moment ist keine Lösung absehbar.

Jüdische Rundschau: Die Frage der liberalen Gemeinden ist ein Problem, das vor allem die religiösen Gemeinden abblocken, indem sie mit Auszug aus dem SIG drohen. Das CC wäre ein gutes Forum, um dies intern zu thematisieren, denn dort könnte man die Diskussion vielleicht kanalisieren und im kleineren Rahmen und mit den Vertretern der betroffenen Gemeinden führen.
Felix Liatowitsch: In der Tat ist das CC ein Gremium, in dem man mit einer gewissen Würde und nicht mit allzu riesigen Emotionen über ein solches Thema sprechen kann. Man tut dies auch, nicht unbedingt nur bezüglich der liberalen Gemeinden. Schon jetzt klaffen die Meinungen überall dort, wo die Warnlampe der Halacha zu blinken beginnt, zwischen dem rechtesten und dem linksten Flügel auseinander. Die Frage der Aufnahme der liberalen Gemeinden ist schon vielfach geprüft worden und eine Frage der Zeit. Wenn es zu einer Wiedererstarkung des Judentums in der Schweiz kommen würde, wofür die Statistiken derzeit zwar nicht sprechen, dann wird dieses Thema vermutlich auch nicht aktueller werden - dies ist jedenfalls meine Optik. Wenn die Erosion aber weiter fortschreitet, wird man irgendwann einsehen, dass es schlicht nicht möglich ist, einen Dachverband zu haben, der einen Teil jener, die sich als Juden empfinden, draussen stehen lässt. Im Moment funktioniert eine Art Gentlemen Agreement, mit dem alle ganz ordentlich leben können. Nach meinem Verständnis haben auch die liberalen Gemeinden kein Interesse daran, dass die charedischen Gemeinden den SIG verlassen. Diese sind ja durchaus in der Lage, auch konstruktiv mitzuarbeiten. Die Neubesetzung ihres Sitzes mit einer sehr qualifizierten Persönlichkeit in der GL erachte ich zum Beispiel als eine beachtliche Leistung.

Jüdische Rundschau: Sie sind gleichzeitig an zwei Fronten mit dieser Thematik beschäftigt, weil in der IGB die Ofek zusehends zum Thema wird. Längerfristig wird man, um die Substanz der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz halten zu können, eine prophylaktische Lösung finden müssen, damit es nicht einst zu einer Explosion kommen oder Abspaltungen geben wird. Ist der CC-Präsident der richtige Mann, um hier Einfluss zu nehmen, oder kann er dies intern thematisieren?
Felix Liatowitsch: Dies ist thematisiert, und ich habe während meiner CC-Tätigkeit wann immer ich konnte darauf hingewiesen. Ich meine, die charedischen Gemeinden hätten im Grunde genommen durchaus sagen können, dass sie in einem SIG, der total von allem entschlackt ist, was nichts mit Repräsentation nach aussen oder Politik zu tun hat, verbleiben könnten, auch wenn die liberalen Gemeinden dabei wären. Aber die Fakten sind anders.

Jüdische Rundschau: Im Grunde genommen wäre die Frage eine einfache: Definiert sich der SIG bezüglich Mitgliedschaft über halachische Fragen oder nicht?
Felix Liatowitsch: Im Unterschied zur IGB steht in den Statuten des SIG nicht, dass sich die Mitgliedschaft unter dem Gesichtspunkt der Halacha definieren muss. Das ist aber nicht der Punkt. Es hängt von der Haltung der charedischen Gemeinden und ihrer Rabbiner ab. Es gibt ja Länder, wo die Liberalen im Dachverband mitvertreten sind. Diese könnten als Beispiele dienen.

Jüdische Rundschau: Ist es nicht so, dass das CC, das sich oft trifft und sich aus Gemeinde-Leadern zusammensetzt, eigentlich ein optimales Forum wäre, um mehr Gewicht innerhalb des SIG zu erhalten?
Felix Liatowitsch: Hier spielt das Thema «Zentralgewalt und Föderalismus» herein. Die ICZ zum Beispiel als relativ grosse Gemeinde - in der Schweiz ist alles relativ - genügt sich doch eigentlich selbst. Sie ist nicht stark daran interessiert, dass man allzuviel auf die obere Ebene abschiebt. Für sie ist das Prinzip der Subsidiarität äusserst wichtig - SIG dort, wo unbedingt nötig. Ich persönlich kann dem durchaus etwas abgewinnen. Ich glaube, das jüdische Leben der Schweiz spielt sich in den Gemeinden ab. Der SIG ist die Repräsentanz nach aussen und hat Koordinationsaufgaben nach innen, wo dies von den Gemeinden erwünscht ist. Deshalb ist auch der Aktionsradius des CC beschränkt. Die Geschäftsleitung präsentiert ihm, was sie tut und plant, und das CC dient, wenn es gut zusammengesetzt ist, als gutes Brainstorming-Gremium, das gewisse Korrekturen in der Politik der Geschäftsleitung bewirken kann. Warum soll das nicht genügen?

Jüdische Rundschau: Was sehen Sie für Möglichkeiten, Einfluss nehmen zu können mit persönlichen Anliegen, von denen Sie finden, sie seien wichtig für das Schweizer Judentum, und was sehen Sie in den nächsten Jahren nebst den liberalen Gemeinden für grosse Aufgaben für den SIG?
Felix Liatowitsch: Die GL ist hervorragend zusammengesetzt und braucht meine Eizes nicht. Ich bin auch vom Naturell her kein Einflussnehmer. Das CC soll seine Aufgabe einfach möglichst optimal wahrnehmen. Dazu gehört, Ungleichgewichte auszubalancieren, sollten solche im Laufe der GL-Arbeit manifest werden. Grosse Aufgaben, die auf den SIG zukommen? Wir Juden sind Aufgabe genug.

Jüdische Rundschau: Ist das CC-Präsidium der erste Schritt zu einer möglichen SIG-Präsidentschaft?
Felix Liatowitsch: Ich halte es durchaus für möglich, dass Gaby Rosenstein, meine Vorgängerin im CC-Präsidium, die erste SIG-Präsidentin wird.