Willkür am Mittelweg

Von Irene Armbruster, February 3, 2011
Das von Jan Philipp Reemtsma gestiftete Hamburger Institut für Sozialforschung ist aus dem öffentlichen Diskurs nicht mehr wegzudenken.
Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma Den öffentlichen Diskurs bereichern

Am Anfang reisten die Wissenschaftler einmal im Jahr nach Hamburg, um, eingeladen vom Institut für Sozialforschung, ihre Arbeitsergebnisse zu diskutieren. Aber es entstand keine Identität, kein Feuer. «Das gemeinsame Treffen war eine Pflichtübung, auf die weiterhin isoliertes Arbeiten folgte», beschreibt der Institutsgründer Jan Philipp Reemtsma die Anfangsjahre. Deshalb brauchte es einen festen Ort als Bezugspunkt, und den fand man in einem hellen Zweckbau im Hamburger Villenviertel Harvestehude am Mittelweg 36. Keine der Gratulationen zum 25. Geburtstag des Instituts im Jahr 2009 hat die Beobachtung ausgelassen, die Adresse am Mittelweg 36 sei ein echter Wissensort geworden, an dem – geprägt von seinem Gründer Jan Philipp Reemtsma – eigenwillige und profunde Ergebnisse entstehen. Die Bedingungen sind hervorragend: Das Archiv umfasste im Jubiläumsjahr eine Fläche von 1500 Regalmetern, in der Bibliothek warten 40 000 Medieneinheiten und 260 Zeitschriftenabonnements. Jedes Jahr werden 1000 Bücher angeschafft. Inzwischen sind es mit allen Projektmitarbeitern rund 60 Wissenschaftler, die nach Reemtsmas Wunsch «gut und genau denken».
Jan Philipp Reemtsma erfüllte sich 1984 mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) einen Herzenswunsch. Mit 26 Jahren hatten er und seine Mutter ihre Mehrheitsanteile an dem Zigarettenkonzern der Familie Reemtsma für über 300 Millionen Mark verkauft. Geld, das Reemtsma, der Philosophie und Literaturwissenschaften studiert hatte, in Ideen stecken wollte. Unter anderem in die Gründung einer Stiftung für Arno Schmidt, den er als 24-jähriger Germanistikstudent kennengelernt hatte und dessen Schriften er genauso edierte wie die von Christoph Martin Wieland, Walter Benjamin und Theodor W. Adorno. Der Letztere hatte wie Horkheimer das berühmte Institut für Sozialforschung in Frankfurt geprägt, das aber, so betonte Reemtsma immer wieder, keinen Vorbildcharakter für ihn gehabt habe. Beide Institute vertreten dennoch einen ähnlichen Ansatz: Unabhängig, kritisch und interdisziplinär wollen sie wirken. Nach den Anfangswehen mit einem nicht funktionierenden Beirat ist Jan Philipp Reemtsma nun geschäftsführender Vorstand. Das Hamburger Institut hat drei Themenschwerpunkte festgelegt: Nation und Gesellschaft, die Gesellschaft der Bundesrepublik sowie Theorie und Geschichte der Gewalt. Mit Ulrich Bielefeld, Heinz Bude und Bernd Greiner wurden drei Bereichsleiter gefunden, die inzwischen den bundesrepublikanischen Diskurs massgeblich mitprägen.

