Wiedergeburt einer Legende
Albert Einstein war kein Spontanurlauber. So ist der «New York Times» vom 14. Mai 1934 zu entnehmen, dass Professor Einstein und seine Gemahlin den Badeort Watch Hill an der Küste Rhode Islands besucht haben, um in Begleitung eines Immobilienmaklers dortige Anwesen für die Sommerferien zu besichtigen. Am 14. Juli vermeldete das Blatt, dass der berühmte Emigrant wenige Monate nach seiner Ankunft in den USA tatsächlich ein Ferienhaus in dem winzigen Städtchen angemietet hatte, wo sich seit Ende des amerikanischen Bürgerkriegs die Spitzen der Gesellschaft zwischen Boston und New York ein sommerliches Stelldichein gaben. Es existieren auch Fotos aus diesem Jahr, die den begeisterten Segler an Bord eines Bootes im Yachthafen von Watch Hill zeigen. Der lokalen Legende nach war Einstein in den folgenden Jahren wiederholt an der hügeligen Landzunge zwischen dem offenen Atlantik und einer durch Sandbänke geschützten Flussmündung, die ihren Namen einem kleinen Leuchtturm verdankt.
Die erste Adresse am Ort
Die Ortsgeschichte überliefert zudem, dass auch der Nobelpreisträger seinen Tee in einer örtlichen Institution getrunken hat, die damals schon lange zu den führenden ihrer Art an der neuenglischen Küste zählte: im Ocean House. Das ganz aus Holz gebaute Hotel war die erste Adresse in Watch Hill und bot nicht nur anspruchsvollen Gästen und Prominenten wie Clark Gable oder Frank Sinatra Unterkunft, sondern zog mit seinem Restaurant, einem Ballsaal und überdachten Terrassen auch Sommerfrischler an, die bei Freunden und Verwandten in den Villen rundherum lebten oder – wie Einstein – selbst ein Ferienhaus nahe dem makellosen, viele Kilometer langen Sandstrand gemietet hatten.
1868 auf der dominierenden Anhöhe der Landzunge erbaut, durchlief das Hotel zahlreiche bauliche Veränderungen. Es war zunächst ein allein stehendes, vierstöckiges Holzgebäude, das seine Breitseite der südwestlich in der Ferne über dem Meer sichtbaren Spitze von Long Island zuwandte, die Schmalseite aber dem etwa 15 Kilometer entfernten Block Island und dem direkt unterhalb des Hotels liegenden Strand. Im Lauf der Jahre fügten wechselnde Eigner dem architektonischen Kern Anbauten und Nebengebäude hinzu, bis das Ocean House um 1910 seine klassische, auf Postkarten verewigte Form angenommen hatte: Zwei parallel nebeneinander stehende, zur Landseite hin durch eine breite Eingangshalle miteinander verbundene Flügel, die über den zum Meer hin abfallenden Hang hinausragten. Dies gab dem weithin sichtbaren Ensemble mit seiner gelben Fassade und weiss abgehobenen Fensterrahmen und Säulen ein majestätisches Gepräge.
Langsamer Zerfall
An der Südseite des ursprünglichen Gebäudes verlief weiterhin dessen breite und überdachte Terrasse, unterhalb wlecher ein offenes Deck zum Verweilen einlud. Das Ocean House war in dieser Gestalt bis ins frühe 21. Jahrhundert von Ende Mai bis Mitte September in Betrieb. Für den rauhen Winter in Neuengland war das Haus nicht gerüstet und ausserhalb der Saison kamen ohnehin keine Besucher nach Watch Hill. Zwischen November und April gleicht der Ort bis heute einer Geisterstadt. Neben dem unteren Stockwerk des Ocean House barg dessen Untergeschoss eine Bar mit einer kleinen Tanzfläche, in der an Sommerwochenenden lokale Bands aufspielten. Doch wer vor zehn oder 15 Jahren nach einem Strandausflug auf der offenen Terrasse bei einem Gin Tonic sass, konnte mit blossem Auge erkennen, dass die besten Zeiten des wunderschönen Hotels längst vorbei waren: An vielen Stelle blätterte die gelbe Farbe in dicken Schichten ab. Beunruhigender war indes, dass an dem ganzen Gebäude eigentlich kein rechter Winkel mehr zu erkennen war: Beide Flügel sackten in sich zusammen und auf allen Seiten verliefen die übereinander genagelten Planken nicht mehr in schnurgeraden Linien, sondern in wilden Wellen. Die meisten der alten Schiebefenster liessen sich nicht mehr bewegen.
Die Architektin Meg Lyons erklärt: «Nach 1938 hat eine neue Besitzerfamilie das Gebäude unter anderem mit Wasser- und Stromleitungen modernisiert. Aber wir haben festgestellt, dass die Arbeiter damals unglaublich leichtsinnig vorgegangen sind. Die haben für ihre Renovierungen tragende Balken durchgesägt und damit den inneren Zusammenhalt der Struktur zerstört.» Lyons ist Mitglied der renommierten Firma Centerbrook Architects and Planners aus dem Nachbarstaat Connecticut. Sie hat die letzten fünf Jahre ihres Berufsleben dem Ocean House gewidmet und Ende Mai Zeit gefunden, tachles die Früchte ihrer Arbeit zu zeigen: Nach langen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Investorengruppen, Nachbarn und der örtlichen Bauaufsicht hat der erfolgreiche Investment-Manager Charles Royce das Anwesen im Jahr 2005 erworben. Der heute 70-Jährige gilt als einer der «Gurus» der Wall Street. In Connectictut aufgewachsen, kennt Royce das Ocean House seit seiner Studienzeit an der elitären Brown University in Providence, der Hauptstadt von Rhode Island.
