Wir haben nichts gelernt

February 4, 2010
Israel Harel zur Lage in Israel

Viele Israeli, aber auch viele Deutsche, sind stolz auf Shimon Peres. In seiner Rede vor dem Bundestag vergass der Präsident nicht, die NS-Vergangenheit des Landes zu erwähnen, zu dessen Parlament er auf Hebräisch sprach – ohne das Wort «Deutschland» auch nur einmal zu nennen.

Die Rede war perfekt geschrieben. Der grosse, über die Szene blickende deutsche Adler konnte ebenso glücklich sein wie die Israeli, die angesichts ihres versöhnten und versöhnlich wirkenden Präsidenten mit Stolz erfüllt waren. Denn nicht einmal in den emotionalen Augenblicken – von denen es einige gab – konnte man die Tatsache ignorieren, dass der unter dem nationalen Symbol Deutschlands stehende Präsident des jüdischen Staates den Deutschen Vergebung gewährte, und zwar nicht nur, als er sagte, dass ihr Land «aufgeklärt» und «verschieden» von dem sei, was es einmal gewesen ist.

Sein Publikum dankte ihm selbstverständlich mit grossem Beifall. Der Mann, der erklärte, im Namen der Juden zu sprechen – sowohl der lebenden als auch der ermordeten –, vermittelte den Mitgliedern des Bundestags grosse Befriedigung, jenen Parlamentariern, dessen Vorfahren das jüdische Volk beinahe von der Erdoberfläche verbannt hatten. Dabei vergass Peres die letzten Worte vieler der Holocaust-Opfer, Worte, die ihr letztes Testament waren: «Rache, nie vergeben, nie vergessen.» Diesen bedeutungsschweren Worten haben unsere Repräsentanten, Peres eingeschlossen, in der Regel nur Lippenbekenntnisse entgegenzusetzen.

In den ersten Jahren verwirklichten Israeli das Testament der Rache durch das Wiedergutmachungsabkommen; unmittelbar darauf folgte unter dem Imperativ «Nie vergessen!» die Entsendung von Delegationen nach Deutschland mit Schwergewicht auf Jugendgruppen. Laut den israelischen Initianten und den deutschen Sponsoren würden diese Jugendlichen erwachsen werden und in Israel die gute Nachricht vom «anderen Deutschland» verbreiten. Gleichzeitig entwickelten Intellektuelle einen Durst nach dem lebendigen Wasser dieser glorreichen Kultur, und welche Nation konnte es mit der Lust des jüdischen Volkes nach den Geldern und Freuden der deutschen Kultur aufnehmen?

Den Versöhnungsprozess, der durch die Rede des israelischen Präsidenten einen neuen Höhepunkt erklommen hat, haben die Deutschen mitgetragen. Neben den vielen Überlebenden, die gelobt hatten, nie wieder einen Fuss auf deutschen Boden zu setzen und sich sicher nicht von den Verlockungen des «anderen Deutschland» überreden zu lassen – das Gelöbnis haben sie oft erfüllt –, gibt es viele andere, die nicht in der Lage sind, Bestechungen oder einer Teilnahme an einem Staatsbankett in der Berliner Präsidentenresidenz (wie sie am Vorabend der Rede von Peres stattgefunden hat) zu widerstehen.

In diesen Tagen hat sich in Berlin und Warschau, in Auschwitz und Jerusalem einmal mehr gezeigt, dass uns Israeli das Geheimnis der Zurückhaltung oder, um mit Chaim Nahman Bialik zu sprechen, die Bedeutung des «kühnen Vorwärtssschreitens in Stille» kein Begriff ist. Politik mit Deutschland liesse sich auch ohne öffentliche Rituale betreiben, und die Erinnerung an den Holocaust könnte ohne Reden am Leben erhalten werden – vor allem, wenn die Reden von Leuten stammen, die die Holocaust-Erinnerung zur Förderung der eigenen Interessen instrumentalisieren. In seinem Werk «Neder» («Gelöbnis») ruft uns der hebräische Dichter Avraham Shlonsky dazu auf, «kein Detail zu vergessen». Die Vergesslichkeit, vor der er uns in seinem  Gedicht warnt, ist keine Lücke im Wissen. Hier geht es um die Ignoranz und nicht allein um das Vergessen. Schlimm werde es uns ergehen, warnt Shlonsky, wenn im Fluss des Lebens die Folgen der grössten Katastrophe verzerrt werden, welche die jüdische Nation bis zur zehnten Generation mit sich tragen müssen. Dabei sind wir erst in der dritten, höchstens vierten Generation angekommen.

«Ich schwöre», schrieb er, «dass ich nie wieder zu meinen falschen Wegen zurückgehen werde.» Offenbar kannte der Dichter die Natur seines Volkes nur allzu gut. Nicht einmal der Holocaust konnte das jüdische Volk ändern.

Israel Harel ist regelmässiger Kolumnist bei «Haaretz».