Leute beim Denken beobachten

In den Anfangsjahren wurde dem Institut wiederholt eine überzogene Theorielastigkeit vorgeworfen, auch deswegen wurden die Anstrengungen in der Öffentlichkeitsarbeit verstärkt. Seit 1992 publiziert das Institut eine eigene Zeitschrift, benannt nach der Adresse «Mittelweg 36». Und seit 1994 werden sowohl eigene Forschungsarbeiten als auch Übersetzungen im ­institutseigenen Verlag «Hamburger Edition» veröffentlicht. Inzwischen bietet das Institut Beobachtern die Gelegenheit, kluge Leute im wahrsten Sinne des Wortes beim Denken zu beobachten. Über 120 Tagungen, 350 Vorträge und 150 Buchpräsentationen machen dies möglich. Weil die Aktualität zu den Grundsätzen des Instituts gehört, gibt es noch bis März eine Vortragsreihe zu dem Phänomen des breiten bürgerlichen Widerstandes gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Diese Vorträge, bestritten von Personal aus dem Institut, sind genauso möglich wie historische Forschungen, die danach neu eingeordnet und geprüft werden, ob sie Antworten auf aktuelle Fragen liefern. Momentan bietet Steven E. Aschheim mit seinem Aufsatz «Grenzüberschreitende Kultfiguren: das Vermächtnis des deutsch-jüdischen Geistes zu Beginn des 21. Jahrhunderts» in der aktuellen Nummer von «Mittelweg 36» dafür ein exzellentes Beispiel.
Den wirkungsmächtigsten Auftritt hatte das HIS aber nach 1995 mit der Aufbereitung und Darstellung der Verbrechen der deutschen Wehrmacht auf dem Territorium der Sowjetunion und auf dem Balkan. Vor den Ausstellungsorten bildeten sich lange Schlangen, Demonstranten hielten Plakate mit der Aufschrift «Mein Grossvater war kein Mörder» hoch und das Auto des Institutsleiters wurde mit Baseballschlägern traktiert. Die Ausstellung war in vielen Städten zu sehen und hat enorme Bewegung in Deutschland und im Ausland ausgelöst. Sie wurde nicht nur hitzig von Historikern diskutiert, sondern in der breiten Öffentlichkeit und in den Familien. Als Kritiker dem Institut Fehler bei der geografischen und zeitlichen Zuordnung einiger Fotografien nachwiesen, wurden die Ausstellung zurückgezogen, eine Ausstellungsreise durch die USA abgesagt und die Ausstellung unter den Augen unabhängiger Historiker überarbeitet. Die Präsentation der zweiten Ausstellung hat die Sicht auf die deutsche Wehrmacht grundlegend verändert. Seither ist ihre These, dass die Wehrmacht als Organisation an allen Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes beteiligt gewesen ist, zum Allgemeingut geworden. Es ist ein grosser Erfolg des Hamburger Instituts, dass diese Erkenntnis inzwischen in den Schulbüchern gelandet ist und niemand mehr von der «weissen Weste der Wehrmacht» sprechen kann.
Auch wenn die «Wehrmachtsausstellung» grosse Wirkung hervorrief, so ist sie doch kein Einzelfall in der Arbeit des Instituts: Es konnten seither in der Holocaust- und Genozidforschung viele Lücken geschlossen werden. Krieg in allen seinen Ausprägungen war und ist weiterhin ein zentrales Thema. Auch lange tabuisierte Themen wie die Kombination von Gewalt, Männlichkeit und Sexualität im Ausnahmezustand Krieg beschäftigen das HIS, wie eine gerade erschienene und inzwischen ausgezeichnete Studie der Historikerin Regina Mühlhäuser über sexuelle Gewalttaten, Prostitution und intime Beziehungen deutscher Soldaten während des Kriegs in der Sowjetunion 1941–1944 beweist. Viele Erkenntnisse unterstreichen dabei eine schmerzliche, aber für den Ansatz des Instituts grundsätzliche Haltung: Gewalt ist kein Ausnahmephänomen, sondern, wie es der Soziologe Bernd Greiner formuliert, «ein regelmässig eingesetztes Mittel bei der Herstellung oder Transformation sozialer Bindungen».

