Wiener Kristallnächte und -tage

Editorial von Yves Kugelmann, February 25, 2011

Scheinwelten. Was haben Silvio Berlusconi, lic. iur. Karl-Theodor zu Guttenberg und Danielle Spera gemeinsam? Sie sind Gaukler, Platitüdenklopfer und glauben, mit viel Schein eigentliches Sein zu kaschieren und übertrumpfen zu können. Jahrelange legte sich Berlusconi ausser mit Minderjährigen vor allem mit dem Diktator Ghadhafi ins Lotterbett. Eine Minderheit begehrte auf. Monatelang stolperte zu Guttenberg von einem Skandal in seinem Ministerium zum anderen – bis zur eingebildeten Doktorarbeit. Eine Minderheit begehrt auf. Tagelang redet Danielle Spera klein, dass sie als Museumsdirektorin Erinnerung und Kunst nicht bewahrt, sondern zerstört. Ohne Sensibilität für Ort, Thema und Geschichte inszeniert die ehemalige Nachrichtensprecherin des ORF eine Art Kristallnacht der Kunst, die den Blick auf eine unrühmliche Verstrickung von Macht, Filz, Arroganz und einen unerkannten Skandal freilegt, der seinesgleichen sucht. Eine Minderheit begehrt auf.

Reale Welten. Während sich Menschen oft unter Lebensgefahr aus den Fesseln von totalitären Regimen in die Freiheit kämpfen, treten Berlusconis, Guttenbergs, Speras diese Errungenschaften mit Füssen. Eine entgegenlaufende Parallelität, die mehr als eine zeitliche und doch keine kausale ist. Denn im postrevolutionären Westen überschreiten gerade Wirtschafts-, Gesellschafts- und politische Eliten Grenzen des Rechts, des guten Geschmacks, der Integrität und der Ethik derart, dass die Protagonisten nicht nur im Angesicht der Umbrüche zu Karikaturen verkommen, welche Mehrheiten manipulieren und von Minderheiten entlarvt werden. Während in arabischen Ländern Mehrheiten aufbegehren, lehnen sie sich hier zurück und lassen zu, dass Karikaturen Grundwerte und Errungenschaften der Aufklärung ad absurdum führen, ohne dass die einstige Instanz der Mehrheit interveniert.

Seinswelten. Worum es geht? Nein, nein, es geht nicht um die vermeintliche Gleichstellung von Ereignissen in Libyen und Wien oder Kairo und Rom, Tunis und Berlin. Es geht um das Erkennen von Mechanismen und Kräften, die in Gesellschaften wirken. Es geht um den Verlust der Erkenntnis, was richtig und was falsch ist, um den Verlust einer Kultur des Rechts und der Gerechtigkeit, in der Macht nicht Privileg und Masslosigkeit, sondern Verpflichtung und Verantwortung bedeutet.

Reflexionswelten. Wo ist die Mehrheit? Wiens Kaffeehauskultur ist längst tot. Die alten Kaffeetempel stehen noch, doch der scharfe Gedanke, die treffende Pointe, die Satire und all jene, die sie im Munde führten, sind längst verschwunden. Was für Karl Kraus und Co. («Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst») Steilvorlage für Polemik, Pointe, hin zur Erkenntnis gewesen wäre, wird heute von der Mehrheit nicht einmal mehr erkannt. Lethargie, Sättigung, manchmal Ohnmacht haben sie blind gemacht.

Atlantiswelten. Was haben Silvio Berlusconi, lic. iur. Karl-Theodor zu Guttenberg und Danielle Spera gemeinsam? Sie tun das Falsche und werden sich obsessiv im öffentlichen Amt zu halten versuchen. Doch die richtige Instanz für die Beurteilung des Falschen ist im postrevolutionären Westen längst nicht mehr die Mehrheit, sondern die Minderheit. Und so entlarven qualifizierte Minderheiten die Obrigkeiten: in Italien die Frauen Berlusconi, in Deutschland Internetaktivisten zu Guttenberg, in Wien Museumsdirektoren Spera. Während allerdings Mehrheiten in diesen Tagen jene stürzen, die das Falsche getan haben, werden Minderheiten jene ertragen müssen, die nicht das Richtige tun. Wiens Scherbenhaufen zerstörter Erinnerung ist also nur ein Kapitel mehr im selbstverschuldeten Niedergang der Kultur der Freiheit.