Wir haben fertig
Rückblick. Die diesjährige Delegiertenversammlung markiert Ende und Wende. Mit dem Rücktritt von Alfred Donath als Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) verlässt eine viel beachtete und geachtete Persönlichkeit die Bühne, ein Mann, der dem Schweizer Judentum über Jahrzehnte viel Esprit, Liebenswürdigkeit, Vision und Kompetenz schenkte und der zugleich als Präsident nicht zu reüssieren vermochte. Der Wissenschaftler, der kein Politiker war. Der Arzt, dem es zuerst um die Menschen ging und der gutgläubig, ohne Durchsetzungsvermögen, an illoyalen Mitstreitern scheiterte. Mit dem Rücktritt seines Vizepräsidenten Josef Bollag aus der Geschäftsleitung, der vor drei Wochen seine Kandidatur für das SIG-Präsidium zurückgezogen hat, endet eine Ära der Flops, des Misstrauens, intransparenter Verbandsarbeit und ethisch fragwürdiger Agitation in einer Mentalität von Angst und Paranoia (die sich auch zwischen die Geschäftsleitung und tachles stellte).
Fazit. Als Alfred Donath im Mai 2000 das Präsidium des
SIG antrat, benannte er in einem Interview mit der damaligen Jüdischen
Rundschau seine Ziele: Aufnahme der Liberalen, Reorganisation des Dachverbands
und Positionierung der jüdischen Schweiz in internationalen politischen
Gremien. Nun, bei seinem Rücktritt, ist die Aufnahme der Liberalen ebenso
gescheitert wie das darauf folgende Kooperationsabkommen; eine Statutenrevision
und somit mittelfristig notwendige Reformen sind abgeblitzt. Donaths menschliche
Stärken sollten die Ursache für die Erfolge wie das Scheitern der
letzten Geschäftsleitung (GL) sein. Eine GL, die unter Mitwirkung vieler
externer bezahlter Berater und unzähliger Mandatsträger konzeptionslos
Konzepte entwickelte, welche nie wirklich umgesetzt wurden. Eine GL, die teure
und fragwürdige Flops, wie etwa das Jüdische Medienforum Schweiz,
Anlaufstelle für Antisemitismus, Media Watch, unter der Verantwortung von
Josef Bollag zuliess. Eine GL, die oftmals den Auftrag der Basis aus den Augen
verlor und eigene Ziele verfolgte. Alfred Donath vermochte das nicht zu ändern,
konnte dem SIG kein politisches Format oder das Charisma seines Vorgängers
verleihen, obwohl er mit Gabrielle Rosenstein, Doris Krauthammer und Sabine
Simkhovitch-Dreyfus überaus kompetente und in den Bereichen Kultur, Flüchtlings-
bzw. Dialogarbeit versierte Kolleginnen im Gremium wusste. Gleichzeitig agierte
Donath dort erfolgreich, wo seine jüdische Kompetenz, Offenheit und Integrität
wirksam werden konnten. Im Rat der Religionen, dem interreligiösen Dialog,
beim Verkauf von Berges du Léman, oder als er mutig, hartnäckig
und konsequent die unerträgliche Doppelmoral des Jüdischen Weltkongresses
und seines starken Mannes Israel Singer bis zu dessen Fall anprangerte. Donath
konnte allerdings sein Gespür für Gerechtigkeit nicht für politische
Belange einsetzen. Der SIG verpasste wichtige Themen, wie den Angriff der SVP
auf die Antirassismus-Strafnorm, die Koscherfleischkrise, die Asyldebatte oder
Nahostthemen im Parlament.
Ausblick. An der DV von La Chaux-de-Fonds werden viele schöne Worte des Dankes zu hören sein. Bleibt zu hoffen, dass neben Alfred Donath die Verantwortlichen auch zu selbstkritischen, wahren Worten finden, dass WJC-Präsident Ronald Lauder in seinem Gastreferat endlich zur Affäre Singer Stellung bezieht und dass so Herbert Winter, dem einzigen Präsidentschaftskandidat, der Weg in eine unvorbelastete Zukunft geebnet wird. Ihn und sein neues Team – sollte er ein solches bis zur Wahl zusammengestellt haben – erwartet viel Arbeit und zugleich die Chance, den Gemeindebund nun endlich wieder als politischen, professionellen und zeitgemässen Verband zu positionieren. Will der SIG die Verbindung zur Basis und seine eigene Legitimation nicht vollends verlieren, dann müssen bald Signale in diese richtige Richtung erfolgen.