Willkommen, Herr Erdogan!
Sollte Recep Tayyip Erdogan Gaza besuchen wollen, und wenn es nur wäre, um ein paar Körner Koriander mitzubringen, deren Einfuhr nach Gaza Israel aus unerfindlichen Gründen nicht gestattet, würde ich ihn im Namen der Hamas und aller Bewohner des Streifens willkommen heissen. Ich weiss nicht, ob Ägypten, das den Gazastreifen ebenfalls blockiert hat, und vor allem die Palästinensische Behörde einen solchen Besucher mit offenen Armen willkommen heissen würden. Für uns Israeli aber besitzt dieses Thema nicht mehr höchste Priorität.
Schliesslich sind wir nicht mehr in Gaza. Es hat uns fast zehn Milliarden Schekel gekostet, um alle Häuser und Synagogen im Katif-Siedlungsblock zu zerstören, die Grabstätten zu verlegen und die Siedler erneut «zufriedenzustellen». Wir haben Gaza vor fünf Jahren unter der Regierung Ariel Sharon ohne Vorbedingungen verlassen.
Die Hamas aber, anstatt das geräumte Gebiet zu einer wunderbaren Touristenattraktion zu verwandeln, machte aus ihm eine einzige, grosse Abschussrampe für Kassem-Raketen. Jahrelang beschoss sie israelische Städte und terrorisierte die Zivilbevölkerung. Hätte Erdogan wenigstens beim Wiederaufbau des Gazastreifens mitgeholfen und dessen Führer dazu gebracht, keine Raketen mehr gegen Israel zu schiessen, hätte er zur Beruhigung der Lage beigetragen und den Frieden gefördert. In den Augen muslimischer Radikaler aber, und manchmal auch in unseren eigenen Augen, kontrollieren wir Gaza nach wie vor.
Israels Problem ist seine bröckelnde Position in der internationalen Meinung, was wiederum zurückzuführen ist auf seine Schwäche und seine Unfähigkeit, echte Konzessionen einzugehen. Die von Binyamin Netanyahu, Ehud Barak, Avigdor Lieberman und Eli Yishai geführte Regierung gilt nicht als eine, die fähig ist, ein auf territorialen Konzessionen basierendes Abkommen zu erzielen. Noch viel weniger sieht man in ihr eine Regierung, die imstande wäre, eine dauerhafte Grenze zwischen zwei Staaten zu formen.
Zum Flotten-Zwischenfall und zum anschliessenden weltweiten Groll gegen Israel wäre es nie gekommen, hätten wir uns in seriösen Verhandlungen mit palästinensischen Führungskräften befunden. Stattdessen aber halten wir an einer Blockade fest, bekannte Musiker sehen sich veranlasst, ihre Vorstellungen in Israel zu annullieren. Irgendwie erinnert das an Südafrika unter dem Apartheidregime.
Verbreiten politische Führer den Eindruck von Schwäche, provozieren sie, gleich einer Schafherde, die Attacken der Wölfe. Wir sind Opfer einer ganzen Reihe von bizarren Organisationen geworden und sind in Fallen gegangen, die wir unbedingt hätten meiden müssen. Zum Glück lassen uns die USA trotz aller Enttäuschungen, die sie mit uns erleben, nicht in den Abgrund fallen – zumindest nicht bis zu den nächsten Wahlen in Washington.
Unser Problem ist fast immer das gleiche: Zuerst widersetzen wir uns einer Untersuchungskommission, doch zum Schluss sind wir gezwungen, unter den schlimmsten Bedingungen nachzugeben. Wir sollten keinen einzigen Tag mehr darauf verschwenden, über den Entschluss der Bildung einer internationalen Untersuchungskommission zu debattieren. Vielmehr sollte der Beschluss verdaut und die Kommission mit Beteiligung der USA, Israels und der Türkei gebildet werden. Zu untersuchen wären der Flottenaufmarsch und die Umstände, die zum blutigen Ergebnis geführt haben.
Alles ist mehr oder weniger bekannt. Die Fotografien von unseren blutig geschlagenen Soldaten auf dem Deck der Mavi Marmara, die von der türkischen Zeitung «Hürriyet» publiziert worden sind, beweisen klar, wer wen in einen Hinterhalt hat laufen lassen. Aus einer militärischen Perspektive hat sich Israel tatsächlich eine geheimdienstliche Panne zuschulden kommen lassen: Das Marinekommando wusste nicht rechtzeitig, dass uns Halunken mit Messer, Sägen, Schlagstöcken und allen möglichen anderen tödlichen «kalten» Waffen auflauerten.
Ob die Blockade von Gaza legal ist oder nicht, ist eine Frage für sich. Es ist aber nur schwer zu glauben, dass keiner der türkischen Geheimdienste wusste, dass eine Gruppe von Terroristen wie die beschriebene auf der Mavi Marmara auf unsere Soldaten wartete. Auch muss die türkische Regierung erklären, wieso sich ausschliesslich auf diesem Schiff, aber auf keinem einzigen der anderen, eine derart gewalttätige Gruppe befand. Lauern sie auch den Inspektoren der Küstenwache in Istanbul mit Waffen auf?
Wir müssen uns nun die folgende Frage stellen: Wie konnten wir in eine Situation geraten, in der es legitim ist, sich auf uns zu stürzen und uns im Nachhinein zu verurteilen? Israel muss seine Regierung neu zusammenstellen, damit eine Mehrheit entsteht, deren Bestreben es ist, endlich seriöse Verhandlungen mit den Palästinensern zu beginnen. Wir brauchen ein Abkommen über eine definitive Grenzziehung, ein Abkommen mit Syrien und die Wiederherstellung unserer strategischen Verbindungen mit der Türkei und Europa.
Yoel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».