Unzählige spannende Themen

Das Thema Gewalt ist vor dem Hintergrund des leidvollen 20. Jahrhunderts zum roten Faden der Institutsarbeit geworden. Hatte man in der Aufklärung noch gedacht, Gewalt sei ein zu überwindendes archaisches Phänomen, führen die andauernden Erfahrungen zu einem, wie Reemtsma es nennt, «Gefühl der Ratlosigkeit». Ständig, so betonte er in einem Interview mit der «Frankfurter Rundschau», «werden in verschiedenen Teilen dieser Welt Menschen damit konfrontiert, dass sie der Gewalt auch durch die simplen Strategien des Weglaufens oder Auswanderns, der Konversion oder des Aufgebens nicht entgehen konnten». Diese Erfahrung hat Jan Philipp Reemtsma auch im eigenen Leben gemacht. Er wurde 1996 entführt und kam erst nach vier Wochen und der Zahlung von Lösegeld wieder frei. In bewundernswerter Weise verarbeitete er diese Gewalterfahrung in seinem Buch «Im Keller». 2008 schliesslich erschienen seine grundsätzlichen Erkenntnisse zu diesem Thema in dem grossen Essay «Vertrauen und Gewalt». Reemtsma, von dem die Wochenzeitung «Die Zeit» schrieb, er sei eher der Typus des aufgeklärten Privatgelehrten als des linken Theorieproduzenten in der Nachfolge der 68er-Bewegung, ist in der öffentlichen Diskussion längst eine moralische Instanz, wenn es um Fragen von Gewalt und ganz besonders um das Thema Folter geht. Ganz dezidiert hat er sich immer wieder gegen eine Aufweichung des staatlichen Folterverbots – auch in Zeiten von terroristischen Bedrohungen – ausgesprochen.
Und noch eine Debatte wäre ohne die Forschungen des Instituts für Sozialforschung nicht in dieser Grundsätzlichkeit möglich gewesen oder hätte sich im Erzählen von mehr oder minder authentischen Erinnerungen erschöpft: die Geschichte der 68er-Bewegung. Der Politikwissenschaftler und HIS-Mitarbeiter Wolfgang Kraushaar hatte in den letzten Jahrzehnten das grösste Archiv dieser Protestbewegung zusammengetragen und dem Institut überlassen. Zusammen mit einer Gruppe von Wissenschaftlern stellte er die Biografien von Akteuren der 68er-Bewegung zusammen und entzauberte einige Mythen. Im Jahr 2008 erschien das viel diskutierte Standardwerk «Achtundsechzig. Eine Bilanz». Kraushaar rekonstruierte zudem das gescheiterte Bombenattentat vom 9. November 1969 auf die jüdische Gemeinde in Berlin und belegte damit den oft geleugneten Antisemitismus einiger Protagonisten der 68er-Bewegung.
Die Forschungen des Instituts für Sozialforschung verfolgen auch den weiteren Weg der Protestbewegung in die absolute Radikalisierung der Terrorgruppe RAF. Der gerade wieder aufgenommene Prozess gegen Verena Becker, der dazu dienen soll, endgültig den Mörder von Generalbundesanwalt Siegfried Buback zu ermitteln, wurde unter anderem durch die Recherchen von Wolfgang Kraushaar brisant. Der hatte in einer Studie nachgewiesen, dass Verena Becker enge Verbindungen zum deutschen Verfassungsschutz unterhielt, was der Wahrheitsfindung in den siebziger Jahren anscheinend nicht dienlich gewesen ist.
Damit nicht genug. Das HIS hat den öffentlichen Diskurs mehr als nur bereichert. HIS-Forscher haben Pionierarbeit bei der Beobachtung der sozialen Exklusion geleistet und festgestellt, dass der gesellschaftliche Abstieg nicht nur die bekannten Randgruppen, sondern auch die Mittelschicht bedroht. Mitarbeiter des Instituts analysierten die als Allheilmittel gepriesene Dienstleistungsgesellschaft kritisch und untersuchten die Lebensbedingungen von Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere. Die Liste liesse sich mit spannenden Themen und ungewöhnlichen Blickwinkeln fortsetzen. Diese Zwischenbilanz signalisiert die – wie Reemtsma es nennt – «Willkür des Instituts», weil es machen kann, was es will. Aber so schreibt er als Stifter des Instituts: «Es kann zuweilen mehr wagen, unkonventioneller sein, aber das alles mit Massen, wenn Standards gehalten werden sollen.» Dieser selbstverordnete Spagat scheint gelungen.    ●

Irene Armbruster war Leiterin des Berliner Büros des aufbau. Sie lebt nun in Stuttgart und arbeitet als feste Autorin für das Blatt.