Erhalt und moderne Annehmlichkeiten
Royce war zunächst bestrebt, das Ocean House so weit als möglich zu erhalten. Aber Lyons und ihre Kollegen fanden rasch heraus, dass es einem Wunder gleichkam, dass das Gebäude überhaupt noch stand. Allein die strukturellen Schäden machten eine Restauration im üblichen Sinne völlig undenkbar. Dazu kam der dramatische Wandel nicht nur im amerikanischen Tourismusgeschäft. Gäste bringen heute ungleich weniger Musse mit und stellen dafür deutlich höhere Ansprüche an Ferienhotels. Zudem haben sich die noch zu Einsteins Zeiten geltenden gesellschaftlichen Normen und Rituale weitgehend geändert: Royce selbst mag noch aus der alten, angelsächsisch-protestantischen Oberschicht Neuenglands stammen, die bis in die 1950er-Jahre hinein zahlreiche prächtige Holzhotels an der gesamten Ostküste der USA frequentiert hat. Aber selbst die jüngeren Angehörigen dieser Elite haben heute meist jedes Interesse an derartigen Traditionen verloren. So entschloss sich Royce zu einem radikalen Neuanfang in Watch Hill: Zur grossen Trauer vieler Stammgäste und Bewohner der Region wurde das Ocean House 2005 abgerissen. Fünf Jahre und 150 Millionen Dollar später kann
Lyons die Reinkarnation des Hotels als Luxus-Ressort präsentieren, das dennoch unmittelbar an seine grosse Tradition anknüpft. Nun hat das Ocean House zum Beginn der Sommersaison Ende Mai die ersten Gäste empfangen.
Lyons und ihr Team haben Tausende von Einrichtungsgegenständen und Fassadenelementen des alten Gebäudes gerettet, um das Ocean House möglichst «originalgetreu» wieder entstehen zu lassen. Das neue Hotel wirkt tatsächlich wie eine organische Fortentwicklung – als ob nach 1938 in jeder Generation sinnvoll in die Modernisierung des Hauses investiert worden wären. Angefangen bei der wieder verwendeten Originaltür am vorderen Eingang aus dem Jahr 1868, atmet das Ocean House Geschichte und zeitlose Qualität. Wer auf die Tür zuschreitet, überquert ein Deck aus brasilianischem Mahagoni, das das Herz eines jeden Jachtbesitzers höher schlagen lässt. Überall wurden hochwertige Bau- und Werkstoffe verwendet, aber Lyons und ihre Kollegen haben bewusst auf solche Effekthascherei verzichtet, wie etwa in Las Vegas «Luxus» signalisiert. Dies entspricht dem nüchternen Geist Neuenglands.
Neu zu entdecken
Das Hotel hat seine offenen, klaren Linien in weiten Teilen beibehalten, auch wenn der Grundriss deutlich überarbeitet wurde. Das ursprüngliche, rechteckige Gebäude ist bis zu seiner Terrasse und einem mittig positionierten Turm fast originalgetreu wiedererstanden. Aber links davon geht nun ein bogenförmiger Flügel ab, der einen Swimmingpool und eine zentrale Terrasse umfasst, von der aus die Gäste einen atemberaubenden Ausblick auf den Atlantik und die Küste von hode Island geniessen können. In diesem Flügel sind auch die meisten der 23 Eigentumswohnungen zu finden, die zwischen 1,5 und 7 Millionen Dollar kosten. Trotz der Finanzkrise haben zehn davon bereits Besitzer gefunden, die ihre Apartments entweder selbst bewohnen oder «untervermieten» können. Die Zimmerpreise beginnen bei 495 Dollar pro Nacht und können bis zu 10 000 Dollar für eine weitläufige Suite ansteigen, in der eine Grossfamilie gemütlich unterkommen könnte. Dies entspricht in etwa den Preisen in den Hamptons auf Long Island oder in anderen gesuchten Badeorten an der Ostküste.
Das Stichwort Hamptons führt zur zentralen Frage dieses ehrgeizigen, aber auch erstaunlich idealistischen Unterfangens: Wo sollen rund ums Jahr die Gäste für die 49 Zimmer und Suiten herkommen? Das Ocean House bietet Konferenzräume, exquisite Wellness-Einrichtungen und eine feine Küche. Aber Watch Hill ist auch heute kein Ort für Spontanurlauber. Die Landzunge liegt wesentlich weiter von New York entfernt als die Hamptons, und die Bostoner verbringen den Sommer heute lieber auf Cape Cod, Martha´s Vineyard oder Nantucket. Watch Hill und seine weitere Umgebung bieten letztlich primär «Sonne, Strand und Ruhe», wie Meg Lyons in der Hoffnung sagt, dass auch diese Attraktionen nur darauf gewartet haben, neu entdeckt zu werden.