Wiege jüdischer Moderne
Am Anfang war der Gewürzhandel. Wie aus einer Niederlassung jüdischer Fernhändler in Mainz binnen weniger Jahrzehnte die aschkenasische Kultur erblühte, schildert der Historiker Uri R. Kaufmann im ersten Beitrag dieser Ausgabe über jüdisches Leben am Mittelrhein. Die Händler bildeten das Rückgrat jüdischer Gemeinden in Mainz, Worms oder Speyer, in der bald Religionsgelehrte ihr für das mittel- und osteuropäische Judentum grundlegendes Wirken entfalten konnten. Die Schriften von Rabbinern wie Gerschom ben Judah (960–1013) und Schlomo ben Jizchak (1040–1105) sind bis heute unverzichtbar im Unterricht jüdischer Schulen. Doch die grossen, von Legenden umrankten Lehrer werden im Unterricht – und generell – nicht als ferne Grössen, sondern als liebe Freunde und Verwandte wahrgenommen. Gerschom, «die Leuchte des Exils», und Schlomo werden deshalb meist zärtlich-vertraut nur mit ihren Spitznamen Rabbenu und Raschi angesprochen.
Dies schildert aus eigener Erfahrung Elie Wiesel. Der Träger des Friedensnobelpreises hat jüngst ein Buch über Raschi vorgelegt, aus dem der aufbau hier als erste deutschsprachige Publikation einen Auszug vorlegt. Wiesel begibt sich auf eine persönliche Spurensuche, die ihn ebenso zu Raschis späterer Wirkungsstätte im nordfranzösischen Troyes wie zurück in seine eigene Kindheit führt. Damals, vor dem Holocaust, hat ihn die Frage «Was sagt Raschi dazu?» in der Religionsschule immer wieder zurück zu dem gewaltigen Corpus von Kommentaren und Rechtsentscheidungen geführt, den Raschi hinterlassen hat. Wiesel ruft emphatisch aus: «Dank seines Lebens, seiner Bildung, seiner Arbeit und seiner Grosszügigkeit bleibt er die Quelle, aus der wir alle trinken. Ohne ihn wäre mein Durst nie gelöscht worden. Ohne ihn wäre ich mehr als einmal verloren gegangen in dem gigantischen Labyrinth des babylonischen Talmud.»
Dass sich Wiesel mit Raschi und der blühenden jüdischen Kultur am Mittelrhein befasst, hat jedoch auch mit der Parallele zu tun, die er zwischen dem Holocaust und den Pogromen zieht, die mit den Kreuzzügen über die Juden in Mainz oder Worms hereinbrachen. In dieser Spannung zwischen wirtschaftlich-kultureller Blüte und existenzieller Bedrohung bewegen sich sämtliche Beiträge dieser Ausgabe. Irene Armbruster würdigt den in Düsseldorf am Rhein geborenen Heinrich Heine als Romantiker, der es wagte, Humor in Dichtung und Journalismus einzuführen. Der heute in New York lebende Anwalt Fritz Weinschenk gesteht dagegen ein, dass er auch mit seinen 89 Jahren immer noch nicht aus «ganzem Herzen mitlachen kann», wenn er die Karnevalssendung «Mainz wie es singt und lacht …» sieht (Bild: Fischtorplatz im Mainzer Zentrum mit Brunnen). Weinschenk wuchs im Mainzer Stadtteil Gonsenheim auf und floh mit seinen Eltern 1935 in die USA. Dort war er viele Jahre lang als Präsident des Emigrantenvereins New World Club Herausgeber des aufbau. Im Gegensatz zu Wiesel ist Weinschenk jedoch nicht mit Raschi aufgewachsen, sondern in dem für die damalige Zeit so charakteristischen assimilierten deutsch-jüdischen Bürgertum. Wie die weiteren Beiträge etwa zur Genealogie oder zur heutigen jüdischen Gemeinde in Köln zeigen, gehört auch dies zu der nicht zuletzt an Facetten reichen Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens am Mittelrhein. ●